Zum Hauptinhalt springen

Wer therapiert den Therapeuten?

Von Manfred A. Schmid

Kommentare

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 25 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die Psychoanalyse, meinte Karl Kraus einmal, sei jene Krankheit, als deren Therapie sie sich ausgebe. Ein ähnlicher Fall scheint derzeit bei den amerikanischen Fernsehsendern vorzuliegen, die sich ausführlich mit der innenpolitischen Krise auseinandersetzen. Wann immer man CNN aufdreht, es geht nur noch um die Frage, wer angesichts der verworrenen Lage bei der Stimmenauszählung der nächste Präsident sein wird. Mit Live-Schaltungen zu den Korrespondenten in Miami, Tallahassee, Washington sowie mit stündlichen Kommentaren und Analysen von Experten aller Schattierungen wird suggeriert, dass man alles unternimmt, um Normalität herzustellen. Allerdings fehlt so gut wie jeder Hinweis darauf, dass die Medien mit ihrer überhasteten Berichterstattung in der Wahlnacht einen nicht geringen Anteil an der entstandenen Malaise haben. In ihrem Wettlauf, wer als erster das Wahlergebnis hinausposaunt, liegt einer der Gründe für die verfahrene Situation. Dass noch dazu Resultate von Bundesstaaten bekanntgegeben wurden, während man in anderen noch zur Wahl schritt, ist überhaupt bedenklich.

All dies ist Höhepunkt einer negativen Entwicklung, die bereits mit der Berichterstattung über O. J. Simpson und "Monicagate" begonnen hat. Spät, aber doch, nachdem die Medien in der Öffentlichkeit arg kritisiert wurden, beginnen nun auch sie, aus gemachten Fehlern zu lernen. Am Sonntagabend, als alles gespannt nach Tallahassee blickte, wo die Innenministerin Harris das "Endergebnis" in Florida bekanntgeben sollte, brachte CNN eine tiefschürfende Medien-Analyse samt Schlussfolgerungen und gelobte, selbst demnächst entsprechende Konsequenzen zu ziehen.