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Westliche Vorsicht

Von Veronika Eschbacher

Politik

Rufe nach Intervention werden lauter; humanitäre Lage immer katastrophaler.


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Damaskus. Nach neuen Hinweisen auf einen möglichen Chemiewaffeneinsatz mehren sich vor allem in den USA Rufe nach einem härteren Kurs gegenüber der syrischen Führung. "Es ist absolut der Fall, dass alle Optionen auf dem Tisch bleiben", sagte der US-Regierungssprecher Jay Carney am Freitagabend. "Keinen Grund für jeglichen Zweifel" an entsprechenden Geheimdienstberichten sieht der kanadische Außenminister John Baird. US-Präsident Barack Obama betonte zugleich, dass die Geheimdienste bisher nur vorläufige Beweise für ein solches Vorgehen hätten. "Wir müssen überlegt handeln", sagte der Präsident.

Der US-Verteidigungsminister Chuck Hagel hatte am Donnerstag nach langem Hin und Her - Gerüchte über einen Chemiewaffeneinsatz in Syrien gibt es bereits länger - erklärt, syrische Streitkräfte hätten wahrscheinlich "in geringen Mengen" chemische Waffen benützt. Zuvor hatten Franzosen, Briten, Kataris und Israelis ähnliche Aussagen getätigt. Der syrische Informationsminister, Omran al-Zoubi, dementierte.

Offen ist, wie sehr der Vorfall rund um die syrische Familie Junis zu dieser Kehrtwende beigetragen hat. Ihr Schicksal wurde durch einen Artikel des bekannten Kriegsreporters Anthony Loyd in der "Times" am Freitag bekannt. Die Frau und beide Kinder von Jasser Junis wurden Loyds Recherchen zufolge in Aleppo offenbar durch Giftgas getötet. Auf Videomaterial ist zu sehen, wie Junis Familie, aber auch Helfer und medizinisches Personal, das mit dem Giftstoff in Berührung kam, aus Mund und Nase schäumt, unkontrolliert zuckt und halluziniert. Loyd berichtet auch davon, dass nach dem Angriff am 13. April ein Team einer "amerikanischen Gesundheitsorganisation" in dem Krankenhaus eingetroffen sei und Haarproben der Opfer genommen habe.

Flüchtlinge in Wüstengebiet

Obamas Sprecher Jay Carney erklärte am Freitag, der Präsident warte ein "endgültiges Urteil" über die Informationen ab, bevor er eine politische Entscheidung treffen werde. Einen zeitlichen Rahmen nannte er nicht. "Aber es ist absolut der Fall, dass alle Optionen auf dem Tisch bleiben", so Carney. Obama hatte den Einsatz von Chemiewaffen zuvor als "rote Linie" bezeichnet, die der syrische Präsident Bashar al-Assad besser nicht überschreite, wenn er nicht wolle, dass die USA sich in den Bürgerkrieg einschalten. Nach der Fehleinschätzung über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak ist man nun aber vorsichtiger.

Indes gehen die Kampfhandlungen in Syrien weiter. "Die humanitäre Katastrophe hat kaum vergleichbare Ausmaße angenommen", sagt der Österreicher Alfredo Melgarejo, Vertreter des Deutschen Rotes Kreuzes in Damaskus, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Offiziellen Zahlen zufolge gibt es aktuell 3,5 Millionen interne Flüchtlinge, laut Schätzungen wird diese Zahl bis Jahresende auf sechs Millionen anwachsen - bei gesamt 21 Millionen Syrern.

"Jeder Vierte ist inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen", sagt Melgarejo, der seit Dezember in Damaskus ist. Trotz der massiven Operationen der internationalen Hilfsorganisationen - in Syrien läuft der weltgrößte humanitäre Einsatz - würde die Hilfe nicht reichen: "Es ist viel zu wenig".

Dabei ginge es aktuell ohnehin nur mehr um ganz grundlegende Hilfsleistungen: Nahrungsmittel, Trinkwasser und grundlegende Hygiene. Der Rote Halbmond, der den Großteil der humanitären Hilfe im Land verteilt, gibt pro Monat bis zu 350.000 Lebensmittelpakete aus, "eine unvorstellbare Anzahl", so Melgarejo. "In der Realität würden wir 750.000 im Monat benötigen." Bei den Hygienepaketen könne man gar nur zehn Prozent des Bedarfs abdecken.

Doch nicht nur der Bedarf an Hilfsgütern ist kaum zu bewältigen. "Ein gravierendes Problem bei diesem Konflikt ist, dass er unglaublich dynamisch ist", sagt Melgarejo. Die Frontlinien ändern sich täglich. "Es geht mittlerweile nicht mehr um zwei klar markierte Gruppen, sondern es gibt eine Vielzahl von Akteuren, die ihre Gebiete zu kontrollieren versuchen", erklärt Melgarejo. Mit allen müsse Kontakt gesucht und aufrecht erhalten werden, damit die Hilfe in alle Landesteile gelangt.

Für syrische Familien seien die dauernd wechselnden Frontlinien noch schwieriger. Kaum in ein ruhigeres Gebiet geflüchtet, müssten sie oft nach wenigen Tagen wieder weiter. "Wir haben sehr viele Menschen, die inzwischen fünf, sechs Mal geflüchtet sind." Mittlerweile ziehen manche nicht mehr in die Städte sondern in unbesiedelte Gebiete, etwa Wüstenstreifen im Grenzgebiet der Provinzen Idlib und Rakka. "Dort sind schon mehr als zehntausend Familien, die auf freiem Feld leben", sagt Melgarejo am Telefon - im Hintergrund sind Bombardements und Granateneinschläge zu hören.

18 der 10.000 syrischen freiwilligen Helfer des Roten Halbmonds kamen in den letzten eineinhalb Jahren ums Leben. Dennoch melden sich immer wieder Freiwillige. Eine rasche Besserung erwartet Melgarejo jedoch nicht. "Es gibt leider keine Aussicht auf ein kurzfristiges Ende des Konflikts."