Wie Mystik auch im Alltag erfahrbar werden kann

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Theologe Adolf Holl nennt in 14 Lektionen die geläufige Beherrschung der Alltagsmystik als Ziel.
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Die meditative Konzentration im Kampfsport, der Genuss von Kunst oder die Kommunikation mit einem geliebten Haustier: Auch weltliche Momente haben spirituelle Komponenten, schreibt Adolf Holl (1930 bis 2020) in der "Mystik für Anfänger". Band drei der von Walter Famler und Harald Klauhs herausgegebenen Werkausgabe des Theologen, Religionssoziologen und suspendierten katholischen Priesters wurde kürzlich beim ersten Adolf Holl Symposium, das in Kooperation mit der "Wiener Zeitung" über die Bühne ging, analysiert.

Die Mystik ist eine religiöse Anschauung, bei der durch Versenkung, Hingabe oder Askese eine persönlich erfahrbare Verbindung mit dem Göttlichen gesucht wird. Holl nennt in 14 Lektionen die geläufige Beherrschung der Alltagsmystik als Ziel. Dabei strebe er keineswegs nach Verzauberung, sondern beziehe eine kritische Position, so Horst Junginger, Religionswissenschafter der Universität Leipzig. Sowohl das Individuum als auch die Gemeinschaft stünden im Zentrum. Holl sei Vertreter der mystischen Empfindung und zugleich Pädagoge in diesem Buch, meinte Regina Polak, Theologin an der Uni Wien.

"Keine religiöse Essenz"

Könnten Holls Ideen verkürzt hin zur Erhebung des Bauchgefühls zum absoluten Standard interpretiert werden, wie etwa in der Anti-Corona-Impfdebatte? Junginger will Holls Denken nicht in der Auflehnung gegen Autoritäten und Wissenschaft verorten. "Ich würde es mit dem Begriff religiöse Selbstermächtigung beschreiben", sagte er: "Holl ist ein Aufklärer." "Mystik für Anfänger" sei teils progressiv, teils unkritisch, was Esoterik betreffe. "Wir sollten aber nicht die Illusion haben, dass es bei Holl eine religiös-mystische Essenz geben würde." Je mehr wir wissen, umso bewusster ist uns, dass wir nichts wissen, aber dazu gehöre vorher das Wissen, zog Polak Resümee.(est)