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Wie kam der Kiwi nach Neuseeland?

Von Tom Appleton

Wissen

Der flugunfähige, nachtblinde Vogel gibt bis heute Rätsel auf: Er kann weder geflogen noch geschwommen sein.


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Im Deutschen beginnen die Merkwürdigkeiten schon beim Namen, hat das Wort "Kiwi" doch ein grammatikalisches Doppelgeschlecht. Die Kiwi ist die Frucht, der Kiwi ist der Vogel. Den gibt es schon eindeutig länger, nämlich seit rund 50 Millionen Jahren. Die Kiwi-Frucht erschien unter dieser Bezeichnung erst um 1970 auf dem Markt. Vorher nannte man sie noch "Chinese gooseberry" ("chinesische Stachelbeere"). Sie ist also eine Kulturpflanze, die es in ihrer früheren, "haarigen" Gestalt auch auf ein paar tausend Jahre brachte, bevor die Neuseeländer ihr ein glattes, marktgängigeres Äußeres verpassten.

Der Vogel, um den es hier in erster Linie gehen soll, hat etwa die Statur eines großen Huhns, legt aber nur einmal im Jahr ein Ei, das dann wiederum so groß ist wie zwölf Hühnereier zusammen. Es ist - im Vergleich zur Körpergröße des Tieres - das größte Ei, das ein Vogel auf der gesamten Welt legt. In den letzten Tagen vor dem Legen ist die Henne so prall, dass sie praktisch keinen Bissen mehr hinunterkriegt, obwohl sie bereits knapp vor dem Hungertod steht. Wenn das Ei endlich da ist, muss sie sofort los, um Futter zu finden. Deswegen muss der "Gatte" an diesem Punkt das Bebrüten übernehmen, sonst wird es nichts mit dem Nachwuchs.

Der Kiwi ist flugunfähig und nachtaktiv, besitzt aber, anders als andere typische Nachttiere, keine Leuchtaugen mit einem tapetum lucidum hinter der Netzhaut - er hat stattdessen nur kleine schwache Maulwurfsaugen. Der Kiwi ist praktisch nachtblind.

Sein langer Schnabel ist dafür mit Nasenlöchern an der Spitze ausgerüstet, dazu kommen noch kleine schnurrbartartige Sensoren in Form von Federn. Der Kiwi wühlt im Schutz der Dunkelheit im Erdreich nach Insekten. Das auf Lebenszeit vereinte Paar bleibt im Dunkeln durch ständige subaurale Töne miteinander in Funkkontakt; nähert sich ein Feind, knurrt der Kiwi wie ein Hund.

Das kuriose Tier bot sich, da auf der Welt einzigartig, als Logo für unzählige Produkte an, wie etwa für eine Schuhcreme-Marke oder die KiWi-Taschenbücher des Verlags Kiepenheuer & Witsch, und sogar die Neuseeländer selber bezeichnen sich als "Kiwis". Von daher bezog die Frucht ihren Namen, weil sie in Neuseeland angebaut und vermarktet wurde -- und nicht etwa, weil sie dem Vogel so ähnlich gesehen hätte.

Der Kiwi als Wappentier der Neuseeländer und als internationales korporatives Logo war auch deswegen so beliebt, weil das Tier als eine Art Urvogel galt, als ein lebendes Fossil aus Gondwanaland, jenem paläogeographischen Superkontinent der Südhalbkugel, der später in seine Bestandteile Australien, Neuseeland, Papua-Neuguinea, Neukaledonien, den Südzipfel von Südamerika und die antarktische Kontinentalplatte zerfiel. In Neuseeland, diesem Land der Einwanderer - denn auch die Maori, die sogenannten Ureinwohner, trafen erst vor 750 Jahren hier ein -, galt der Kiwi als einziges Lebewesen als echt autochthon, als der ursprüngliche Bewohner, der immer schon hier war.

Doch weit gefehlt. Bereits 1992 konnte Alan Cooper, damals noch ein Doktorand an der Victoria University von Wellington, Neuseeland, nachweisen, dass auch der Kiwi ein Einwanderer war.

Die größte genetische Übereinstimmung ergab sich, dieser Studie zufolge, zum australischen Emu und zum papuanischen Kasuar. Beides ebenfalls flugunfähige Laufvögel, aber beträchtlich größer. Was die Vermutung nahe legte, dass der Kiwi ebenfalls einst größer gewesen, aber seither um rund 75 Prozent geschrumpft war. Sein Ei dagegen behielt 85 Prozent seiner ursprünglichen Größe. Der ausgestorbene Moa von Neuseeland, der größte Straußenvogel aller Zeiten, erwies sich im Kontrast dazu als mit dem Kiwi nur entfernt verwandt; beide entstammen verschiedenen Familien.

Es war dies eine hochkarätige Studie, bei der internationale Prominenz mitgearbeitet hatte, darunter der Paläogenetiker Svantee Pääbo und Allan Wilson, der Begründer der "Out of Africa"-These, wonach alle modernen Menschen von einer afrikanischen Urmutter abstammen. Dennoch verursachte die Arbeit in Neuseeland keinen hohen Wellengang. Man wollte sich den Kiwi-Mythos nicht von Genetikern zerstören lassen.

Dabei hatte Neuseeland immer schon einen wirklich echten Ureinwohner, den Tuatara, eine katzengroße Urechse, die es lange vor den Dinosauriern gegeben hat, und die es seit deren Verschwinden ebenso lange wieder und immer noch gibt, und die auch allen Anstürmen der seither eingedrungenen Frettchen, Ratten und verwilderten Katzen widerstehen konnte. Aber der Kiwi war natürlich schnuckeliger. Der Tuatara erinnert eher an Godzilla.

