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Wie man Armut beseitigt

Von Sven Hartberger

Gastkommentare

Degrowth-Modelle und die Gemeinwohl-Ökonomie fordern ungebremstes Wirtschaftswachstum.


Mit Worten lässt sich trefflich streiten und natürlich ganz besonders mit Reizwörtern wie Armut, Wirtschaftswachstum und Degrowth. Der aufgeregten Debatte könnten ein nüchterner Blick auf die trockenen Zahlen der Statistik, eine Abklärung der Begriffe und ein wenig Aufmerksamkeit für die weibliche Stimme der Vernunft gut tun. Die Statistik Austria hilft mit Informationen: Im Jahr 2019 waren in Österreich, einem der reichsten Länder der Welt, fast 1,5 Millionen Personen - also rund 17 Prozent der Bevölkerung - arm oder armutsgefährdet. EU-weit waren es 21 Prozent, also jede fünfte Europäerin.

Die bewundernswerte Gemütsruhe erwachsener Männer, die angesichts dieser Tatsachen vor allen Dingen gerne darüber diskutieren wollen, ob diese Prozentsätze in den vergangene 200 Jahren eher gewachsen oder eher zurückgegangen sind, kann man als ärgerlich empfinden. Die Frage scheint nicht nur müßig, sondern vor allem auch ein Streit um des Kaisers Bart zu sein, weil man je nach gewähltem Armutsbegriff legitimerweise zu unterschiedlichen Antworten kommt.

Zur Illustration: Wer im Netz die Suchanfrage "Coffee to go - with the taste of eviction" eingibt, findet eine kurze Dokumentation über die gewaltsame Vertreibung ugandischer Kleinbauern von ihrem Besitz. Die Familien, die für die Neuanlage einer Kaffeeplantage der Neumann-Gruppe weichen mussten, hatten, bevor sie unter stillschweigender Duldung der Regierung, unter verdeckter Beteiligung der Armee und bis heute ohne Entschädigung aus ihren Hütten geprügelt wurden, alles, was sie für ein glückliches Leben brauchten: Getreide, Hühner, ein bisschen Vieh, Bienen und einfache, kleine Häuser.

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Statistische Tricks im Umgang mit Armut

Nach menschlichem Ermessen waren sie reich, aus volkswirtschaftlicher Sicht aber arm, da sie weniger als 2 Dollar pro Tag zum Leben hatten, die sie freilich auch gar nicht brauchten. Seit ihnen zugunsten des Wirtschaftswachstums in Europa - die Neumann-Gruppe hat ihren Sitz in Hamburg - alles genommen wurde, sind sie aus Sicht mancher Ökonomen jedoch endlich nicht mehr arm, weil sie als Erntehelfer bei Neumann Uganda jetzt mehr als 2 Dollar pro Tag verdienen. Unter Zugrundelegung des - freundlich gesagt: sehr kompakten - 2-Dollar-Armutsbegriffes sind übrigens auch Obdachlose nicht arm, weil sie von der Statistik gar nicht berücksichtigt werden.

Armut lässt sich also, wie das Beispiel zeigt, nicht nur auf mühsame und kostspielige Weise beseitigen, etwa durch Bildung und strategische Sozialpolitik, sondern einfacher und billiger durch eine zweckmäßige Definition des Armutsbegriffs. Das Unterfangen, den Begriff durch akademische Fixierung zu entpolitisieren, ihn als eine Art naturwissenschaftliche Größe der Debatte zu entziehen und unangreifbar zu machen, ist ein nicht sonderlich sympathischer Kunstgriff an einer Nebenfront der eigentlichen Frage, wie Armut am effizientesten zu bekämpfen wäre: durch weitere Wachstumsorientierung oder durch die Förderung einer an sozialen und ökologischen Zielsetzungen orientierten Wirtschaft, die unter dem Begriff Degrowth bekannt geworden ist?

