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Windige Aussichten für Großbritannien

Von Sonja Wind

Wirtschaft

Die Briten sind führend in Windenergie und ehrgeizig in ihren Klimazielen.


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In der Nordsee östlich von England drehen sich 165 Windräder. Es handelt sich um die weltweit größte Windkraftanlage auf dem Meer. Seit vorigem Sommer versorgt diese Anlage namens Hornsea 2 rund 1,4 Millionen britische Haushalte. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch für die Geldbörse der Briten.

Denn das Heizen ist teuer geworden. Und das haben die britischen Haushalte besonders zu spüren bekommen. In Folge des Krieges in der Ukraine sind vor allem die Gaspreise stark angestiegen. Und genau damit heizen laut dem Office for National Statistics (ONS) rund 80 Prozent der Briten ihre Wohnung. Zum Vergleich: In Österreich macht dieser Anteil laut Eurostat nur etwa 27 Prozent aus.

"Die Invasion Russlands in die Ukraine und die weltweite Gaskrise machen es noch dringlicher, die Abhängigkeit des Vereinigten Königreichs von fossilem Gas in möglichst vielen Bereichen zu beenden", betont Phil MacDonald von der Denkfabrik Ember. Wind- und Solarenergie sind nicht nur günstiger als Gas, sondern verringern auch die Abhängigkeit von den globalen Energiemärkten und deren Preisen.

Ehrgeizige Klimaziele, aber Umsetzung ist fraglich

Auf dem Papier gilt Großbritannien als Vorreiter in Sachen Klimaziele. Es war die erste große Volkswirtschaft, die sich gesetzlich dazu verpflichtete, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden. Konkret soll Netto-Null erreicht werden, was bedeutet, dass klimaschädliche Gase im selben Ausmaß aus der Atmosphäre entfernt werden, wie sie ausgestoßen werden.

Die größte Änderung im Energiemix gab es über die Jahre im Bereich der Kohle. Der Kohlebedarf wurde laut dem britischen Energieministerium (BEIS) von rund 30 Prozent im Jahr 1990 auf rund 3 Prozent im Jahr 2021 gesenkt. Bis 2024 soll Kohle gänzlich aus dem Energiemix verschwinden. Die wichtigste Energiequelle für die Briten ist Gas, womit aktuell rund 40 Prozent des gesamten Energiebedarfs gedeckt werden.

"Wir haben eine Netto-Null-Strategie, wir haben das Climate Change Committee, das klar festgelegt hat, was wir tun müssen. Aber es gibt Bedenken, ob wir unsere ehrgeizigen Ziele erreichen werden", sagt Anna Valero, die an der London School of Economics (LSE) zu nachhaltigem Wachstum forscht. Auch der britische Ausschuss für Klimawandel (Climate Change Committee), der die Regierung berät, stellt die Umsetzbarkeit in Frage. Mit den derzeitigen Plänen der Regierungen sei ein Erreichen der Netto-Null-Ziele bis 2050 unwahrscheinlich, heißt es.

Stromsektor könnte schon vor 2035 sauber sein

Während es hier also Zweifel gibt, sind die Aussichten für einen anderen Bereich gut: den Stromsektor. Ex-Premierminister Boris Johnson setzte das Ziel, dass bis 2035 der gesamte Strom aus sauberen Quellen kommen soll. Aktuell wird ungefähr die Hälfte der Elektrizität aus sauberer Energie gewonnen, etwa 40 Prozent werden mit umweltschädlichem Gas generiert.

"Bis 2035 werden wir das Ziel eines sauberen Stromsektors definitiv erreichen. Wir glauben sogar, dass wir es schon 2030 schaffen können", erklärt MacDonald, der diesbezüglich Modellrechnungen erstellt hat. Mit dieser Prognose ist er nicht allein, auch der britische Energienetzbetreiber National Grid hat ähnlich positive Erwartungen. Laut Ember-Berechnungen soll bereits in den nächsten vier Jahren die dafür notwendige Wind- und Solarenergie verfügbar sein. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die geplanten Projekte tatsächlich umgesetzt werden. Dann sei es möglich, den Stromsektor ohne fossile Brennstoffe zu betreiben. "Es wird schon in den nächsten Jahren Tage geben, an denen zum ersten Mal weder Gas- noch Kohlekraftwerke in Betrieb sein werden, was für uns ziemlich aufregend ist", sagt MacDonald.

