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Wiener sind extremer - auch in der Arbeit

Von Martina Madner

Politik

Die Gegensatzpole der Hochzufriedenen und der Abgehängten am Arbeitsmarkt nehmen in Wien besonders zu.


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Wien. Der internationale OECD-Vergleich macht sicher: Österreich steht in puncto "Guter Arbeit" gut da. Sowohl beim Lohnniveau und der Einkommensverteilung als auch mit einem vergleichsweise geringeren Risiko arbeitslos zu werden und einer guten sozialen Absicherung bei Arbeitslosigkeit schneide das Land gut ab, erläutert Raphaela Hyee, Ökonomin am Direktorat für Beschäftigung, Arbeit und Soziales. "Da befindet sich Österreich jeweils im obersten Drittel", sagt sie bei der Konferenz der MA 23, des Magistrats für Wirtschaft, Arbeit und Statistik.

Belastende Arbeitsplätze

Dann der Wermutstropfen: Zur Job-Quality-Framework der OECD zählt auch die Analyse des Arbeitsumfelds. Hierbei werden Stressfaktoren wie Zeitdruck, gesundheitliche Belastungen oder Mobbing am Arbeitsplatz unter die Lupe genommen. Solcher Stress kann zwar durch persönliche Autonomie in der Arbeitsgestaltung oder gute persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz ausgeglichen oder gemindert werden. Wird es laut OECD-Expertin aber hierzulande offenbar nicht: Herr und Frau Österreicher sprechen häufiger von Überlastung als Arbeitende in anderen Ländern.

"Bei der Belastung steht Österreich sehr schlecht da. Nur in den südeuropäischen Ländern ist man noch mehr überlastet am Arbeitsplatz. Der Zeitdruck, die physische Belastung und die Arbeitszeit sind vor allem bei Männern enorm hoch", sagt Hyee. "Es kann aber auch sein, dass sich Österreicher mehr beschweren als andere", räumt sie ein.

Ein Schelm, der dabei an grantelnde Wiener und Wienerinnen denkt, deren Aussagen laut Hyee bei den wahrgenommenen Belastungen eine besonders große Rolle spielen.

Wien nimmt manches vorweg

Wobei, ganz so simpel ist die Erklärung dann doch nicht. Wien ist laut Daniel Schönherr, Sozialforscher bei Sora, anders als andere Bundesländer. Da ist die raschere Entwicklung in Richtung Dienstleistungsgesellschaft. Es gibt mehr und andere atypische Beschäftigung, zum Beispiel mehr geringfügige und befristete Dienstverhältnisse. Arbeit nimmt in Wien einen höheren Stellenwert ein, und die Arbeitszufriedenheit ist zugleich unter Wiener Beschäftigten niedriger als bei Österreichern generell.

Grund dafür sind harte Fakten: Beispielsweise reicht 15 Prozent Wienern ihr Einkommen nicht aus. In Österreich generell stellen das gerade mal sieben Prozent fest. Man ist aber auch kritischer: "Wiener sind mit dem Image des Unternehmens, dem Führungsstil und Arbeitzeitregelungen weniger zufrieden als andere Österreicher." Schönherr sagt außerdem: "In Wien wird entgegen dem bundesweiten Trend der Anstieg von körperlichen und psychischen Belastungen stark wahrgenommen."

Teufelskreis der Erschöpfung

Letzteres sei vor allem dem Dienstleistungsbereich geschuldet: "Die wissensintensive Arbeit ist in Wien stärker vertreten. Der Zeitdruck in dieser Branche höher. Man braucht auch als Beschäftigter ein unternehmerisches Ich, muss sich ständig auf neue Arbeitssituationen einstellen." Dazu gebe es "immer mehr Vereinzelung". Entwicklungen, die laut Wirtschaftskammer-Wien-Experten Helmut Naumann in anderen Bundesländern "um drei bis fünf Jahre zeitversetzt später zu erwarten sind".

Annika Schönauer, Sozialforscherin der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt, kurz Forba, spricht von einem Teufelskreis der Erschöpfung, in den insbesondere Beschäftigte in Wissens- und Kreativberufen geraten. "Wenn das Verhältnis von Leistung und Belohnung in Form von Geld, Karrierechancen ins Wanken gerät, versuchen diese Leute, ihr Selbstwertgefühl zu stärken, indem sie übermenschliche Leistungen erbringen." Das Gebrauchtwerden verleiht der Arbeit Sinn, "Stress macht an dieser Stelle glücklich." Auf das vorübergehende Hoch folgt allerdings Müdigkeit. Man treibt sich noch stärker an, das führt zu noch mehr Erschöpfung. "Darauf folgt ein Gefühl der Wertlosigkeit, dem viele begegnen, indem sie noch härter arbeiten, was zum Zusammenbruch führt", sagt Schönauer.

Hauptstadt der Polarisierung

Schönauer stellt zwar eine zunehmende Heterogenität am Arbeitsmarkt fest: "Allgemeine Trends sind oft nicht so allgemein, wie man annimmt. Der Beschleunigung der Arbeit der einen steht die geringe Auslastung anderer gegenüber." Einen Trend macht aber auch die Forba-Expertin aus, jenen zur "Polarisierung".

Und die zeigt sich laut Sora-Experten Schönherr in der Hauptstadt besonders deutlich: "In Wien nimmt die Polarisierung deutlicher zu als in anderen Bundesländern." Sowohl der Anteil der hochzufriedenen Beschäftigten als auch jener am anderen Ende der Fahnenstange, der vom Arbeitsmarkt abgehängten Beschäftigten, wächst stärker als im restlichen Österreich.

Typische Vertreter der Gruppe der 14 Prozent Hochzufriedenen in Wien sind in Vollzeit Angestellte in leitender Position, insbesondere in Geld- und Versicherungsinstituten, aber auch im Büro oder in der Verwaltung. Sie sind durchschnittlich älter, qualifizierter, haben häufiger eine leitende Position als andere. Die vom Arbeitsmarkt abgehängte Gruppe ist mit 16 Prozent größer als in Österreich insgesamt mit zehn Prozent. Darunter sind laut Schönherr überdurchschnittlich viele mit Migrationshintergrund. Und: "Mehr als die Hälfte arbeitet am Bau, in der Reinigung, als Kraftfahrer oder im Tourismus."

Nicht nur die subjektive Arbeitszufriedenheit dieser Gruppe ist problematisch, sondern auch ihre reale Situation. Nur ein Drittel glaubt, bis zur Pension arbeiten zu können. Deutlich mehr in dieser Gruppe als andere Wiener verloren ihre Arbeit auch schon mal wegen einer Erkrankung. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher. Und bei 42 Prozent gibt es akuten Qualifizierungsbedarf.

Stadträtin Renate Brauner (SPÖ) sieht die Stadtpolitik auf dem richtigen Weg. "Gute Arbeit heißt eindeutig gleiche Chancen bei Aus- und Weiterbildung zu haben." Man habe beispielsweise den Qualifikationsplan Wien verlängert. "Da werden wir nicht nachlassen. Es geht schließlich darum, welche Zukunft die Menschen haben."