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Wer findet den Weg aus dem Labyrinth?

Von Manuela Hahofer

Reflexionen

Frauen haben keinen Orientierungssinn - Männer fragen nicht nach dem Weg. Klischee oder Wahrheit? Und wie funktioniert der Orientierungssinn von uns Menschen eigentlich tatsächlich?


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Jeder von uns kennt das: Wir sind in einer fremden Stadt und haben uns hoffnungslos verlaufen. War es diese Straße, durch die wir gekommen sind, oder doch die Parallelgasse? Wir drehen uns im Kreis und zücken den Stadtplan. Manchen Menschen gelingt es praktisch an jedem Ort der Welt, sich zurecht zu finden - manche verirren sich schon auf gut beschilderten Skipisten. Warum ist das so? Und haben Frauen wirklich einen schlechteren Orientierungssinn als Männer?

Die Frage nach dem Weg. Eines scheint gewiss zu sein: Männer weigern sich öfter als Frauen, nach dem Weg zu fragen. Ob sie auch mehr Orientierungssinn haben, versuchen Studien immer wieder herauszufinden.

Und tatsächlich ist diese Aussage nicht ganz von der Hand zu weisen.

Frauen tun sich im Allgemeinen etwas schwerer mit räumlichen Zusammenhängen, sie orientieren sich eher an Landmarken. Das hat aber den Vorteil, dass sie sich im Gegensatz zu Männern leichter auf Landkarten zurechtfinden. Dahinter scheint eine unterschiedliche Strategie zu stecken: Frauen und Männer haben einfach unterschiedliche Wege gefunden, an das Problem heran zu gehen.

Man muss nur einmal darauf achten, wie Männer und Frauen einem Fremden den Weg beschreiben. Während Männer genaue Angaben zu Himmelsrichtungen und Entfernungen machen, bauen Frauen ihre Wegbeschreibung ganz anders auf. Da wird auf markante Punkte hingewiesen, ein Geschäft erwähnt, ein Denkmal als Orientierungshilfe für den Fremden erwähnt. "Aber warum ist das so?", fragt sich nun jeder. Merken sich Frauen räumliche Zusammenhänge wirklich schlechter oder achten sie einfach nur auf andere Dinge als Männer?

Pfadfinder-Mentalität. Dies ließ zwei Wissenschafterinnen keine Ruhe - Catherine Jones und Susan Healy von der University of Edinburgh wollten es nun

endlich wissen: Wer ist der bessere "Pfadfinder" und warum?

Sie holten sich weibliche und männliche Pobanden und gaben ihnen einige Testaufgaben. Manche der Aufgaben waren nur mit Hilfe von räumlichen Informationen zu lösen, für andere Problembewältigungen waren visuelle Signale wichtig. Nach dem Test untersuchten Catherine Jones und Susan Healy, welche Informationen für die Männer und welche Hinweise für die Frauen am wichtigsten waren. Und das Ergebnis lässt nun auch Skeptiker aufhorchen: Bei den räumlichen Aufgaben unterlagen die Frauen den Männern haushoch. Bei den praktischen Übungen konnten sie jedoch punkten und schnitten gleich gut ab. Fazit: Männer können räumliche und visuelle Angaben praktisch gleich gut verwerten, Frauen verlassen sich hauptsächlich auf optische Signale.

Virtuelles Labyrinth. Wissenschafter der Universität Ulm vertieften die Sache noch: Sie schickten ihre Probanden in virtuelle Labyrinthe und verfolgten mittels funktioneller Kernspintomografie, welche Gehirnareale zu welchem Zeitpunkt gut durchblutet wurden. Sie entdeckten einerseits Übereinstimmungen in den Aktivitätsmustern, aber viel spannender waren die Unterschiede, die sie herausfilterten: Bei den zu lösenden Aufgaben aktivierten Männer den linken Hippocampus ihres Gehirns, Frauen hingegen bedienten sich der Hilfe bestimmter Regionen ihrer Hirnrinde. Die Forscher erkannten erstmals, dass völlig verschiedene Gehirnregionen bei Männern und Frauen "eingeschaltet" waren. Kein Wunder, dass die Herangehensweise an das Orientieren bei den Geschlechtern gänzlich anders aussieht. So werden scheinbar geometrische Probleme im linken Hippocampus verarbeitet und optische Hinweise im vorderen Bereich der Hirnrinde.

