Wie anpassungsfähig ist die katholische Kirche?

Von Peter Strasser

Gastkommentare

Zum Substanzverlust einer Weltreligion.


Der Staats- und Verfassungsrechtler Carl Schmitt, eine der führenden juristischen Stimmen im Nationalsozialismus, war zugleich Fundamentalkatholik. In seiner Schrift "Römischer Katholizismus und politische Form" (1923) äußerte er unmissverständlich, dass die katholische Kirche mit jedweder Staatsform kooperieren könne, weil ihr Wesen, die Dogmatik des Glaubens, wie sie von Gott und seinen Stellvertretern auf Erden über die Jahrtausende hin gepflegt wurde, unveräußerlich und unzerstörbar sei. Damit rechtfertigte er zugleich die Zusammenarbeit des Klerus mit jedweder Form von staatlich legitimierter Diktatur und Barbarei. Was es, so Schmitt, über die Geschichtsläufe hinweg zu retten gelte, sei nicht die Humanität - die er sowieso für eine menschliche Anmaßung hielt -, sondern die Substanz des Glaubens.

Es waren diese Ansichten, deretwegen Schmitt in Kleriker- und Laienkreisen, die das Aggiornamento, die Erneuerung der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren bedauern, noch immer als Bewahrer des Katholischen gilt. Aber was heißt das praktisch, sehen wir einmal davon ab, das Schmitt selbst informell als "Kronjurist Adolf Hitlers" bezeichnet wurde?

Seit vielen Jahren sind die Klagen der Traditionalisten zu hören, was die Liturgiereform und die liberale Ausdeutung biblischen Schriftguts betrifft. Damit werde, so die Klage, das Heilige aus dem Glauben zusehends an den Rand gedrängt, das Übernatürliche teils sogar dem Spott preisgegeben, vor allem aber durch die ständige Rede, dass zentrale Glaubenswahrheiten symbolisch auszudeuten seien, schließlich deren Status als göttliche Gnadengabe in das Ethische umgebogen und damit verfremdet und verflacht. Das Sanctum tritt unter die Herrschaft der Moral, es darf den Prinzipien, die wir als weltliche Wesen teilen, nicht mehr widersprechen.

Sexualität und Erbsünde

Die flapsige Formulierung "das Kreuz mit dem Sex" bringt diesen Sachverhalt gleichsam auf den Punkt. Man kann hier von den weltweiten Skandalen des Missbrauchs von Kindern durch Priester nicht absehen. Denn sie sind - was immer sie sonst noch sein mögen - wesentlich auch die Folgen einer Sexualmoral, deren repressives Gepräge im Innersten der heilgeschichtlichen Doktrin christlichen Glaubens angelegt ist. Selbst in jenen Ausprägungen des Christentums, in denen die Ehelosigkeit der Gottesmänner und damit ihre "Keuschheit" kein Thema ist, wird die menschliche Sexualität nur dann als etwas "Natürliches" entdämonisiert, wenn der Kern des christlichen Glaubens schon grundlegend umgedeutet wurde.

Dieser christliche Glaubenskern sieht alles Geschlechtliche befleckt durch die Erbsünde, die laut biblischem Bericht durch die beiden ersten Menschen, Adam und Eva, in die Welt kam. Es geht um den Genuss der Frucht vom verbotenen Baum, zu dem die Schlange zunächst Eva verführte, worauf ihr Adam nachfolgte. Seither wurde die Sünde von Generation zu Generation, über den Samen des Mannes, weitergegeben - so die Lehre der Kirche, die den Umstand sexuell ausdeutete, dass die Paradies-Geschöpfe plötzlich ihrer Nacktheit beschämt innewurden. Hinzu trat schon bald das Narrativ, wonach das Wesen der Frau böse sei, schließlich brütete ihr Schoss immer wieder neues, sündhaftes Leben aus. Daran änderte nichts, dass dieses Leben, weil ein "Geschenk Gottes", unantastbar war. Deshalb der hartnäckige Widerstand konservativer christlicher Kreise gegen den Schwangerschaftsabbruch . . .

