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Willkommen im Benzin-Sozialismus

Von Christian Ortner

Gastkommentare

Eine Idee, die nachweislich versagen muss, findet stetig neue Anhänger, die an sie glauben.


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Für die "Sozialisten in allen Parteien", wie der große Friedrich August von Hajek das spöttisch nannte, ist das Problem zu hoher Preise leicht zu lösen: Der Staat legt par ordre du Mufti einen Höchstpreis vulgo Deckel fest, und schwups verschwindet das Problem. Das kleine Problem dabei: Das Problem verschwindet leider nicht, es nimmt nur eine andere Gestalt an, weil man die Gesetze der Ökonomie leider genauso wenig außer Kraft setzen kann wie jene der Schwerkraft.

Geradezu beispielhaft kann man das seit Monaten in Ungarn beobachten. Dort hat die Regierung schon Ende 2021 einen Deckel für jenen Preis verfügt, den die Ölmultis an der Tankstelle verlangen dürfen: 480 Forint (1,20 Euro). Das freute den ungarischen Wähler natürlich wie von der Regierung geplant - aber nicht lange. Denn den Gesetzen des Marktes folgend wurde kurz darauf Benzin zur Mangelware - weil kein Unternehmen gerne Benzin billig nach Ungarn liefert, wenn es in allen anderen Staaten höhere Preise lukrieren kann. Gleichzeitig erhöhte der künstlich niedrige Preis die Nachfrage, auch hier den ökonomischen Gesetzen folgend. Denn einerseits stürmten Tanktouristen, nicht zuletzt aus Österreich, Ungarns Tankstellen, andererseits begannen die Ungarn selbst Sprit zu horten, da sie glaubten, die Regierung werde die Preise bald wieder freigeben.

Es war ein bisschen wie zu Zeiten des Gulasch-Kommunismus: niedrige Preise, aber lange Schlangen, um an den begehrten Stoff zu kommen. Weshalb die Regierung, ganz den Prinzipien des Sozialismus folgend, noch tiefer in den Markt eingriff und nur noch Autos mit ungarischem Kennzeichen ein tägliches Kontingent billigen Sprits gestattete. Da auch das nicht half, den Mangel an Diesel und Benzin zu beseitigen, dürfen seit kurzem nur noch Privatleute, Bauern und Taxler einmal pro Tag zum Staatstarif tanken, was bürokratisch recht mühsam ist. Vor allem aber passiert nun, was in derartigen planwirtschaftlichen Systemen immer passiert: "Ein Schwarzmarkt für Benzin entsteht", rapportierte die "Neue Zürcher Zeitung" amüsiert aus Budapest. Es wird vermutet, dass Privatpersonen das Benzin für 480 Forint pro Liter erwerben und dann für etwas weniger als den Marktpreis verhökern.

Willkommen im Sozialismus, da läuft es immer so ab; der nächste Schritt ist dann ein Gesetz, das den Schwarzhandel mit dem knappen Gut unter schwere Strafandrohung stellt. Was in der Regel zu höheren Preisen am Schwarzmarkt führt, weil sich die Händler ihr höheres Risiko entsprechend entlohnen lassen. Und so weiter und so fort, eine Interventionsspirale ohne Ende, genau wie das der österreichische Ökonom Ludwig Edler von Mises (1881 bis 1973) beschrieben hat.

Das Faszinierende an dieser Episode und vieler anderer, die seit Ausbruch der aktuellen Inflationswelle in ganz Europa zu beobachten sind, ist die offenbar unausrottbare Neigung sowohl der Politiker als auch - und das ist wichtig - der Wähler, zum gefühlt hundertsten Male Methoden auszuprobieren, die schon hundertmal spektakulär gescheitert sind. Auch hier gilt: Die Geschichte lehrt, aber es hört ihr halt niemand zu.