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Wiens altes Oval

Von Matthias Petritsch

Politik
Das Ernst-Happel-Stadion ist 85 Jahre alt. Internationale Highlights finden hier keine mehr statt.
© Rösner

Das Ernst-Happel-Stadion im Prater ist veraltet. Der ÖFB wünscht sich einen Neubau, die Stadt will renovieren.


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Wien. 29. Juni 2008. Nach einem Pass von Barcelona-Legende Xavi und einer Unachtsamkeit von Verteidiger Philipp Lahm erzielt der Spanier Fernando Torres das Siegestor im Wiener EM-Finale gegen Deutschland. Für die Iberer ist es das Ende einer 44-jährigen Durststrecke bei fußballerischen Großereignissen. Gleichzeitig ist es aber der Beginn einer anderen Durststrecke. Jener des traditionsreichen Ernst-Happel-Stadions.

Denn das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft war das letzte internationale Highlight in dem in die Jahre gekommenen Oval im Prater. Das 1931 eröffnete einstige Vorzeigestadion, in dem insgesamt viermal die begehrteste Trophäe im europäischen Klubfußball vergeben wurde, genügt den Ansprüchen der heutigen Zeit nicht mehr.

Der jüngste Höhenflug des Nationalteams in der Qualifikation für die Europameisterschaft in Frankreich und die damit verbundene Faneuphorie rückten diese Problematik wieder in den Fokus der Öffentlichkeit. Sportminister Hans Peter Doskozil wagte sich Anfang des Jahres als Erster aus der Deckung und sprach sich offen für einen Neubau aus.

Sportstadtrat dämpftdie Erwartungen

Der Wiener Kultur- und Sportstadtrat Andreas Mailath-Pokorny kündigte schließlich im Februar eine umfassende Studie als Grundlage für das weitere Schicksal des Praterovals an. Diese sollte klären, ob eine Renovierung oder ein Neubau der Arena, möglicherweise auch an einem anderen Standort, sinnvoller ist. Zudem muss geprüft werden, ob ein kompletter Abriss der Spielstätte aus rechtlichen Gründen überhaupt möglich ist. Gegenüber der "Wiener Zeitung" zeigt sich Mailath-Pokorny hinsichtlich des vom ÖFB und vielen Fans favorisierten Neubaus allerdings skeptisch.

"Das Stadion steht unter Denkmalschutz. Und es ist keine Ruine", heißt es aus dem Büro des Stadtrates gegenüber der "Wiener Zeitung". Dort schätzt man die Chancen für eine umfassende Renovierung deshalb deutlich höher ein als für eine völlige Schleifung des Stadions. Dennoch will man sich nicht ganz in die Karten blicken lassen. Sobald die Ergebnisse der Studie vorliegen, sollen diese umfassend mit Ministerium und ÖFB diskutiert werden. Vom Tisch scheint also auch ein Neubau noch nicht ganz zu sein. Dieser wird vom ÖFB klar der Renovierung vorgezogen. Kosmetische Operationen der "alten Dame" seien nicht mehr sinnvoll, wie Präsident Leo Windtner bereits mehrfach anmerkte.

Dabei wäre Wien als Austragungsort europäischer Fußballhighlights durchaus gefragt: Denn nicht nur die Infrastruktur abseits des Stadions wie etwa Hotels für Spieler, Betreuer und Fans, sondern auch die Flughafen- und Verkehrsanbindungen sind hier optimal. Auch die zentrale Lage sowie Sicherheitsaspekte sprechen für Wien.

Dass es im Stadion in seiner derzeitigen Form weder ein Champions-League- noch ein Europa-League-Finale mehr geben wird, liegt aber auch an der starken Konkurrenz. Hochmoderne Fußballtempel gibt es mittlerweile nicht mehr nur in den traditionellen Fußballländern wie Deutschland oder England. Derzeit werden etwa in Bratislava und Budapest neue Nationalstadien gebaut. In der ungarischen Hauptstadt wird das alte Ferenc-Puskás-Stadion zu einer Arena für knapp 70.000 Besucher umgebaut, in der 2020 auch EM-Spiele ausgetragen werden sollen.

Für diese Endrunde hat sich die Stadt Wien erst gar nicht beworben. Zu aussichtslos wäre ein derartiges Unterfangen gewesen. Der Umstand, dass quer durch Europa, von Baku bis Dublin, der Europameister ermittelt wird, die Veranstalter aber um Wien einen großen Bogen machen, ließ letztlich auch bei der Politik die Alarmglocken schrillen.

Spät, aber doch. Denn immerhin wurde von politischer Seite im Vorfeld der Europameisterschaft 2008, dem größten in Österreich je ausgetragenen Sportereignis, nicht nur die Chance auf einen zeitgemäßen Neubau leichtfertig vertan. Vielmehr war das Praterstadion, das seit dem Tod der großen österreichischen Spielerlegende Ernst Happel dessen Namen trägt, den politisch Verantwortlichen nicht einmal eine Renovierung wert.

Zumindest keine, die diesen Namen verdient. Man setzte lediglich die von der Uefa geforderten Mindestanpassungen um. Von denen einige, wie etwa die zweite Videowall oder die nahezu bis zum Spielfeldrand gebauten Tribünen, nach dem Turnier wieder verschwanden.

Ob Neubau oder Renovierung, bis die Baumaschinen auffahren, wird man in Wien auf internationale Fußballhighlights verzichten müssen. Aktuell wird im Stadion abseits von Länderspielen hauptsächlich nationaler Bundesligafußball geboten. Derzeit von der Wiener Austria. Meist vor eher schütterer Kulisse. In den beiden vorangegangen Saisonen nutzte Rekordmeister Rapid den Prater als Ausweichquartier, während in Hütteldorf die neue grün-weiße Heimstätte errichtet wurde. Mehr gibt das Stadion derzeit nicht her.

Nationalteam muss in die Südstadt ausweichen

Dies musste auch die ÖFB-Elf während der Vorbereitung auf das heutige, aus sportlicher Sicht so wichtige WM-Qualifikationsspiel gegen Irland leidvoll erfahren: Aufgrund schlechter Lichtverhältnisse am Trainingsplatz war Teamchef Marcel Koller gezwungen, die Übungseinheiten kurzerhand in die Südstadt nach Niederösterreich zu verlegen. Auch beim jüngsten Europa-League-Match der Austria gegen AS Roma gab es Probleme. Dort streikte das Ticketsystem beim Einlass. Zum Leidwesen zahlreicher Zuschauer, die erst nach den ersten beiden Toren in das weitläufige Rund gelangten.

Auch wenn das Stadion keine Ruine ist. Aushängeschild für die fast zwei Millionen Einwohner zählende Hauptstadt ist es auch keines.