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Wessen Realität ist die richtige?

Von Bernhard Baumgartner

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Ungläubig sitzen wir vor den Bildern aus Nordkorea, auf denen vorgeblich fassungslose Menschen sich auf den Boden werfen, um über den Tod des sogenannten "geliebten Führers" zu trauern. Während die einen "widerliche Inszenierung und reinste Propaganda" orten, versuchen andere die Ereignisse mit Massenpsychologie und Indoktrinierung zu erklären. Fakt ist: Wir verstehen nicht, was los ist - wieso sich Menschen so geben und warum sie das tun.

Aber haben wir Nordkorea jemals wirklich verstanden? Haben wir versucht, es zu verstehen? Haben wir probiert, nachzuempfinden, wie es in einer jahrzehntelang aufrechterhaltenen autoritär-stalinistischen Gesellschaft ohne Zugang zu freien Medien, in der jeder Zwanzigste Soldat ist, zugeht? Nein, das haben wir nicht. Auch schon damals nicht, als in Wien die Ausstellung "Blumen für Kim-il-Sung" lief, die nordkoreanische Staatskunst zeigte, wohl auch um neben einer handfesten Provokation einen Diskurs zu entfachen. Doch dieser lief mehr auf der Ebene, wie Peter Noever und das MAK so einen Unsinn ausstellen können - und nicht als echte Auseinandersetzung mit den Artefakten einer sonst abgeschotteten Kultur oder gar damit, was wir daraus über diese Kultur lernen könnten.

Tatsache ist, wir haben keine Ahnung von Nordkorea, weil wir es nicht der Mühe wert finden, uns damit zu beschäftigen. Wir sehen verheulte Parteisoldaten und tun sie als Propagandisten oder Gestörte ab. Aber alleine, dass es diese Bilder gibt - Fake oder nicht -, sollte Mitgefühl erzeugen. Weil sie das Symptom leidender Menschen sind.