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Wer ist schuld an der großen Krise?

Von Stefan Melichar aus Großbritannien

Wirtschaft

Behörden halten Fonds Rücken frei. | "Können nicht die Fehler von Anlegern ausbessern." | London. Von den vielen Akteuren an den internationalen Finanzmärkten gelten Hedgefonds landläufig als die undurchschaubarsten. Findige Finanz-Gurus investieren Unsummen - ohne jegliche Beschränkung - in alles, was den Geldgebern hohe Gewinne verspricht. Extreme Risiken gehören dabei zum Alltagsgeschäft, die komplexen Anlagestrategien bleiben im Dunkeln. Kein Wunder, dass die hochspekulativen, milliardenschweren Fonds lange zur Gefahr für das globale Finanzsystem hochstilisiert worden sind.


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Nun könnte ausgerechnet die derzeitige Finanzkrise dafür sorgen, dass Bestrebungen, den vielzitierten "Heuschrecken" stärker auf die Finger zu schauen, im Sand verlaufen. Hedgefonds hätten entgegen aller Erwartungen keine besonders prominente Rolle in der Finanzkrise gespielt, meint John Gieve, Vizegouverneur der Bank of England. Zwar seien im Sommer zwei Fonds der US-Investmentbank Bear Stearns, die sich mit auf (faulen) Krediten basierenden Produkten verspekuliert hatten, zusammengebrochen. Wirklich ernst sei es aber erst geworden, als auch internationale Großbanken wie die französische BNP Paribas von der Krise erfasst wurden.

Vertrauensverlust

Zur Erinnerung: Ihren Ursprung genommen haben die Turbulenzen an den Finanzmärkten mit dem Preisverfall bei US-Immobilien. Plötzlich konnten zahlreiche Hypotheken nicht mehr bezahlt werden, wovon aber nicht nur die Gläubigerbanken betroffen waren. Diese hatten nämlich die Kredite in externen Gesellschaften gebündelt und Anleihen - sogenannte Asset-Backed-Securities (ABS) - darauf gegeben.

Diese ABS stellten wegen hoher Renditen ursprünglich ein interessantes Investment dar - nicht nur für Hedgefonds. Durch die Immo-Krise wurden die Anleihen jedoch weitgehend wertlos. Milliardenabschreibungen, fallende Aktienkurse und ein enormer Vertrauensverlust an den Finanzmärkten waren die Folge. Nun sucht die Politik nach Schuldigen. Dabei haben sich selbst die Hedgefonds-Kritiker Frankreich und Deutschland mittlerweile eher auf die internationalen Rating-Agenturen eingeschossen. Diese hätten - so der Vorwurf - riskante Produkte zu positiv bewertet. Nichtsdestoweniger lebt auch die Forderung nach mehr Transparenz bei Hedgefonds wieder auf. Allerdings scheint der Ruf nach umfangreicherer Regulierung dem Wunsch nach einem selbst auferlegten Verhaltenskodex der Fonds-Branche gewichen zu sein.

Kein Strategiewechsel

Zumindest die Aufsichtsbehörden in den notorisch Hedgefonds-freundlichen Ländern USA und Großbritannien halten den "Heuschrecken" den Rücken frei: "Regulatoren können nicht in die Bresche springen, wenn erfahrene Anleger Fehler machen", erklärt Paul Atkins, Kommissar der US Securities and Exchange Commission.

Großbritannien, wo etwa 80 Prozent des europäischen Hedgefonds-Vermögens gemanagt werden, dürfte allem Anschein nach an seiner bisherigen Aufsichts-Strategie ebenfalls nichts Grundlegendes ändern: Mit den wenigen Fonds, die aufgrund ihrer Größe eine gewisse gesamtwirtschaftliche Bedrohung darstellen könnten, arbeite man ohnehin eng zusammen, meint Hector Sants, Chef der Financial Services Authority.

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