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Wer hilft Syrien?

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

In der Türkei ist die Rettungsaktion nach dem verheerenden Erdbeben schnell angelaufen. Im vom Krieg gezeichneten Syrien arbeiten nur wenige Hilfsorganisationen.


Die Weißhelme sind die Einzigen, die wissen, wie es im Nordwesten Syriens, in der Provinz Idlib jetzt aussieht. Denn nur sie sind dort bis zur Stunde im Einsatz. Sie sind eine private Zivilschutzorganisation von Freiwilligen und bezahlten Helfern, die seit 2013 im Bürgerkrieg in nicht von der Regierung kontrollierten Teilen des Landes aktiv ist - nicht zu verwechseln mit den staatlichen syrischen Zivilschutzkräften des Assad-Regimes in Damaskus. Etwa 3.000 Männer gehören den Weißhelmen an. Von ihnen erhalten wir erste Informationen und Bilder über das, was am Montagmorgen geschehen ist.

Es sind Bilder von kompletter Zerstörung. In Besnaya und Darkush sieht es aus wie nach einem Flächenbombardement. Ganze Straßenzüge liegen in Schutt und Asche. Manche Häuser sind zur Hälfte zusammengebrochen, viele ganz und gar. Die Menschen laufen verzweifelt herum, um nach Angehörigen oder Habseligkeiten zu suchen. Doch es ist nicht der mittlerweile zwölf Jahre andauernde Bürgerkrieg, der diese Verwüstung in den beiden Orten verursacht hat. Es sind die beiden gewaltigen Erdstöße, die die ganze Region heimsuchten. Besnaya und Darkush sind nur zwei Beispiele von vielen. Und doch sind sie erwähnenswert, weil sie in der Provinz Idlib liegen. Die Weißhelme, die dort sonst Kriegsopfer versorgen, kümmern sich nun um die Geschädigten des Erdbebens.

Mehr als 1.600 Menschen sollen in Syrien durch das Beben ums Leben gekommen sein. Die Todeszahlen werden mit Sicherheit noch steigen, denn die Bergungsarbeiten haben gerade erst begonnen. Während sie in der Türkei relativ schnell angelaufen sind, sofort tausende von Rettungskolonnen im Einsatz waren, internationale Organisationen ihre Mitarbeiter teilweise schon vor Ort hatten und sie sofort einsetzen konnten, ist die Lage in Syrien eine völlig andere. Dort arbeiten nur wenige Hilfsorganisationen und die meisten haben keine Permanenz in dem vom Krieg zersplitterten und immer wieder von Gefechten durchzogenen Land. So ist es bis jetzt äußerst schwierig, verlässliche Informationen zu bekommen und zu recherchieren. Die oben genannten Todeszahlen kommen aus Damaskus und beziehen sich lediglich auf die von der Regierung kontrollierten Gebiete - Aleppo, Hama und Latakia. Bashar al-Assad, der sonst eher zurückhaltend ist, was ausländische Hilfe anbelangt, besonders wenn sie aus dem Westen kommt, bat die internationale Gemeinschaft um Hilfe. Wie sich die Zusammenarbeit mit dem syrischen Diktator gestalten wird, wird man sehen. Dass Erdbeben keine Grenzen kennen, wird zum Lackmustest für die Krisenbewältigung, zumal Assads Schutzherr, Wladimir Putin, kürzlich ohnehin eine Annäherung mit dem türkischen Präsidenten Erdogan angeschoben hatte. Ob aus Feinden nun Freunde in der Not werden, bleibt abzuwarten.

Antike Monumente zerstört

Gnadenlos fielen nicht nur Menschen und Häuser in der Türkei und Syrien dem Beben zum Opfer, sondern auch antike historische Monumente. Bei der Zitadelle von Aleppo, die zwar schon durch die Bombardements der russischen Luftwaffe beschädigt wurde, brachen ganze Teile in sich zusammen. Bilder zeigen, dass das Minarett der Moschee im Inneren der Zitadelle einbrach, der Eingang zum Mamelukenturm zerstört wurde und das Tor zu dem 800 Jahre alten Monument tiefe Risse aufweist. "Teile der osmanischen Mühle im Inneren der Zitadelle sind zerbrochen sowie Sektionen der nordöstlichen Verteidigungsmauern", schreibt der Generaldirektor der syrischen Antiken- und Museumsverwaltung in einer Pressemitteilung.

Zurück zu Darkush, Besnaya und der Provinz Idlib, wo die Lage sich am schlimmsten darstellt, weil das Epizentrum des Bebens nicht weit entfernt liegt. Die Provinz wird von den Rebellen gegen das Assad-Regime kontrolliert und verwaltet und ist vom Rest Syriens abgeriegelt. Der einzige Zugang zu Idlib ist ein Grenzübergang von der Türkei, um den es in den vergangenen Jahren immer wieder Streit gab. Assad möchte die schwer umkämpfte Provinz aushungern, um sie letztendlich wieder in seinen Machtbereich einzugliedern. Nur durch Druck auf Russland haben es die UNO, einige westliche Länder und vor allem die Hilfsorganisationen geschafft, dass Moskau einer Verlängerung der Öffnung des Übergangs zugestimmt hat - immer nur für sechs Monate. Dieser Übergang wird nun zum Nadelöhr für die Hilfe der Erdbebenopfer.

Wie ein Mitarbeiter der kanadisch-amerikanische Hilfsorganisation Mercy Corps, Arnaud Quemin, gegenüber dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera sagte, werden Mitglieder der Organisation, die im türkischen Gaziantep stationiert sind, unverzüglich in die Provinz Idlib reisen, um dort zu helfen. Allerdings, gibt Quemin zu bedenken, seien derzeit einige Flughäfen in der Türkei geschlossen, weil sie durch das Beben beschädigt wurden, sodass Hilfsgüter nur mit einiger Verzögerung ankommen werden. In der katarischen Hauptstadt Doha stehen Flugzeuge bereit, um Hilfsgüter nach Idlib zu liefern. Vor allem Telefone und Smartphones will das Golfemirat dort verteilen, damit die Koordinierung besser funktioniert und auch Informationen von dort an die Öffentlichkeit gelangen. Taiwan schickt Suchhunde und medizinisches Personal.

"Es war schon immer schwierig, schon vor dem Erdbeben, im Norden Syriens zu arbeiten", sagt Elias Abu Ata vom International Rescue Committee. In der ganzen Provinz Idlib liege die Infrastruktur durch die langen Jahre des Bürgerkriegs am Boden. Jetzt dürfte es noch schwieriger werden. Für die kommenden Tage sind Schnee und heftiger Regen angesagt.