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Werden Ökonomen die besseren Juristen?

Von Stephanie Dirnbacher

Wissen

Erste Absolventen des WU-Studiums Wirtschaftsrecht. | Rechtsanwälte akzeptieren die Konkurrenz. | Wien.Die rechtswissenschaftlichen Fakultäten bekommen Konkurrenz. Ab Herbst könnten sich auch Absolventen der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien in Rechtsanwaltskanzleien und bei Gerichten bewerben. Es sind die ersten Absolventen des Master-Studiums Wirtschaftsrecht, das seit 2007 an der WU Wien angeboten wird.


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Die Absolventen des Master-Studiums werden dieselben Karrierechancen wie Absolventen des Juridicums haben. Sie können also auch Rechtsanwalt, Notar oder Richter werden, wie Christoph Grabenwarter, Professor an der WU Wien und Programmdirektor des Masterstudiums Wirtschaftsrecht, versichert.

Neuer Studienplan

Bis zu dieser Gleichstellung war es ein steiniger Weg. Insbesondere die Rechtsanwälte hatten sich gegen die neue Ausbildung gewehrt. "Anfangs, als das Gesetz über das neue Studium zur Diskussion gestellt wurde, hat niemand große Freude damit gehabt", erzählt Rechtsanwältin Elisabeth Scheuba.

Doch dann wurde der Studienplan des Wirtschaftsrecht-Studiums geändert und an das Berufsrechtsänderungsgesetz angepasst, das die Voraussetzungen für den Zugang zu den juristischen Kernberufen regelt.

Der neue Studienplan wird im Wintersemester 2009/2010 in Kraft treten. "Nun erfüllt die Ausbildung an der WU alles, was als Berufsvoraussetzung für die juristischen Kernberufe gefordert ist", sagt Grabenwarter. Und nun kommt auch von den Rechtsanwälten grünes Licht. "Wir werden die Absolventen, die in den neuen Studienplan fallen, als Rechtsanwaltsanwärter akzeptieren", sagt Gerhard Benn-Ibler, Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertages (Örak).

Doch was ist mit jenen rund 25 Absolventen, die schon diesen Herbst ihr Master-Studium abschließen werden? Schließlich unterliegen diese noch nicht dem neuen, vom Örak genehmigten Studienplan. Laut Benn-Ibler ist hier im Einzelfall zu prüfen, ob die Voraussetzungen für den Zugang zum Rechtsanwaltsberuf gegeben sind.

Grabenwarter ist jedoch zuversichtlich. "Etwa drei Viertel der Absolventen im Herbst sind Juristen, die bereits ein Diplomstudium an einer juridischen Fakultät abgeschlossen haben", erklärt der WU-Professor. Somit würden sie ohnehin schon die Voraussetzungen für die Ergreifung eines juristischen Kernberufs erfüllen. Bei den übrigen Absolventen greift laut dem WU-Professor eine Übergangsvorschrift, nach der sie als Rechtsanwaltsanwärter zugelassen werden müssen.

Gleichgültiger stehen Richter und Notare den neuen Juristen von der WU gegenüber. "Wenn die Ausbildung nicht schlechter ist, habe ich kein Problem damit", sagt Werner Zinkl, Präsident der Richtervereinigung.

Klaus Woschnak, Präsident der Notariatskammer, gesteht, dass er sich über die WU-Absolventen "noch nicht viel den Kopf zerbrochen" hat, "weil noch niemand die Aufnahme in die Liste der Notare beantragt hat". Wenn die Ausbildung allerdings eine Studiendauer von mindestens vier Jahren und einen bestimmten Arbeitsaufwand hat und bestimmte Fächer abdeckt, "ist das kein Problem - Juristen mit wirtschaftlichem Hintergrund sind zu begrüßen".

