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Wiener Abgeordnete in Bagdad

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik
Rückkehr in den Irak nach 24 Jahren Exil: Shirouk Abayachi.
© bs

Nach 18 Jahren in Österreich gestaltet Shirouk Abayachi die Zukunft des Irak mit.


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Bagdad. Der Druck nach einer politischen Lösung im Irak wächst. Für kommenden Dienstag ist die erste Sitzung des Parlaments seit der Wahl am 30. April angesetzt. Ministerpräsident Nuri al-Maliki hat zwar eine rasche Regierungsbildung zugesagt, allerdings die auch vom Westen verlangte Einbeziehung aller größeren Bevölkerungsgruppen abgelehnt. Der Irak droht wegen des Konflikts zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden in einzelne Regionen zu zerfallen, seit die radikal-islamische Isis-Miliz den Aufstand probt. Nun sollen die Abgeordneten einen Ausweg aus dem Dilemma finden. Eine Wienerin ist auch dabei.

Sie hat es auf Anhieb geschafft. Die neue "Allianz für zivile Demokratie" hat vier Sitze im neuen irakischen Parlament gewinnen können: drei für Bagdad und einen für Basra. Ihr gehören kleine säkulare, liberale und linke Gruppierungen an, die alle den Aufbau einer funktionierenden Zivilgesellschaft zum Ziel haben. Das ist ein Novum im Irak nach Saddam Hussein. Bisher wählten die Stimmberechtigten stets entlang ethnischen und religiösen Grenzen. Nun aber, bei der mittlerweile vierten Parlamentswahl nach dem Einmarsch der Amerikaner im Frühjahr 2003, brechen diese Grenzen langsam auf. Und dieser Wandel trägt einen Namen: Shirouk Abayachi.

Schock bei Rückkehr in Irak

"Bagdad zog mich magisch an", sagt die Frau, die 18 Jahre in Wien lebte und dort vor ihrer Scheidung Shirouk Dillaa hieß. Als sie 2004 nach 24 Jahren im Exil in ihre Geburtsstadt zurückkam, war die 56-jährige österreichische Irakerin schockiert. "Bagdad lag in Ruinen, die Menschen waren so müde." Wehmut liegt in ihrer Stimmen, wenn sie von den ersten Begegnungen mit Familienmitgliedern und Freunden nach so langer Zeit erzählt. "Die Leute haben ihre Häuser wieder aufgebaut, Stein um Stein, Ziegel um Ziegel." Da konnte die Wienerin nicht mehr weg, sie musste bleiben und helfen.

Als Irakerin zieht sie jetzt ins Parlament ein und soll gleich eine weitere Bedrohung für ihre Stadt meistern helfen. Die sunnitische Terrororganisation droht damit, Bagdad einnehmen zu wollen, so wie sie es bereits mit Mossul im Nordirak getan hat.

Frauenquote im Parlament

Shirouk ist eine von insgesamt 82 Frauen, die einen Sitz in der 328 Abgeordnete zählenden Volksvertretung einnehmen wird. Als einziges Land im Nahen Osten schreibt der Irak eine Frauenquote von 25 Prozent in Volksvertretungen vor. Diese gilt nicht nur für das Parlament in Bagdad, sondern auch für die Räte in den 18 Provinzen. Auf Drängen der ehemaligen Besatzungsmacht wurde dieser Passus in der Verfassung verankert. Als die Amerikaner Ende 2011 aus dem Irak abzogen, stand die Quote kurz im Parlament zur Debatte, fand aber keine Zweidrittelmehrheit, um sie zu kippen. Shirouk Abayachi hätte es auch ohne geschafft. Doch nur 22 Kandidatinnen erhielten wie sie genug Stimmen, um ohne Quote ins Parlament zu kommen.

Mit 92 Sitzen ist die Rechtsstaatskoalition von Premier Maliki die stärkste Fraktion im Parlament. Allerdings kann er nicht alleine regieren, wie er sich das erhofft hatte. Nach den Stimmenverhältnissen wird Maliki auch mehr als einen Partner brauchen, denn alle anderen Parteien und politischen Vereinigungen blieben unter 30 Sitzen.

Die Regierungsbildung wird schwierig, zumal derzeit niemand mit Maliki regieren will und alle ihn für das Sicherheitsdesaster verantwortlich machen, das Isis einen fast ungehinderten Durchmarsch ermöglicht. Shirouk jedenfalls wird auf keinen Fall für eine dritte Amtszeit Malikis stimmen. "Die Menschen wollen Veränderung an der Regierungsspitze, ich auch."

Auf der Mutanabi-Straße, Bagdads berühmter Büchermeile, fühlt sich die frischgebackene Parlamentarierin am wohlsten. Fast jeden Freitag ist sie dort. Auch jetzt, wenn die Lage so angespannt ist. Künstler, Schriftsteller, Filmemacher und Intellektuelle treffen einander und überlegen, wie sie den Zerfall Iraks aufhalten können. Shirouk holt sich Kraft und Inspiration, um die schlimme Zeit einigermaßen meistern zu können. Als Studentin für Bauwesen schloss sie sich damals den Kommunisten an, deren Treffpunkt die Mutanabi-Straße war.

Als Saddam Hussein nach seiner Machtergreifung 1979 viele ihrer Kommilitonen verhaften ließ, schickte der Vater Shirouk nach Beirut zum Studium. Von dort ging sie nach Prag, dann nach Wien. In Österreich hatte sie viele Baustellen, arbeitete nicht nur als Bauingenieurin und Architektin, sondern war auch als Vorsitzende des irakischen Kulturvereins und brachte einen Sohn zur Welt. "Wenn ich nach Österreich zurückgehe, erscheint mir alles so einweilig", sagt sie und meint eine Mischung aus eingeordnet und langweilig. Alles sei schon aufgebaut und eingefahren.

Terroropfer Wasserpolitik

Im Irak dagegen war alles offen, als sie zurückkam. Sie fing an, ein Netz von NGOs aufzubauen, Menschen zu ermutigen, ohne politische oder religiöse Bindung für eine Sache zu kämpfen. Zumeist waren es Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Als Beraterin im Wasserministerium bekam sie dann Zugang zur Problematik der drohenden Wasserknappheit in Euphrat und Tigris, der dramatischen Verschmutzung des Wassers durch Düngemittel und Industrieabwässer, der schlechten Qualität des Trinkwassers und der daraus resultierenden Nierenprobleme für die Bevölkerung. Als Abgeordnete wolle sie die Probleme nun direkt angehen, sagte sie noch im Wahlkampf. Seitdem haben sich die Prioritäten geändert. Shirouk muss eine Lösung finden, wie der Vormarsch der Terroristen von Isis auf Bagdad abzuwenden ist. Ihre Allianz für zivile Demokratie werde sich auf keinen Fall an der Regierung beteiligen. Schon gar nicht, sollte diese wieder von Maliki geführt werden.