Keine Überproduktion für den globalisierten Norden

Degrowth bezeichnet nämlich keineswegs ein Eintreten für "das geplante Schrumpfen der Wirtschaft, Dauerrezession und Verarmungsexperimente". Degrowth steht nur für die prioritäre Berücksichtigung ökologischer und sozialer Forderungen vor jener des Wirtschaftswachstums. Im erhitzten Streit der Ideologen, die es natürlich auf beiden Seiten gibt, erklingt an dieser Stelle wohltuend die weibliche Stimme der Vernunft aus dem Mund von Sigrid Stagl, Universitätsprofessorin und Vorständin des Departments für Sozioökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien, die sich in dieser Auseinandersetzung als pragmatische Agnostikerin erklärt: Gegen Wirtschaftswachstum sei nichts einzuwenden, wenn es unter Respektierung der planetarischen Leitplanken und unter Beachtung humanitärer und sozialer Vorgaben erreicht werden könne.

Sven Hartberger ist Jurist, Autor, Dramaturg und Sprecher der Gemeinwohl-Ökonomie Österreich.
© Heribert Corn / www.corn.at

Das und nichts anderes wollen freilich auch alle seriösen Degrowth-Modelle, die natürlich keinen Verzicht auf Wachstum in den Bereichen Bildung, Pflege, Soziales oder bei der Güterproduktion in Regionen wünschen, in denen schwache Produktion die Ursache mangelhafter Versorgung ist. Abgelehnt wird hingegen die weitere Intensivierung der Überproduktion im oder für den globalisierten Norden, und dies ganz besonders dann, wenn diese - wie ausnahmslos immer seit Beginn der industriellen Revolution - mit gesteigertem Ressourcenverbrauch einhergeht.

Eine ökologisch und sozial betriebene Wirtschaft muss nicht am Wachsen gehindert, sehr wohl aber vom aktuell herrschenden Wachstumszwang befreit werden. Einer der angesehensten Ökonomen Europas, Mathias Binswanger, hat diesen Zwang in seinem 2019 erschienenen gleichnamigen Buch beschrieben. Überzeugend und unwidersprochen zeigt er, dass unsere Volkswirtschaften nur aus einem einzigen Grund immer weiter wachsen müssen: weil nämlich ohne Wachstum das gegenwärtig herrschende Wirtschaftssystem kollabieren würde.

Kein Beleg für den Nutzen von Wirtschaftswachstum

Man muss sich verdeutlichen, was das konkret bedeutet: Wirtschaftswachstum per se schadet nicht, stiftet aber auch keinen Nutzen. Es gibt keinerlei Beleg dafür, und es ist auch nicht sehr wahrscheinlich, dass Wirtschaftswachstum als solches einen Beitrag zu sauberem Wasser, klarer Luft, zum Schutz der Artenvielfalt, zu gesellschaftlichem Zusammenhalt oder auch nur zu allgemeinem Wohlstand leistet.

Es gibt auch keinen wissenschaftlichen Beleg für die ebenfalls wenig begründete Annahme, Wirtschaftswachstum wäre ein effizientes Mittel der Armutsbekämpfung. Dafür gibt es aber im Gegenteil sehr viele wissenschaftliche Nachweise für die Tatsache, dass das für unser aktuelles Wirtschaftsmodell überlebenswichtige Wachstum eine Form des Produzierens und des Konsumierens erzwingt, die für das Brennen der Regenwälder, das Aussterben von täglich 150 Arten und das Abschmelzen der Polkappen ursächlich ist.

Angesichts dieser Fakten liegt die Frage nahe, warum an einer Wirtschaftsdoktrin festgehalten werden soll, deren conditio sine qua non eben jener Zwang zum Wachsen ist. Das hat, antwortet Ökonom Binswanger, nur einen einzigen Grund: Wir haben noch keine bessere gefunden. Das mag so sein, weil man ja gemeinhin nur findet, wenn man sucht und was man sucht. Auf diese Suche nach einem Wirtschaftsmodell, das Wachstum zulässt, wo es nützt, aber es nicht erzwingt, wo es ohne Nutzen zu stiften enormen Schaden anrichtet, sollten wir uns wohl alle gemeinsam machen.

Degrowth-Modelle können da einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie eben nicht sinkende Wertschöpfung, sondern eine globale Wirtschaftsverfassung vorschlagen, welche die planetaren Leitplanken unserer Mutter Erde respektiert und die geschwisterliche Verteilung ihrer Güter zu ihrem vornehmsten Ziel erklärt. Für diese Art von Wirtschaft fordern die Gemeinwohl-Ökonomie und der gesunde Menschenverstand grenzenloses Wachstum.•