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Wie Österreich CO<sub>2</sub>-neutral werden kann

Von Michael Ortner

Klimawandel

Weniger Autos auf den Straßen, weniger Ölheizungen in den Kellern, weniger Rinder auf den Weiden: Reicht das, um bis 2050 klimaneutral zu sein?


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Ein Tag im Jahr 2050. Surrend setzt sich das E-Auto in Bewegung. Kinder flitzen mit ihren E-Bikes zur Schule. Photovoltaikanlage liefern Strom dafür. Häuser werden umweltfreundlich geheizt und gekühlt. Die Familie lebt klimaneutral - und schont die Umwelt. Verbrennungsmotoren sind verpönt, Kohlekraftwerke stehen im Museum. Fleisch ist ein Luxusgut. Eine Utopie? Vielleicht, aber eine notwendige. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.

In 30 Jahren muss Österreich seinen Energiebedarf klimaneutral decken. Das bedeutet, dass durch ein Produkt oder eine Dienstleistung die klimaschädlichen Gase in der Atmosphäre nicht mehr werden. Wenn keine klimarelevanten Gase entweichen oder bereits ausgestoßene an anderer Stelle wieder eingespart werden, spricht man von klimaneutral. Doch wie schafft Österreich das? Reicht es, auf Autos zu verzichten? Darf man künftig nicht mehr fliegen? Gehört Fleisch bald der Vergangenheit an?

82,3 Millionen Tonnen Treibhausgase wurden 2017 in Österreich ausgestoßen - das sind 4,6 Prozent mehr als 1990. Dabei sind die Emissionen zwischenzeitlich zurückgegangen. Doch seit 2014 ist ein rückläufiger Trend beobachtbar. Bis 2030 sollen 36 Prozent der Treibhausgas-Emissionen gegenüber dem Jahr 2005 eingespart werden. Das Ziel der Klimaneutralität liegt in weiter Ferne.

Fast ein Drittel aller Treibhausgas-Emissionen entfällt auf den Verkehr. Er belastet das Klima erheblich. Österreich ist ein Autoland: Auf den heimischen Straßen fahren immer mehr Fahrzeuge. Ende September waren fünf Millionen Pkw zugelassen. Seit 2000 stieg die Zahl um 25 Prozent. Tendenz steigend.

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Trotz des Abgasskandals bei Dieselfahrzeugen lieben die Österreicher diesen Kraftstoff. Der Grund ist einfach: Diesel ist billig, er genießt ein Steuerprivileg. Der Dieselanteil liegt in Österreich bei 41 Prozent - und damit über dem EU-Schnitt.

Nischenprodukt E-Auto

Der Verbrennungsmotor ist das Nonplusultra. Um jedoch klimaneutral zu werden, ist ein Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energie dringend notwendig. Also heißt es Umsatteln auf Elektroantrieb. Laut einer Umfrage der Online-Plattform "Autoscout24" überlegen 37 Prozent der Befragten den Kauf eines E-Autos, für ebenso viele kommt ein Hybrid-Fahrzeug in Frage. Doch der Anteil an Elektroautos liegt bei lediglich 1,4 Prozent aller Neuzulassungen. Der Gesamtanteil ist verschwindend gering. Laut Eurostat haben von 4,9 Millionen angemeldeten Pkw hierzulande gut 42.000 einen strombetriebenen oder- unterstützten Motor. Das E-Auto fristet ein Nischendasein. Dies könnte sich jedoch bald ändern. "Ab 2020 gelten strengere CO2-Werte für Flotten. Die Hersteller müssen also mehr E-Autos auf den Markt bringen, um den Flottendurchschnitt runterzubringen", sagt Ulla Rasmussen, Verkehrsexpertin vom Verkehrsclub Österreich. Mit mehr Modellen am Markt, werde auch der Preis sinken, ist sie überzeugt.