Je früher es Großbritannien gelingt, Gas aus dem Strommix zu entfernen, desto besser. Nicht nur für die Umwelt, sondern auch für das Budget. Windkraft soll aktuell mindestens sechsmal billiger als Gas sein, und auch Gasimporte wären dann nicht mehr notwendig. Insgesamt könnten so laut Ember 93 Milliarden Pfund eingespart werden, was den gesamten jährlichen Bildungsausgaben des Vereinigten Königreichs entspricht.

Größte Windkraftanlage der Welt

Gestützt wird das alles von der Windkraft. Und davon hat der Inselstaat reichlich. Die Briten sind weltweit führend bei der Offshore-Windkraft, also auf dem Meer. Im Jahr 2021 wurden rund 25 Prozent des gesamten Stroms in Großbritannien mit Winkraft erzeugt. Wo früher nichts als die Nordsee war, generieren nun mehrere Anlagen genug Energie für Millionen britische Haushalte. Das neueste Projekt ist Hornsea 2, weitere Projekte sind bereits in Planung.

Die Regierung unter Johnson versprach, die Windkraftkapazität bis 2030 von 10 auf 50 Gigawatt zu erhöhen. Das wäre laut BBC genug Energie, um jedes Haus im Vereinigten Königreich mit Strom zu versorgen. "Windkraftanlagen werden das Rückgrat des britischen Stromnetzes sein. Sie bringen eine unglaubliche Menge an Energie, und werden auch immer zuverlässiger, da die Turbinen immer größer werden", sagt MacDonald.

Ironischerweise hinkt Großbritannien aber bei der Onshore-Windkraft, also an Land, hinterher. Aktuell ist der Bau neuer Windräder an Land durch strenge Regelungen praktisch verboten. Die neue Regierung unter Premierminister Rishi Sunak hat nun aber kürzlich angedeutet, die kontroversen Regelungen diesbezüglich zu lockern.

Undichte Häuser sind ein Problem

Während also die Aussichten bei der Elektrizität gut sind, ist der Haushaltssektor ein Problembereich. Die Haushalte sind laut dem Climate Change Committe (CCC) für ungefähr 14 Prozent der britischen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Auch, weil die Häuser in Großbritannien die schlechteste Energieeffizienz in Westeuropa haben, wie eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt.

Das liegt unter anderem auch daran, dass Großbritannien eines der ersten Länder war, das sich industrialisierte. Viele Häuser wurden vor 150 Jahren gebaut, sind also alt und undicht und werden überwiegend mit Gaskesseln beheizt. "Ein Großteil unserer Infrastruktur wurde vor langer Zeit gebaut. Deshalb haben wir diese sehr undichten Häuser, die an kalten Tagen viel mehr Energie verlieren als Häuser in Deutschland oder Frankreich zum Beispiel", erläutert Valero.

Die britischen Regierungen haben in den vergangenen Jahren verschiedene Renovierungsprogramme gestartet, um die Energiebilanz zu verbessern. Ex-Premier Johnson wollte etwa bis 2028 rund 600.000 Gasheizkessel durch umweltfreundlichere Wärmepumpen ersetzen. Dafür gab es einen Zuschuss von jeweils 5.000 Pfund. Aber der Erfolg dieser und anderer Kampagnen hielt sich in Grenzen. Das Angebot werde zu wenig und zu langsam in Anspruch genommen, kritisierte das Climate Change Committee in einem Bericht.

"Im Wohnungssektor hat das Vereinigte Königreich meiner Meinung nach definitiv versagt. Es muss große Anstrengungen unternehmen, wenn es die Klimaziele erreichen will. Andernfalls werden die Haushalte ein Bereich sein, der weiterhin viele Emissionen erzeugt", sagt dazu Ben McWilliams, Energieexperte der Denkfabrik Bruegel. Die hohen Gaspreise könnten nun günstigere und umweltfreundlichere Alternativen für britische Haushalte interessanter machen.

