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Werden geldpolitische Fehler gemacht?

Von Peter De Coensel

Gastkommentare

Der Eifer, die Zinssätze zu straffen, könnte überzogen sein.


Dass die Zentralbanken der Industrieländer in den vergangenen zwölf Monaten eine geldpolitische Kehrtwende vollzogen haben, ist keine Übertreibung. Ist ein frühzeitiger Einsatz des stumpfen Instruments des Leitzinses wirksam, um die Inflation kurzfristig wieder in Richtung des Zielwerts zu bringen? Die Antwort lautet: Ja. Basiseffekte, ein milder Winter in Europa sowie nahezu vollständig angepasste und ausgeglichene Angebots- und Nachfragebedingungen auf den Gütermärkten (Rohstoff- und Technologiemärkte) sorgen für vielversprechende Aussichten. In den USA verlangsamt sich die Inflation im Dienstleistungssektor. Die EU wird folgen. In den USA und in der EU wird sich der Inflationsdruck in den nächsten sechs bis neun Monaten kräftig anpassen.

Eine Frage bleibt aber: Können die Zentralbanken die Inflation langfristig um das angestrebte Ziel von 2 Prozent halten? Seit Anfang 2022 hat eine merkwürdiger Verschiebung stattgefunden. Eine Zentralbankpolitik, die auf "Forward Guidance" und "Quantitative Easing"-Interventionismus basierte, wurde aufgegeben und durch den stumpfen und traditionellen Erhöhungszyklus ersetzt. Tatsache ist jedoch, dass die Inflationsbeschleunigung exogener Natur ist und in kostensteigernden Kanälen bei Energie, Lebensmitteln, Mikrochips und anderem begründet ist. Zudem sind die globalen Handelskanäle auf bestimmte Länder konzentriert, was den Inflationsschub noch verstärkt. Gestört ist also das Angebot. Die Reaktion der Zentralbanken zielt auf eine Drosselung der Nachfrage ab. Das ist schlecht, da der mögliche Kollateralschaden bei Produktionskapazitäten und potenziellem Wachstum hoch sein könnte. Inflationssorgen werden also durch Wachstumssorgen ersetzt.

In den nächsten sechs Monaten werden die Zentralbanken die letzten Runden ihrer jeweiligen Zinserhöhungsprogramme ausspielen. Aber, wie gesagt, die Auswirkungen sind höchst ungewiss. Marktbeobachter haben unterschiedliche Einschätzungen zu den Auswirkungen der geldpolitischen Straffung auf die Arbeitsmärkte. Die Massen von Babyboomern, die in den Ruhestand gehen, zusammen mit einem hartnäckigen Missverhältnis zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage haben zu einer anhaltend angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt geführt.

Die angespannten Finanzierungsbedingungen werden in den Industrieländern die Energiewende beeinträchtigen. Die gestiegenen Kapitalkosten verzögern die Strategien zur Energieeffizienz und belasten die Fiskalpolitik. Deren Investitionsprogramme in den Bereichen Mobilität, grüne Technologien und nachhaltige Infrastrukturen stoßen an ihre Grenzen. Wir stellen ein erhöhtes Risiko für einen "Kohlenstoff-Lock-in" fest. Nachhaltige Technologien weisen eine höhere Kapitalintensität auf als die bekannten Technologien auf fossiler Basis. Dieses Missverhältnis wächst.

Dem Zentralbankwesen haftet ein Hauch von Mystik an. Dennoch ist die in den vergangenen drei Jahren zu beobachtende "Trial and Error"-Methode der Zentralbanken nicht zu unterschätzen. So wie die Reaktion auf den Ausbruch der Corona-Pandemie überzogen war, könnte auch der derzeitige Eifer, die Zinssätze zu straffen, überzogen sein. Hier gilt es gut aufzupassen, bevor wirklich etwas kaputtgemacht wird.