Auf einen Elektroantrieb zu wechseln, wird allerdings nicht reichen. Die Änderungen müssen viel tiefgreifender sein. Dies beginnt bei der Raumplanung und endet beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs und des Radfahrnetzes. "Die derzeitige Regelung der Pendlerpauschale macht es extrem unattraktiv, auf langfristige Strukturen überzugehen", sagt der Klimaökonom Karl Steininger vom Wegener Institut für Klima und Globalen Wandel in Graz. Darum hält er eine Bepreisung von Kohlenstoffdioxid für sinnvoll. Produkte oder Dienstleistungen, die mit hohen CO2-Emissionen verbunden sind, würden mit Steuern belegt werden.

Im ländlichen Raum ist der öffentliche Verkehr aber oft nur schlecht ausgebaut. Menschen leben zersiedelt. Das eigene Auto bleibt ein notwendiges Übel. Kritiker werfen ein, dass mit der CO2-Steuer alles auf die Pendler abgewälzt wird. Dem hält der Ökonom entgegen: "Ich muss die Einnahmen so einsetzen, dass ich keine negativen Effekte habe." Ein Ansatz wäre etwa eine Rückverteilung an die Haushalte - wie etwa in der Schweiz.

Dort wurde bereits 2008 eine Kohlenstoffdioxid-Abgabe eingeführt. Damit sollen die Haushalte angeregt werden, die CO2-Emissionen zu senken. Pro Tonne CO2 heben die Eidgenossen 88 Euro ein. Ein Drittel der Gelder fließt in energetische Sanierungen, zwei Drittel werden als "Klimabonus" rückverteilt. Jeder entscheidet selbst, wie viel ihm vom Bonus bleibt. Haushalte, die mit Öl heizen, zahlen mehr Abgabe als solche, die etwa mit Erdwärme heizen. Letzteren bleibt also unterm Strich mehr Geld übrig. Studien zeigen, dass die Abgabe zu spürbaren Emissionsreduktionen geführt hat.

Ölheizungen werden mehr

Noch gibt es aber viel Luft nach oben. 40 Prozent des Energieverbrauchs in der Schweiz entfällt auf Heizöl. Ölheizungen belasten die Umwelt enorm. Doch auch hierzulande erfreut sich der klimaschädliche Brennstoff noch großer Beliebtheit. Rund 16 Prozent aller Österreicher haben eine Ölheizung im Keller stehen. Doch anstatt die Anzahl zu reduzieren, werden es mehr. 626.109 Ölheizungen sind nach aktuellen Daten der Statistik Austria noch immer in Betrieb, 6700 mehr als noch 2013/14.

Der Staat fördert den Ausstieg aus Ölheizungen mit maximal 5000 Euro. Der sogenannte "Raus aus dem Öl"-Bonus ist für heuer schon vergeben. Ob es kommendes Jahr wieder eine Förderung geben wird, hängt von der neuen Regierung ab. Dass es auch ohne Ölheizung geht, zeigen Länder wie Dänemark. Dort sind Ölheizungen verboten. Norwegen will ab 2020 nachziehen. In Österreich sind ab 1. Jänner 2020 Ölheizungen in Neubauten nicht mehr erlaubt.

Die Umstellung auf saubere Energieträger bringt allerdings wenig, wenn die Häuser nicht entsprechend gedämmt werden. Viel Energie geht durch alte Dächer, undichte Fenster und schlecht isolierte Mauern verloren. Die Emissionen im Gebäudesektor sind zwar seit 1990 gesunken, doch nun steigen sie das dritte Jahr in Folge wieder an. Sie machen 10,1 Prozent an den Treibhausgas-Emissionen aus. Energieökonom Lukas Kranzl von der TU Wien sieht enorme Potenziale, sowohl was Umfang als auch Qualität von Sanierungen betrifft. "Es muss ein Mix sein aus Sanierung und besserem Energieeinsatz", sagt Kranzl. So würde eine Umstellung auf eine Zentralheizung bereits viel Energie einsparen. Auch wenn nur schrittweise saniert wird, werde dadurch viel erreicht. "Viele Hausbesitzer haben aber Angst vor so einem Großprojekt, es fehlt an Informationen", sagt Kranzl. Das größte Potenzial zur Einsparung gibt es laut Umweltbundesamt bei Gebäuden aus der Zeit vor 1970.

