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Wesen zwischen Mensch und Tier

Von Eva Stanzl

Wissen
Affen mit menschlichen Nervenzellen könnten ein besseres Verständnis etwa von Chorea Huntington, einer unheilbaren Erkrankung des Gehirns, bringen.

Sprechende Mäuse und Katzen mit Daumen an den Pfoten zum Greifen? | Labor-Experimente sollen künftig besser überwacht werden.


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London/Wien. Fragen, die der Fortschritt stellt, kann der Mensch sich oft nicht ausmalen. Zwar beschrieb schon der griechische Dichter Homer in der "Ilias" Chímaira - ein feuerspeiendes Mischwesen aus Mensch und Tier mit dem Kopf eines Löwen, dem Nacken einer Ziege und dem Schwanz einer Schlange. Doch nun liegen ähnliche Wesen im Bereich der Möglichkeit: Die Schaffung von Mäusen mit menschlichen Sprach-Genen oder von rational denkenden Affen wird in Fachkreisen offen diskutiert.

Um zu verhindern, dass etwaige Horrorvisionen wahr werden, hat sich nun die an sich als fortschrittsfreundlich geltende britische Regierung eingeschaltet. Rasante voranschreitende wissenschaftliche Entwicklungen geböten eine differenzierte ethische Diskussion zu Mischwesen aus Mensch und Tier (Chimären) und entsprechende Gesetze, empfiehlt die Londoner Academy of Medical Sciences in einem von der Regierung in Auftrag gegebenen Bericht. "Der Fortschritt bei der Vermischung der Arten mit dem Zweck, Chimären herzustellen, drängt die Biologie in eine neue ethische Dimension", betonen darin Experten aus Medizin, Biologie und Philosophie.

Als Chimäre gilt ein Organismus, der aus genetisch unterschiedlichen Zellen oder Geweben aufgebaut ist und dennoch ein Individuum darstellt. Solche Tiere leben heute in vielen Labors. An transgenen Mäusen mit menschlichen Zellen werden Krankheiten oder Tumoren am lebenden Organismus studiert und neue Medikamente getestet. Ziegen, in die menschliches Erbgut eingeschleust wurde, erzeugen ein Eiweiß, mit dem Blutkrankheiten therapiert werden können. Und genau genommen sind auch Menschen, denen Herzklappen von Schweinen transplantiert wurden, Chimären.

Mit steigendem Fortschritt könnten die Grenzen der Arten jedoch weiter verschwimmen. Etwa haben US-Forscher angedacht, Mäuse mit menschlichen Hirnzellen zu erzeugen. Zwar kann aus dieser Kreuzung kein Lebewesen entstehen. Dennoch lösen solche Visionen Unbehagen aus.

Die Academy of Medical Sciences nimmt Weiterentwicklungen in der Stammzellenforschung zum Anlass für ihre Empfehlungen. Menschliche Stammzellen können nun in Tier-Embryonen eingebracht werden, um die Entwicklung der Stammzellen am lebenden Organismus zu studieren. Embryonale Stammzellen sind pluripotent: Sie haben noch die Fähigkeit, sich in alle Körperzellen zu entwickeln und gelten daher als Zukunftshoffnung. Künftig könnten kranke Leber-, Nerven- oder Hautzellen (Leberzirrhose, Alzheimer, Hautkrebs) durch neue, gesunde ersetzt werden.

"Viele dieser Fragestellungen können in Zellkulturen nicht exakt modelliert werden und Experimente an Menschen können entweder nicht gemacht werden oder sie gelten als unethisch", erklärt Studienleiter Martin Bobrow von der Universität Cambridge. Die alles entscheidende Frage in der Schaffung von Mischwesen sei jedoch: Wie viel menschliches Material ist zulässig im Tier? Wo sind die Grenzen zu ziehen?

Tiere mit Menschengehirn

Transgene Tiere, die nur minimale menschliche Anteile enthalten, um Erbkrankheiten, Unfruchtbarkeit, Krebs, HIV oder Hepatits zu entschlüsseln, stufen Bobrow und sein Team unverändert als unbedenklich ein. "Der Großteil dieser Forschungsarbeiten ist über die Gesetzgebung zu Tierversuchen geregelt", betont er.

Anders verhält es sich mit Veränderungen am Tier-Gehirn, die zu einer "Menschen-artigen Funktion des Gehirns führen könnten" - etwa indem sie rationales Denken oder Selbstreflexion ermöglichen. Solche Wesen hätten einen ethischen Status, der den Menschen nahe kommt, können daher nicht für Experimente der medizinischen Forschung zum Einsatz kommen und deren Entwicklung gehöre uneingeschränkt verboten.

Die Experten stemmen sich ebenfalls gegen Versuche, die zur Befruchtung von menschlichen Eizellen mit Tier-Spermien führen, sowie gegen die Erzeugung von Tieren mit menschlichen Zügen. Letzteres betrifft etwa die Form des Gesichts oder die Fähigkeit zur menschlichen Sprache. Einen ethischen Graubereich sehen die Autoren in anderen Veränderungen am Tiergehirn, die die Tiere nicht rational denken lassen, aber den Forschern das Studium von Krankheiten wie Parkinson ermöglichen. Auch die Einbringung von menschlichen Eizellen in unfruchtbare Tiere oder die Schaffung von Tieren mit Menschenhaut müsse von Fall zu Fall untersucht werden.

"Wir befinden uns am Anfang einer ethischen Diskussion und wir wissen noch nicht, was dieser Forschungszweig bringen wird. Die genaue Kenntnis der biologischen Fakten fehlt uns. Mit diesem Thema wird man sich differenziert auseinandersetzen müssen", betont Markus Hengstschläger, Fachhumangenetiker und Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt: "Weil so vieles nicht klar ist, wird man strenge Grenzen ziehen müssen."