Obwohl mit dem Kreuzestod Jesu, dem Sohn Gottes als der zweiten göttlichen Person, der Erbsündenlauf gestoppt wurde - so die offizielle Lehre -, wurde das sexuelle Verlangen, die Wollust (Luxuria), weiterhin als sündhaft gebrandmarkt (sie ist neben Stolz, Neid, Zorn, Habsucht, Schwermut und Völlerei eine der sieben Todsünden). Das geschlechtliche Begehren blieb weiterhin der bevorzugte Einfallsort des Teufels, der in verschiedenen Ländern, nicht zuletzt in Italien, nach dem Zweiten Vatikanum eine Renaissance erlebte - und mit dem Teufel, nebenbei gesprochen, auch der Exorzist, zu dessen regulärer Ausbildung der Vatikan eigene Seminare einrichtete. Einzig der eheliche Beischlaf zwischen Mann und Frau gilt weiterhin als gottgewollt und gottgefällig.

Abweichen von Dogmen

Dass ein Großteil der heute getauften Christen mit der kirchlichen Sexualmoral nichts mehr anzufangen weiß, wird im liberalen Denk- und Gefühlslager zweifellos begrüßt. Gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein: "Und wie hältst du es mit deinem Glauben?" Dass sich selbst die meisten Kirchgänger darüber wenig Gedanken machen, ändert nichts am Grundproblem, das lautet: Wie weit kann eine zeitgemäße Kirche von den alten Dogmen abweichen, von ihrer zentralen Glaubenserzählung, ohne ihre Identität überhaupt zu verlieren und zu einer anderen Art von Glauben zu werden? Schon Immanuel Kant hatte in seiner Schrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" (1793/94) eine Kirche ohne "Fetischdienst und Afterglauben" gefordert. Aber was wäre das, wenn nicht schlichtweg eine Vereinigung aller moralisch Denkenden guten Herzens?

Vor kurzem wurde im Rahmen der Werkausgabe das Buch "Tod und Teufel" des 2020 verstorbenen Wiener Priesters, Universitätsdozenten und Kirchenrebellen Adolf Holl neu aufgelegt. Es ist von erstaunlicher Aktualität, liest man seine Ausführungen zur Sexualität, die über Strecken sehr persönlich gehalten sind. Denn es war nicht zuletzt der Umstand, dass er offen bekennend mit einer Frau zusammenlebte, der dazu führte, dass er von der kirchlichen Obrigkeit all seiner priesterlichen und akademischen Ämter enthoben wurde (wofür der weltweite Erfolg seines Bucherstlings "Jesus in schlechter Gesellschaft" aus dem Jahr 1971 gewiss mitverantwortlich war, wurde darin der Kirche doch schlichtweg ihr Existenzrecht bestritten).

Holl spürte, dass das Katholische in seiner überlieferten Form im Rahmen einer aufgeklärten, multireligiösen Gesellschaft nicht unverändert weiterbestehen konnte - und das bis in den dogmatischen Kern hinein. Schmitt hatte Unrecht gehabt. Der Kontakt mit anderen religiösen Traditionen muss zu einer Umformung auch der im engeren Sinne spirituellen Gehalte führen. Eine Verschmelzung mit anderen Weisheitslehren, namentlich fernöstlichen, wird unvermeidbar, zumindest außerhalb des Kirchenraumes. Deshalb sind Holls Bücher, bei aller katholischen Tiefenprägung, voll mit erzählerischen Ausflügen in andere, teils sehr fremde Glaubenswelten, auch sexuelle Sitten und Gebräuche.

Die Lehre aus solcher Lektüre lautet: Man möge jegliche Furcht ablegen, wenn es um die unendliche Vielfalt geht, unter der sich das Göttliche offenbart. Diese Lehre lässt sich auch anders formulieren: Was die katholische Tradition als Substanzverlust beklagt, ist, aus einer kosmopolitischen Perspektive betrachtet, ein ständiger Prozess des Zuflusses und der Erneuerung - in ihm entfaltet der Mensch erst seine ganze religiöse Natur; immer vorausgesetzt, seine natürlichen Bedürfnisse, darunter die Sexualität, werden nicht in ein Dogmenkorsett eingeschnürt.

Buchtipp:
Adolf Holl: "Tod und Teufel", Band 2 der Werkausgabe (Residenz Verlag 2022), herausgegeben von Walter Famler, mit einem Nachwort von Peter Strasser.