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Wider die totale Überfüllung

Von Barbara Ottawa

Wissen

Wie kann man verhindern, dass während einer Vorlesung im Audi Max neben den 1.000 vorhandenen Plätzen hunderte weitere auf Stufen, dem Fußboden und dem Gang okkupiert werden? Die Antwort ist e-Lecturing. Am Institut für Psychologie der Universität Wien wird derzeit ein solches Projekt getestet - doch ein Computer und Internetzugang allein reichen für den erfolgreichen Einsatz der Technologie bei weitem nicht aus.


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"Es besteht derzeit keine Lernkultur, die auf das vorbereitet", schildert Christiane Spiel, Dekanin der Fakultät für Psychologie, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die Grundproblematik des Einsatzes neuer Medien in der Lehre. "Studierende haben ein bestimmtes Konzept einer Lehrveranstaltung im Kopf." Dabei seien vor allem die Vortragenden sehr wichtig.

Ein reiner e-Learning-Zugang könnte dazu führen, dass "die Studierenden verloren gehen", erläutert Spiel. Genau das haben auch erste Tests gezeigt.

Zwei Jahre lang wurde am Institut selbst eine Probelehrveranstaltung mit e-Lecturing Elementen abgehalten und evaluiert. Dabei zeigte sich, so der Evaluationsbericht, dass "das E-Lecturing Team die Basiskompetenzen der Studierenden überschätzt hatte". Weiters gab es Probleme mit der Teamarbeit und der selbständigen Steuerung des Lernprozesses.

In einer derzeit laufenden zweiten Phase wurden deshalb Trainings zum Selbstregulierten Lernen für die Studierenden eingeführt. "Sie lernen hier Teamarbeit und Emotionsregulation. Wie gebe ich Feedback, wie wende ich Lernstrategien an", erklärt die Psychologin. Diese Trainings sind eng mit den Inhalten der Lehrveranstaltung verschränkt, die in Module gegliedert sind.

Auch Präsenzphasen ändern

In den Präsenzeinheiten erhalten die Studierenden zusätzliche Informationen. "Hier werden spezielle Themen oder Beispiele behandelt, die nicht in Büchern zu finden sind", so Spiel. Eine Vorlesungseinheit im klassischen Sinn wäre keine sinnvolle Ergänzung zum E-Lecturing .

Online können die Studierenden dann neben Unterrichtsmaterialien auch einen Selbsttest durchführen und Feedback abfragen. "Das hat man normalerweise als Studierender in einer Massenvorlesung nicht." Weiters sei mit online-Elementen auch eine bessere Hinführung der Studierenden vom Faktenwissen zur tatsächlichen Anwendung des Wissens möglich.

Wie viel Mehraufwand?

Derzeit wird das E-Lecturing in zwei Gruppen geführt: Eine mit intensiver individueller Betreuung - Arbeit in virtuellen Gruppen und Trainings zum selbstreguliertem Lernen - und die andere ohne diese Elemente. Evaluiert werden die Effekte des E-Lecturing auf das inhaltliche Fach- und Handlungswissen und auf die Kompetenzen zur Selbststeuerung.

Für die Lehrenden sei der Einsatz von e-Elementen in jedem Fall eine große Umstellung. "Inhalte müssen viel präziser ausformuliert werden", erklärt Spiel. In einer klassischen Lehrveranstaltung sei es leicht, gewisse Punkte nachzufragen. Online muss alles klar dargelegt werden. Außerdem muss davon ausgegangen werden, dass Studierende nicht alles lesen.

Aus dem Projekt soll "ein Pool an didaktischen Konzepten" entstehen, die auch anderen Instituten zur Verfügung gestellt werden können, so Spiel. Ein Bausteinsystem wurde bereits als Forschungsprojekt eingereicht.

Für die Zukunft sei es sehr wichtig, dass bereits die Schule auf die neue Lernkultur vorbereitet, aber nicht nur die: "Es ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft", betont Spiel.