Zum Hauptinhalt springen

Wie verbessert man einen Bestseller?

Von Helmut Dité, Siena

Wirtschaft

"Auto des Jahres 1999" in Europa, "Auto des Jahres 2000" in Nordamerika - als erster übrigens mit beiden Auszeichnungen gekrönt -, weltweit meistverkauftes Auto in den Jahren 2000 und 2001, Sieger des deutschen TÜV-Zuverlässigkeitsreports 2002 - als erstes deutsches Auto seit 14 Jahren übrigens - und im Februar 2004 lief von diesem Modell bereits der 3.000.0000ste allein in Europa vom Band. Wie muss ein Nachfolger für dieses Auto sein, wie baut man einen noch besseren Ford Focus? Keine leichte Aufgabe für die Ford-Entwickler in Köln-Merkenich. Aber, kurzes und bündiges Resumee nach den ersten paar hundert Kurven vorweg: Sie haben es geschafft.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 21 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Auf den neuen Focus, der ab Mitte November zu haben sein wird, lasten große Hoffnungen. Mit mehr Qualität und Design will Ford in Europa aus seinem Image- und Absatztief herauskommen. Als Brot-und-Butter-Modell in der so genannten Golf-Klasse spielt der Focus eine Schlüsselrolle für Ford: In Österreich, wo der Anteil dieser Klasse am Gesamtmarkt knapp 30 Prozent ausmacht, bedeutet er für Ford 44 Prozent aller Verkäufe, erläutert Ford-Austria-Chef Fritz Schmutzhart bei der Präsentation des Neuen in Italien.

Und - Überraschung: Hatte das vor fünf Jahren vorgestellte Focus-Modell noch die Meinungen durch sein extremes Design polarisiert, glänzt der Nachfolger nun durch eher demonstrative Zurückhaltung. Hinter dieser visuellen Kehrtwende steckt jedoch nicht etwa die Mutlosigkeit des Ford-Managements, sondern der Versuch, ein seriöseres Image aufzubauen. Was der neuen Designlinie zu Grunde liegt, ist die Idee von Robustheit, formuliert der deutsche Designkritiker Bernd Polster: "Dies ist ein weitgehend intuitives, über Optik, Akustik und Haptik vermitteltes Merkmal, mit dem Ford im Gegensatz zu den Marken der so genannten "Premium-Klasse" bislang nicht verbunden wurde. Es wird in den Köpfen der Kunden mit mehr Sicherheit und einem höheren Wiederverkaufswert assoziiert".

Obwohl bei Ford schon vor einigen Jahren zur Aufholjagd geblasen wurde - siehe den Sieg im TÜV-Report für den Focus und ein Jahr später für den kleineren Fiesta - gab es weiterhin Image-Nachteile gegenüber der Konkurrenz - der Marktanteil der deutschen Ford-Tochter ging 2003 auf 7,3 Prozent zurück, als einziger unter den zwölf führenden Autoherstellern musste Ford, gemessen am Absatz, einen Abstieg in der Rangordnung hinnehmen, von Platz vier auf sechs. BMW und Audi zogen vorbei.

Mittlerweile liegen die Kölner aber, was die Kundenzufriedenheit angeht, vor Audi, Mercedes und VW. Man gehört de facto zu den Besten - und langsam wird man auch zunehmend vom Publikum wieder dazu gezählt. Dass der Sprung gelang, kommt nicht von ungefähr. Das Werk Saarlouis, wo der Focus gebaut wird, gilt laut einer Studie des renommierten Massachusetts Institute of Technology als einer der produktivsten Standorte der Autoindustrie.

Damit der neue Focus auch so solide und robust aussieht, mussten Chefdesigner Chris Bird und seine Mannen ihn quasi ins Fitness-Studio schicken und dem früheren eher leptosomen "New Edge"-Design ordentlich Muskeln antrainieren: Abgesehen von etwas mehr Länge - der längste Radstand seiner Klasse übrigens - mehr Breite und mehr Höhe und mehr Kofferraum - er sieht von allen Seiten einfach muskulöser als der Vorgänger, schwerer, stabiler.

Insgesamt wirkt der Wagen so "als wäre er aus einem Stück gefräst", betonen die Ford-Leute - ein Stil, an dem sich Bird schon bei seinem früheren Arbeitgeber Audi übte, und der den Eindruck von Solidität genauso betont wie die angehobene Gürtellinie und der Aluminium-Look im Inneren. Es ist derselbe Effekt wie schon beim Ende des Vorjahres vorgestellten, auf der neuen Focus-Plattform basierenden Minivan C-Max, der sich neben Designpreisen auch guter Nachfrage erfreut.

Was die Sicherheit betrifft, ist man ebenfalls an der Spitze des Segments angesiedelt. Die Ingenieure gaben sich zwar noch kryptisch - "die neuen Crashtest-Ergebnisse von EuroNCAP kommen erst in ein paar Wochen" - sie lächelten aber vielsagend dabei - es dürfte ein Spitzenwert herausgekommen sein.

Die wirklich interessanteste Frage, den Neuen betreffend, war allerdings für die aus ganz Europa eingeflogenen Tester das Fahrverhalten. Hatte doch der "alte" Focus mit seinem Fahrwerk absolute Maßstäbe setzen können. Nach den ersten cirka 742 Kurven im toskanischen Hügelland um Siena und Montalcino sang sogar ein ansonsten eher schweigsamer Zürcher Kollege nicht nur die klangvollen Ortsnamen von der Straßenkarte, sondern auch höchstes Lob vor allem für das Sportfahrwerk und eine großartige Lenkung - Sie müssen ihn fühlen, auch österreichische Kurven machen Spaß.

Nach Österreich kommt der neue Focus als 3-Türer, 4-Türer mit Stufenheck, als 5-Türer, und mit dem Kombimodel "Traveller" - für den sich übrigens wahrscheinlich gut 50 Prozent der hiesigen Kunden entscheiden werden - zunächst mit zwei Dieselmotoren: Ein 1,6-Liter TDCi mit 109 PS und ein 2,0-Liter mit 136 PS, beide gegen Aufpreis mit Rußpartikelfilter verfügbar. Im Frühjahr 2005 kommt dann auch noch als Diesel-Einstiegsmodell ein 1,6-Liter mit 90 PS. Benzinmotoren werden vier angeboten, von 1,4-Liter mit 80 PS bis zum 2,0-Liter mit 145 PS. Einen 1,6-Liter-Benziner mit 100 PS gibt es mit konventioneller Automatik, den 1,6-Liter-109-PS-Diesel mit der neuen stufenlosen CVT-Automatik.

Die Preisspanne reicht vom 3-Türer "Ambiente" 1,4 um 15.650.- Euro bis zum Traveller 2,0 TDCi in der Spitzenausstattungslinie "Titanium" um 26.150.- Euro. Ford Austria rechnet - "nicht nur wegen der Vier-Jahres-Garantie" - einen Preisvorteil gegenüber vergleichbar ausgestatteten Hauptkonkurrenten VW Golf und Opel Astra vor.

Nächstes Jahr wird auch ein Sportmodell "ST" kommen, der soll dann über 200 PS leisten. Ob auch ein nach dem italienischen Stardesigner Alfredo Vignale benanntes Cabrio-Coupé mit versenkbarem Metalldach kommt, ist noch nicht endgültig entschieden - das Publikum auf dem Pariser Salon signalisierte vergangene Woche jedenfalls freudige Erwartung.