Dass die WU-Absolventen einen Fokus auf Wirtschaft haben, ist besonders für die heimischen Wirtschaftskanzleien reizvoll. "Ich erwarte mir einiges von den WU-Absolventen. Das sind die, die wir als Wirtschaftskanzlei brauchen", erzählt etwa Clemens Hasenauer von der Kanzlei Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati. Da die Kanzlei bereits eine Kooperation mit der WU hat, wüsste er, "dass die wirtschaftsrechtliche Ausbildung auf der WU exzellent ist". Viele für Wirtschaftskanzleien praxisrelevante Rechtsgebiete wie etwa das Beihilfen- oder das Vergaberecht würden bei rechtswissenschaftlichen Studien vernachlässigt. Die Ausbildung an der WU sei hier besser.

Wer allerdings Scheidungsanwalt werden möchte, dem rät Hasenauer zur klassischen Ausbildung am Juridicum. Denn obwohl Familienrecht auch im WU-Masterstudium gelehrt wird, "ist es nicht der Schwerpunkt".

Latein nicht erforderlich

Christoph Brogyányi von der Kanzlei Dorda Brugger Jordis bestätigt, dass "wesentliche Bereiche von Wirtschaftskanzleien" in der juristischen Ausbildung immer wieder zu kurz kommen. Auch im Umgang mit den Klienten sei es wichtig, wirtschaftliche Begriffe zu beherrschen.

Die wirtschaftliche Ausbildung ist laut Grabenwarter aber nicht der einzige Vorteil des WU-Masterstudiums. So würde die Ausbildung auch einen verstärkten Praxisbezug aufweisen. "Fast alle unsere Lehrenden haben ein Standbein in der Praxis, sind Richter, Rechtsanwälte oder Beamte von Behörden", betont Grabenwarter. Darüber hinaus würde auch ein Schwerpunkt auf Fremdsprachen gelegt. Dafür verzichtet man im Wirtschaftsrecht-Studium auf Latein sowie auf Materien wie Römisches Recht oder Rechtsgeschichte, die nach Grabenwarters Ansicht nicht in diesem Maße praxisrelevant sind.

Diese Ansicht teilt Rechtsanwältin Scheuba nicht uneingeschränkt. "Für eine fundierte Auslegung und Anwendung von Rechtsvorschriften ist es oft schon auch wichtig zu wissen, woher diese Vorschriften kommen", glaubt sie.

Klassische Ausbildung

Heinz Mayer, Dekan des Juridicums, verteidigt die klassische Ausbildung an seiner Fakultät. "Wir bieten eine universal-juristische Ausbildung an", betont er. Insbesondere soll die "historische Komponente" -also Rechtsgeschichte - "nicht vernachlässigt werden". Genauso wenig will der Dekan auf Latein verzichten. Dass Juristen am Juridicum eine zu einseitige Ausbildung genießen würden, weist Mayer zurück. Durch den neuen Studienplan gebe es eine verpflichtende wirtschaftliche Grundausbildung, die etwa Kurse in Volkswirtschaftslehre und Buchhaltung umfasst. Darüber hinaus könnten sich Studierende mit Wahlfächern spezialisieren.

Eine Konkurrenz mit der WU sieht Mayer daher nicht. "Wir haben nicht weniger Studenten seit Einführung des Masterstudiums an der WU", versichert er. Örak-Präsident Benn-Ibler erwartet sich hingegen "natürlich eine Konkurrenz zwischen den Fakultäten".

WissenWirtschaftsrecht wird an der WU Wien als sechssemestriges Bachelorstudium und viersemestriges Masterstudium angeboten.

Im Bachelorstudium erhalten die Studenten eine rechtswissenschaftliche Grundausbildung, kombiniert mit einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung.

Absolventen des Bachelorstudiums haben keinen Zugang zu den juristischen Kernberufen. Hingegen können Absolventen des Masterstudiums den Beruf des Rechtsanwalts, des Richters und des Notars ergreifen.
www.wu.ac.at/lehre/studienangebotaktuell/master/wirtschaftsrecht