Immer diese Hormone. Wir gehen noch einen Schritt weiter und stellen uns erneut die Frage: Warum ist das aber so? Dabei stoßen wir auf eine Studie kanadischer Wissenschafterinnen. Diese behaupten nämlich, dass das Dilemma mit der Orientierung für die Frauen bereits vor der Geburt beginnt. Männliche Föten sind einem viel höheren Testosteroneinfluss ausgesetzt als weibliche. Dieses Hormon bedingt nicht nur ein stärkeres Dominanzverhalten und mehr Energie, sondern hat auch einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte. Und genau dort befindet sich das Zentrum der räumlichen Vorstellungskraft. Na, wenn das kein Hinweis ist!

Die deutsche Psychologin Gabriele Heister glaubt sogar herausgefunden zu haben, dass das Gehirn der Frauen von ihrem Zyklus bestimmt ist. Es arbeitet je nach Zyklusphase unterschiedlich. Wenn der Östrogenspiegel niedrig ist, dann kommen die männlichen Attribute und Fähigkeiten zum Vorschein. Diese Theorie wurde auch von einigen Tests bestätigt: Da schnitten die Frauen während dieser Zyklusphase weit besser bei Orientierungstest ab.

So ganz einig sind sich die Wissenschafter bei diesem Thema jedoch noch nicht. Denn es gibt noch andere Ansatzpunkte: Kulturwissenschaftler glauben nämlich eher an die "self fulfilling prophecy" (selbsterfüllende Prophezeiung), der die Frauen da unterliegen. Soll heißen: Man(n) hat den Frauen einfach lange genug eingeredet, dass sie nun mal keinen guten Orientierungssinn haben und jetzt glauben sie auch daran. Dieses geringe Selbstbewusstsein in Sachen Orientierungssinn ist nach Meinung einiger Kulturwissenschafter daran schuld, dass Frauen oft gleich zu Beginn die Flinte ins Korn werfen und den Männern die Führung überlassen. Das wiederum hat den Effekt, dass das räumliche Vorstellungsvermögen nicht ausreichend trainiert wird und Frau daher letztendlich wirklich schlechter bei diversen Tests und Prüfungen abschneidet. Diese Wissenschafter sind davon überzeugt, dass bei beiden Geschlechtern der Orientierungssinn gleich gut ausgeprägt ist. Also doch Hoffnung für die Frauen?

Üben kann ja nicht schaden und vielleicht steht es in Zukunft trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnisse dann doch eines Tages 1:1 in Sachen Orientierungssinn...

Der innere Kompass. Viel zu wenig ist jedoch noch die Funktionsweise unseres Orientierungssinnes erforscht. Es ist schwer für die Forscher, eindeutig zu erklären, woher unsere Orientierungsfähigkeit kommt.

Bekannt ist, dass sich Tiere wie die Brieftaube oder Zugvögel an Magnetfeldern orientieren. Auch viele Meeresbewohner nutzen das Magnetfeld auf ihren langen Reisen durch die endlosen Weiten der Ozeane. Scheinbar hatten auch unsere Urahnen so ein untrügliches Orientierungssystem und bestimmte Navigationsfähigkeiten. Durch Erfindungen wie den Kompass verkümmerten unsere Orientierungsfähigkeiten. Wirft man einen Blick auf heutige Naturvölker wie zum Beispiel das Hirtenvolk der Adari, so kann man dagegen nur staunen: Sie sind mit der Bewegung der Sonne so vertraut, dass sie aus Tageszeit und Sonnenstand jederzeit die Richtung erkennen können. Bei bewölktem Himmel ermöglicht der konstant aus einer Richtung wehende Wind die Orientierung. Ihnen selbst ist ihre für uns außergewöhnliche Fähigkeit gar nicht bewusst. Die Adari leben am Rand einer weiten Ebene, die sich am Nordrand der Sahara erstreckt. Hier gibt es keine Felsen, keine Dünen, der Blick schweift meilenweit nur über Sand und kleine Grasbüschel. Jeder von uns wäre hier hoffnungslos verloren - ohne Kompass würde man wohl wochenlang nur im Kreis wandern. Die Adari jedoch finden hier zielsicher ihren Weg, sie durchqueren diese trostlose Gegend, als würde auf jedem Grasbüschel ein Name stehen und sie so durch die Wildnis geleiten. Fragt man sie, wie sie das machen, meinen sie nur knapp: Sie haben die Richtung eben im Kopf.

Wir wissen zwar heute durch Forschungen, dass unser Gehirn kleinste Partikelchen von Magnetkristallen besitzt, aber ob diese wirklich der Grund sind, dass sich die Adari in der Wüste und wir uns in unseren modernen Städten mehr oder weniger gut zurecht finden, dass ist ein Geheimnis, das es noch zu lüften gilt.