Im Idealfall sollten Häuser in Zukunft nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch produzieren. Photovoltaikanlagen erzeugen Strom, der gespeichert und ins öffentliche Netz eingespeist werden kann. "Wenn die Stromnachfrage sehr hoch ist, können Gebäude zu einem gewissen Grad ausgleichend im Energiesystem wirken", sagt die Ökonomin Angela Köppl vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo). Der Energieverbrauch muss aber insgesamt schrumpfen. 2017 wurden rund 37 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente - 45 Prozent aller Emissionen - im Sektor Energie und Industrie ausgestoßen. Hauptverursacher sind vor allem die CO2-intensive Eisen- und Stahlproduktion und die öffentliche Strom- und Wärmeproduktion. In der Industrie sieht Köppl noch großen Innovations- und Forschungsbedarf. Immerhin verabschiedet sich Österreich gänzlich vom schmutzigen Energieträger Steinkohle. Im steirischen Mellach schließt 2020 das letzte Kohlekraftwerk Österreichs.

Der Straßenverkehr verursacht fast ein Drittel aller Treibhausgas- Emissionen in Österreich.
© S. Schuldt

Österreich hat lange - und erfolgreich - auf erneuerbare Energien gesetzt. Zwei Drittel des Stroms werden heute durch Windräder, Wasserkraftwerke und Photovoltaikanlagen erzeugt. Das ist EU-Spitze. Doch sie können den Energiehunger nicht mehr stillen. "Der Zuwachs in der Energienachfrage konnte 2017 das erste Mal nicht durch erneuerbare Energien kompensiert werden", sagt die Wifo-Expertin. Statt aufseiten der Energiebereitstellung einzusparen, sollte die Energie produktiver eingesetzt werden, sagt Köppl.

Fleisch als Klima-Sündenbock

Auch die Landwirtschaft trägt einen wesentlichen Teil zu den Treibhausgas-Emissionen bei. 10 Prozent werden durch Nutztierhaltung, Düngemittel, Transport etc. verursacht. Seit 1990 haben die Emissionen in diesem Sektor um 13,3 Prozent abgenommen. Hauptverantwortlich ist der Rückgang des Viehbestandes: Seit 1990 reduzierte sich die Zahl der Milchkühe von 900.000 auf 540.000. Rund 97.000 Betriebe in Österreich betreiben Viehhaltung, 1995 waren es noch knapp 160.000 Betriebe.

Laut Landwirtschaftskammer gehen rund 70 Prozent der Emissionen auf das Konto der Nutztierhaltung. Denn Rinder stoßen jede Menge Methan aus. Dieses Gas belastet das Klima enorm, es ist 25-mal schädlicher als CO2. Immer öfter muss deshalb das Fleisch als Klima-Sündenbock herhalten. Ein Steak: 5 Kilogramm CO2, ein Schnitzel: 800 Gramm CO2. 65 Kilo Fleisch verzehrt ein Österreicher durchschnittlich im Jahr. Umweltorganisationen rufen regelmäßig zu einem geringeren Fleischkonsum auf.

Eine andere Möglichkeit wäre, die Zahl der Nutztiere weiter zu reduzieren. Die Bauern würden jedoch auf die Barrikaden gehen. 60 Prozent aller Betriebe betreiben Viehhaltung. Es ist ihre Existenzgrundlage. Der Umbau des Sektors dürfte sich aber nicht nur deswegen als schwierig erweisen. Werner Zollitsch, Professor für Nutztierwissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien, spricht von einem Konflikt zwischen Klimarelevanz und anderen Zielen wie etwa Biodiversität. "Das Erhalten von Kulturlandschaften im alpinen Raum wird ohne eine landwirtschaftliche Tierhaltung nur schwer umsetzbar." Die Hälfte der Flächen in Österreich seien Grünland, ein Ackerbau sei oft nicht möglich, weil es zu steil oder zu feucht ist. Es geht also nicht ganz ohne Tiere.