Mittlerweile sind 22 Jahre vergangen, und Alan Cooper ist nun selbst Genetik-Professor in Ade-laide, Australien. Kürzlich legte er ein neues Paper vor, wonach der Kiwi die größte genetische Übereinstimmung mit dem ausgestorbenen Elefantenvogel von Madagaskar aufweist. Die DNA-Analyse basierte auch in diesem Fall auf Paläo-Material. Der Elefantenvogel war noch größer und dicker als der Moa gewesen. Seine riesigen Fleischmengen trugen ursächlich zu seiner Ausrottung durch den Menschen bei. Auch er war, wie der Kiwi, flugunfähig.

Wie also war der Kiwi, so stellt sich die Frage, nach Neuseeland gekommen? 1992 hatte Cooper gemutmaßt, er müsse wohl nach Neuseeland geflogen sein - einst, in grauer Vorzeit, als die Kiwi-Vorfahren noch Flügel hatten. Geschwommen könne er jedenfalls nicht sein, meinte Cooper damals lakonisch. Und das meint er noch immer, denn der Kiwi hat weder Fett im Gefieder noch Schwimmflossen. Seine Kratze-Krallen ähneln eher Hühnerfüßen. Aber trotzdem, so meine ich, würde kein Mensch behaupten, dass das Huhn jemals hätte fliegen können müssen, um seinen Siegeszug rund um den Globus anzutreten. Wieso also der Kiwi?

Fairerweise muss man einfügen, dass es ein Beispiel für einen Flieger gibt, der nach Neuseeland einwanderte. Es ist dies der Haastsche Adler, der vor anderthalb Millionen Jahren als kleiner "Falke" von Australien nach Neuseeland segelte und sich dort zum größten Flugvogel aller Zeiten mauserte. Auch der Haastsche Adler starb schließlich aus, nachdem die Maori seine Fleischquelle, den Moa, ausgerottet hatten. Seinen Namen bekam er postum, d. h. einige Jahrhunderte später, vom Bonner Naturwissenschafter Julius (von) Haast, der seinerseits vom österreichischen Kaiser Franz Joseph 1875 den Adelstitel verliehen bekam.

Aber die Wissenschaft bleibt nicht stehen. Heute gibt es neben der Paläogenetik auch neue Erkenntnisse über Kontinentaldrift. Diesmal sind es nicht die Kontinente selber, die, wie Gondwanaland, auseinanderbrechen. Es sind Biotope auf den Kontinenten, die - durch Naturkatastrophen wie Tsunamis, Vulkanausbrüche oder Erdbeben - ins Meer geschwemmt werden und von einem Kontinent zum nächsten schwimmen. Das jüngste Beispiel ist der Tsunami, der 2011 das AKW von Fukushima lahm legte und bis heute radioaktiv verseuchten Müll an die Westküste der USA schwemmt. In Alaska laufen seither Eisbären ohne Pelz herum. Der Konsum von verstrahltem Fisch und anderem Meeresgetier bescherte ihnen einen tödlichen Cocktail aus Krebs und Haarausfall.

Nicht minder drastisch sind heute die gigantischen Plastikmüllinseln, die in Ozeanen vor sich hin dümpeln. Sie transportieren Pflanzen und Tiere - also komplette Biotope - von einem Ende der Welt zum anderen. An dieser Stelle hakt der Autor Alan de Queiro mit seinem Buch "The Monkey’s Voyage" (Basic Books, New York 2014) ein. Wie konnten, fragt er, die genetisch deutlich miteinander verwandten Affen Südamerikas und Afrikas vor 31 Millionen Jahren so weit - nämlich über den ganzen Atlantik hinweg - auseinander driften?

Schwimmende Biotope

Die Antwort findet sich in dem Begriff "oceanic dispersal" - also eine ozeanische Dispersion, eine Verbreitung als Treibgut über die Weltmeere. Hierzu braucht es nicht einmal ein Balsa-Floß wie bei Thor Heyerdahl, es reicht der ganz normale Müll oder die Schwemm-Masse einer großen Flutwelle. Was für die Affen gut genug war - sie konnten weder fliegen noch so weit schwimmen -, sollte für den Kiwi recht und billig gewesen sein. Und eventuell auch für den Haastschen Adler, der wahrscheinlich doch nicht von Australien nach Neuseeland geflattert ist, sondern angeschwemmt wurde. Denn selbst nachher, mit der allergrößten Flügelspanne, die je ein Vogel erreicht hat, ist er doch nie nach Australien zurück geflogen . . .

Der kleine Kiwi seinerseits hatte im schattigen Gebüsch des neuseeländischen Urwalds keinen Feind - bis der Mensch eintraf. Erst da (so vermute ich) verlegte der Vogel seine Aktivität vom Tag auf die Nacht - genauso wie manche Tarsier und Lemuren auf Madagaskar. Sie können zwar bei Nacht nichts sehen, werden ihrerseits aber auch nicht gesehen. Oder wurden nicht gesehen. Denn der Mensch ist natürlich erfindungsreich bei der Zerstörung der Natur. Er hat Taschenlampe und Gewehr, und schraubt beide mitunter zu einer Waffe zusammen.

Tom Appleton, geboren 1948, Journalist, Schriftsteller und Bewohner von Hauptstädten. Nach Jahren in Berlin, Teheran, Bonn, Wellington und Wien lebt er jetzt wieder in Neuseeland.