Alte Pipelines könnten neue Verwendung finden

Einen potenziellen Vorteil könnte die veralteten Öl- und Gasinfrastruktur allerdings haben. Die Pipelines und die Hohlräume, die durch die Gasextraktion unter dem Meeresboden entstanden sind, könnten als Speicherplätze für CO2-Abgase genutzt werden. Statt die Gase in die Luft abzusondern, würde es in diese Hohlräume geleitet werden und dort dauerhaft aufbewahrt werden. Diese Technologie nennt sich "Carbon Capture and Storage" (CCS) und soll eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der britischen Netto-Null-Strategie spielen. "Das Vereinigte Königreich scheint im Bereich von ‚Carbon Capture‘ sehr innovativ zu sein, und auch die vorhandene Infrastruktur und die geologischen Gegebenheiten sind für die Umsetzung solcher Projekte förderlich", sagt Valero.

Allerdings steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen. Es sei noch unklar, ob die Technologie tatsächlich erfolgreich angewandt werden könne. "Die Regierung muss testen, ob ‚Carbon Capture‘ im Vereinigten Königreich funktioniert. Viele der weltweit Testprojekte, etwa in Nordamerika, sind gescheitert, weil sie zu teuer waren oder die Technologie zu schwierig war", ergänzt MacDonald.

Neue Atomkraftwerke und Wasserstoff in Planung

Ähnlich verhält es sich beim Wasserstoff. Der kohlenstoffarme Brennstoff wird für Verkehr, Heizung, Stromerzeugung oder als Energiespeicher angedacht. Die Regierung sieht Wasserstoff im Energiemix vor, gibt aber zu, dass die Industrie in den kommenden Jahren einen erheblichen Ausbau benötigt. Wasserstoff für die Beheizung von Wohnungen zu verwenden, hält MacDonald aber für keine gute Idee. Denn Wasserstoff sei sehr explosiv und daher weniger für Haushalte geeignet. Eine große Rolle könnte er aber in einem anderen Bereich spielen: "Es gibt diese seltenen Zeiten, wo der Wind eine Woche lang nicht weht, und diese Lücke müssen wir füllen. Ich denke, dass da Wasserstoff wahrscheinlich das Richtige ist."

Zum Energiemix der Zukunft wird auch Atomenergie gehören. Die britische Regierung plant den Bau mehrerer Atomkraftwerke. Aktuell werden rund 15 Prozent des Stroms mit Atomkraft erzeugt, bis 2050 sollen es 25 Prozent werden. Das Atomkraftwerk Sizewell C in Suffolk soll mehr als 50 Jahre lang rund sechs Millionen Haushalte versorgen und 10.000 neue Jobs schaffen. Ein erster kleiner Reaktor soll schon bis 2030 zum Laufen gebracht werden. Als Vorteile der Atomkraft gelten niedrige Emissionen und die stabile Stromversorgung, allerdings sind der Bau und die Stromerzeugung im Vergleich zu erneuerbaren Energien teuer.

Stärkere Vernetzung für mehr Energiesicherheit

Der Krieg in der Ukraine hat den Energiemarkt in ganz Europa aufgemischt. In Großbritannien ist die einzigartige Situation entstanden, dass Gas über die Pipelines nur in eine Richtung befördert wurde: vom Vereinigten Königreich nach Nordwesteuropa. Normalerweise fließt das Gas in beide Richtungen. Da die Briten im Vergleich zur EU weniger von Russlands Brennstoffen abhängig sind, konnten sie der EU aus der Gasknappheit helfen. Die Nachfrage nach Gas war auch deshalb höher, weil es in Frankreich Ausfälle bei der Atomenergie gab.

Dieses gemeinsame Netzwerk soll die Energiesicherheit erhöhen. Wenn es im Vereinigten Königreich einen Versorgungsengpass gibt, kann das Gas vom Kontinent ins Vereinigte Königreich fließen, und umgekehrt. "Ich glaube, das Wichtigste für die Klimaziele Großbritanniens ist, mit Europa verbündet zu bleiben - für Energiesicherheit und auch den Handel mit neuen klimafreundlichen Dienstleistungen und Gütern", meint Valero. Die Vernetzung zwischen den Staaten könnte sich in Zukunft vielleicht sogar noch verstärken. "Wenn der Wind nicht in der Nordsee weht, dann weht er vielleicht auf der Iberischen Halbinsel, oder es gibt Solarenergie aus Marokko" sagt MacDonald.

Erneuerbare Energien sind jedenfalls im Aufschwung. Die Atomkraftwerke in Frankreich laufen wieder. MacDonald erwartet deshalb einen enormen Rückgang beim Gas. "Das Jahr 2023 wird ein großartiges Jahr sein, um die europäische und die britische Stromwende zu präsentieren."