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Wie lange wird an Bitcoin geglaubt?

Von Paul Kellermann

Gastkommentare
Paul Kellermann ist emeritierter Professor am Institut für Soziologie der Alpen-Adria-Universität.
© privat

Bitcoin ist kein gesetzliches Zahlungsmittel; es basiert nicht auf eigenen realen Wirtschaftsleistungen.


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Bitcoin basiert so wie tausende andere digitale Kryptowährungen auf einer Technoloie namens Blockchain, die digitale Dokumentationen von Aktivitäten sehr verschiedener Art ermöglicht. Hier soll es aber nicht um diese Blockchain-Technologie gehen, sondern um die Ware, die damit gehandelt wird. Ja, Bitcoin ist eine Ware, weil sie mit legalen Währungen gekauft werden kann. Da fängt die Spekulation an. Altes Preisgesetz: Je höher bei gegebenem Angebot die Nachfrage, desto höher der Preis. Durch die allgegenwärtige Werbung für Bitcoin steigt die Nachfrage, und weil viele Besitzer - wegen der Werbung - ihre Bitcoins behalten, um an der behaupteten beziehungsweise geglaubten Wertsteigerung teilzuhaben, steigt der Preis - eine Art "self-fulling prophecy".

Jenseits des Glaubens gilt: Für Geld will man etwas kaufen. Dieses Etwas muss vorhanden sein, zumeist ist es erarbeitet. Für legales Geld steht das jeweilige Wirtschaftssystem. Wenn sich also 19 Länder zum Euro-Währungssystem zusammengeschlossen haben, dann müssen sie für den Euro auch geradestehen. Wofür steht Bitcoin gerade? Jedenfalls nicht für eigene, reale Wirtschaftsleistungen, weil es keine gibt. Wer aber glaubt, Bitcoin behalte oder steigere seinen Wert, ist bereit, es als Geld zu akzeptieren. Darin unterscheidet sich analoges Falschgeld nicht vom digitalen: Solange falsches Geld nicht als solches erkannt wird, lässt es sich für den Kauf verwenden. Wird es als Falschgeld erkannt, ist es nichts mehr wert. Wer für Falschgeld wirbt oder es vertreibt, ist ein Hehler. Bei digitalem Falschgeld ist das nicht allgemein bewusst.

Solange sogar von Wirtschaftsprüfern, Staatsanwälten und Mitgliedern der deutschen Bundesregierung an Wirecard geglaubt wurde, so lange existierte Wirecard jahrelang weltweit. Nun wird an Betrug geglaubt, nicht mehr an die inexistenten Milliarden. Nur zur Information: Legales und gültiges Geld ist ein aufweisbares Symbol für den Anspruch auf eine wirtschaftliche Leistung (Güter oder Dienste). Dem entspricht, bewusst oder nicht, ein Leistungsversprechen der Emittenten von Geld, vergleichbar einem Gutschein. Legal ist Geld, wenn ein Gesetz das Geld stützt. Aber auch das legale Geld gilt nur, wenn daran geglaubt wird: "Non aes sed fides." Dieser Spruch, 1790 auf Münzen auf Malta geprägt, bedeutet frei übersetzt: "Es ist nicht das Metall (Gold, Silber, Kupfer oder ein Gesetz), sondern der Glaube." Gültig ist Geld dagegen, wenn der Anspruch verwirklicht werden kann, also dem Geld eine eigene reale Wirtschaftsleistung des dazugehörigen Systems entspricht. Bitcoin ist kein gesetzliches Zahlungsmittel; es basiert nicht auf eigenen realen Wirtschaftsleistungen; es funktioniert teils wie legales und gültiges Geld, solange daran geglaubt wird: "Glaube versetzt Berge", heißt es. Nur, wie lange wird an Bitcoin geglaubt?