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Wien bleibt rot, aber immer weniger

Von Christian Rösner

Analysen

SPÖ verliert an Martin 14 Prozent. | Strache räumt in "Arbeiterbezirken" ab. | Wien. Wien bleibt traditionell rot. Aber das immer weniger: Bei der EU-Wahl am Sonntag haben 29 Prozent der Wiener die SPÖ gewählt - 8,5 Prozentpunkte weniger als 2004.


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Selbst Bürgermeister Michael Häupl sprach von einer "schrecklichen Wahlniederlage" und verzichtete auf abgedroschene Schönrederei-Versuche - von wegen, das Wahlergebnis zeichne mit einem gehörigen Respektabstand von mehr als 11 Prozent die SPÖ als klaren Sieger aus.

Schmerzliche Verluste von 5,5 Prozentpunkten gab es auch für die Grünen, die nur 16,8 Prozent erreichten, sich aber immerhin noch vor der viertplatzierten FPÖ einreihten. Diese konnte allerdings mit 16,1 Prozent ein sattes Plus von 10,6 Prozentpunkten für sich verbuchen. Das ist immerhin eine Verdreifachung gegenüber der EU-Wahl 2004 - trotzdem keine schwere Übung, angesichts der Tatsache, dass sich die Freiheitlichen 2004 mitten in der fortgesetzten Selbstzerfleischung befanden und mit denkbar schlechten Umfragewerten noch in der Regierung saßen. Die FPÖ hatte damals seit 1999 zwei Drittel ihrer Wähler verloren - und erlitt ihren größten Verlust bei Bundeswahlen überhaupt.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache feiert sich jetzt dennoch als großen Sieger und träumt weiter vom Brechen der 30-Prozent-Hürde bei den Gemeinderatswahlen 2010 - hoffend auf jene Protestwähler-Stimmen, die Hans-Peter Martin bei diesen Wahlen für sich gewinnen konnte. Und er fühlt sich dadurch auch weiter in seinem Plan bestärkt, Michael Häupl von seinem "Thron" stoßen zu wollen.

FPÖ reüssiert in Arbeiterbezirken

Es waren vor allem die sogenannten Arbeiterbezirke, in denen die FPÖ massiv zulegen konnte - nämlich ungefähr soviel, wie die SPÖ verloren hat: In Simmering gab es mit 24,7 Prozent der Stimmen ein Plus von fast 20 Prozentpunkten. Die SPÖ stürzte um 19 Prozentpunkte ab, kann sich aber immer noch über 33,66 Prozent freuen.

Ähnlich ging es der FPÖ in Favoriten (Plus 17,3 Prozentpunkte) und Floridsdorf (plus 16,1), wo sie jeweils an zweiter Stelle hinter der SPÖ blieb. In der Donaustadt legte die FPÖ 14,34 Prozentpunkte zu, wurde aber von Hans-Peter Martin auf Platz drei verdrängt.

Kandidatur Martins könnte Strache treffen

Straches Hoffnungen, bei den kommenden Gemeinderatswahlen Martins Stimmen zu bekommen, könnten allerdings von einer möglichen Kandidatur Martins zunichte gemacht werden. Gerüchten zufolge liebäugelt nämlich der "Kronen Zeitung"-Günstling damit - jedenfalls wollte er das am Sonntagabend nicht ausschließen.

Martin landete in Wien mit 15,9 Prozent der Wählerstimmen auf Platz fünf. Auch er konnte - so wie die FPÖ - vor allem in den "Arbeiterbezirken" zulegen, wo er zum Teil 20 Prozent erreichte - laut Wählerstromanalyse hat die SPÖ etwa 14 Prozent ihrer Stimmen an Martin verloren, 8 Prozent an die FPÖ. In den sogenannten bürgerlichen Bezirken - Innere Stadt, Josefstadt, Hietzing, Währing und Döbling - kam Martin nur auf Werte zwischen 8 und 13 Prozent.

Trotz allem könnte er mit einer Kandidatur für 2010 FPÖ-Chef Strache einen Strich durch die Rechnung machen - zumal die Reichweite der "Kronen Zeitung" laut Kommunikationswissenschafter österreichweit bei 40 Prozent liegt und laut einer Umfrage des GfK-Instituts 70 Prozent aller Hans-Peter Martin-Wähler Leser dieser Zeitung waren.

Zumindest könnte er neue Facetten in den Wahlkampf einbringen und das von Strache angekündigte "Duell" mit Häupl stören. Allerdings ist zu bezweifeln, dass die "Kronen Zeitung" Martin bei der Wien-Wahl in dem gleichen Ausmaß unterstützen wird, wie bei der EU-Wahl. Und neue Mehrheitsverhältnisse sind mit einer Kandidatur Martins ebenfalls nicht zu erwarten, schließlich hat Martin bei der Nationalratswahl 2006 in Wien nur 2,2 Prozent zustande gebracht.

ÖVP freut sich vorerst einmal

Auch für die Wiener ÖVP würde eine Kandidatur Martins nicht viel verändern. Sie ist mit einem Minus von rund 2 Prozentpunkten auf 17,1 Prozent relativ stabil geblieben und kann sich derzeit nur über das schlechte Abschneiden der SPÖ freuen. ÖVP-Chef Johannes Hahn sieht das jedenfalls als positives Zeichen, "weil vieles in Bewegung geraten ist". Er setzt auf Schadensbegrenzung.

Die Aussagekraft der Ergebnisse im Hinblick auf die kommenden Wahlen in Wien ist angesichts der überaus niedrigen Wahlbeteiligung von 37,95 Prozent aber ohnehin enden wollend. Zu groß sind zudem die Unterschiede zwischen EU-, Bundes- und Stadtpolitik - ob nun mit oder ohne Hans-Peter Martin.