Zum Hauptinhalt springen

Wie die Endlichkeit erträglich wird

Von Alexander von der Decken

Gastkommentare

Wir werden immer älter. Psychologen kennen Möglichkeiten, Handlungen bewusst zu erleben und dabei den Fluss der Zeit zu bremsen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die durchschnittliche Lebenserwartung soll 2050 bei 90 Jahren liegen. Der Traum vom langen Leben geht oft mit der Verdrängung des Todes einher. Wie wird die Endlichkeit erträglich? Arthur Schopenhauer meint dazu: Wie auf einer sich drehenden Scheibe jeder Punkt umso schneller läuft, als er weiter vom Zentrum abliegt, so verfließt jedem nach Maßgabe seiner Entfernung vom Lebensanfang die Zeit immer schneller. Die Frage des Alters ist also zweitrangig, da die Alterungsmechanismen losgelöst davon wirken. Entscheidend ist die Sinngebung!

Werner Gross vom Psychologischen Forum Offenbach empfiehlt, die Zeit zu bremsen. Man muss allerdings unterscheiden: Am kalendarischen Alter lässt sich nicht rütteln. Das biologische Alter beeinflusst ein gesunder Lebenswandel. Das psychologische Alter lässt den meisten Spielraum. Es beginnt damit, nichts mehr "auf später" zu verschieben. Gross sagt auch: "Wir leben in einer Phase des Effizienzterrors!" Man muss der Zeit Leben geben, Handlungen bewusst vollziehen. Das verlangsamt den Fluss der Sinne und erhöht die Wahrnehmung. Automatisierte Handlungen zu Besonderheiten zu erheben, ist der Königsweg. Kaffee lässt sich runterschütten oder genießen. Man kann rasch ein E-Mail tippen oder eine Füllfeder zur Hand nehmen und ein Blatt Papier mit seinen Gedanken schmücken. Fast jede Handlung lässt sich durch bewusstes Tun entschleunigen. Gebremste Zeit ist mehr gefühlte Lebenszeit.

Albert Camus reduziert die Frage nach Lebensdauer und Sinnhaftigkeit des Daseins auf den sehr eindringlichen Hauptnenner, "ob das Leben die Mühe, gelebt zu werden, lohnt oder nicht". Es geht nicht darum, die Zeit zu bremsen, sondern sich der Absurdität der Lebenssituation bewusst zu werden, sich ihr zu stellen, um eine Entscheidung zu treffen. Erst das gibt der Existenz Sinn. Natürlich kann man sich durch Suizid der Absurdität entziehen. Doch damit entledigt man sich nur der Notwendigkeit zu handeln, die Absurdität wird nicht überwunden. Auch Flucht in "philosophischen Selbstmord" - ins Transzendentale, also eine Religion oder Heilslehre - verbietet sich; für Camus können Gott oder ein anderes höheres Wesen nur existieren, wenn sie beweisbar sind. Das aber sind sie nicht, solange auch ihre Nichtexistenz nicht beweisbar ist. Die einzige Möglichkeit ist der Sprung vom Wissen hinüber zum Glauben - dieser führt aber auf das Feld der Spekulation.

Wenn physischer und philosophischer Selbstmord als Lösungen ausfallen, bleibt nur, sich dem Warum, dem Absurden, zu stellen und eine Antwort zu finden. Wer sich der Ausweglosigkeit des Todes bewusst ist, handelt, indem er gegen die absurde Lebenssituation revoltiert. Eine Revolte gegen Tod und verrinnende Zeit - basierend darauf, dass der Verlust der Ewigkeit einen Zuwachs in der Verfügbarkeit des Menschen hier bedeutet. Dies ist für Camus Voraussetzung, um nicht zu vegetieren, sondern zu existieren.

Die Durchschlagkraft dieses philosophischen Ansatzes zeigt sich in alltäglichsten Dingen: Man nimmt Gegebenes nicht hin, verpasst der Alltagsmonotonie Farbe, verändert die Situation, die einen stranguliert, überwindet das Absurde, indem man es akzeptiert und sich ihm entgegenstellt.

Oft begründen Schlüsselerlebnisse eine neue Sicht, ihre Zufälligkeit macht sie so eindringlich. Auf der Turmuhr der Christophorus-Kirche im norddeutschen Oese steht statt der Ziffern: "Zeit ist Gnade." Eine eindringliche Ermahnung.

Der Autor ist Redakteur in Bremen, hat Philosophie und Romanistik studiert und in Spanien, Frankreich und Italien gelebt. Die Tribüne gibt ausschließlich die Meinung des betreffenden Autors wieder und muss sich nicht mit jener der Redaktion der "Wiener Zeitung" decken.