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"Wie in einem Polizeistaat"

Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

Politik

In Istanbul fanden zum 1. Mai schwere Ausschreitungen statt. Es gab zahlreiche Verletzte und Festnahmen.


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Istanbul. Um 9 Uhr morgens am 1. Mai ist es in der Innenstadt der türkischen Megametropole Istanbul gespenstisch still. Der Verkehr rund um den zentralen Taksim-Platz auf der europäischen Stadtseite ruht, ganze Viertel wie Cihangir, Galata und Tarlabasi sind komplett von der Polizei abgeriegelt worden. Dort dürfen Autos nicht mehr hineinfahren, ob Fußgänger hinein oder hinaus dürfen, hängt von den 15.000 Beamten ab, die an diesem Tag die Zugangsstraßen bewachen. Im Laufe des Tages wurde der Taksim-Platz dann völlig abgeriegelt, es kam zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei, in deren Gefolge es zu hunderten Verhaftungen zahlreichen Verletzten kam.

Schon die Stunden davor waren von Spannungen geprägt. "Wie in einem Polizeistaat" fühle er sich, sagt der junge Arzt Mehmet Celik, als er morgens nach dem Nachtdienst aus dem Memorial Hospital im Stadtteil Okmeydani kommt. Obwohl das Viertel rund fünf Kilometer vom Taksim-Platz entfernt ist, ist es zu diesem Zeitpunkt hier bereits zu Zusammenstößen der Polizei mit Demonstranten gekommen, die sich in Richtung Taksim-Platz bewegen. Als ein Wasserwerfer zu feuern beginnt, verwandelt sich die Straße in ein Schlachtfeld. Tränengas nimmt die Sicht und den Atem, junge Männer mit Gasmasken errichten Barrikaden, werfen Steine und schießen mit Katapulten Murmeln auf die Polizei, die mit Plastikgeschossen antwortet.

Damit beginnen ähnlich schwere Auseinandersetzungen wie im vergangenen Jahr, als die Regierung den Taksim-Platz ebenfalls sperrte provozierte. "Wir haben uns seit 2010, als der Platz wieder für die Maidemonstration freigegeben wurde, zu einem großen Fest versammelt", sagt Celik. "Ich verstehe nicht, warum die Regierung das Volk nicht einfach zulässt."

"Unverschämt"

Doch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seine religiös-konservative Regierungspartei AKP fürchten wohl eine Wiederholung des Gezi-Aufstandes an jenem Ort, der seit Jahrzehnten als Ikone des Widerstands gilt. Nur einzelnen Gewerkschaftsvertretern war erlaubt worden, am Atatürk-Denkmal auf dem Platz Kränze niederzulegen. Erdogan hatte das Beharren der Gewerkschaften auf dem traditionellen Versammlungsort als "unverschämt" bezeichnet und ihnen empfohlen, sich stattdessen auf einer neu aufgeschütteten Fläche im Stadtteil Yenikapi am Marmarameer weit entfernt von der Innenstadt zu versammeln.

Auch in weiteren Städten kam es zu Auseinandersetzungen, etwa in Turin. In Deutschland kam es zu Ausschreitungen bei Aufmärschen gegen Neo-Nazis, in Athen wurde gestreikt..