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"Wir alle haben ein bisschen mitgemacht"

Von Konstanze Walther

Europaarchiv

Athen erfüllt Auflagen der EU mit Bestnote. | Griechische Politologin ortet mehr Verständnis für das Sparprogramm. | Athen/Wien. Griechenland, das sind inzwischen zwei Formen der Realität.


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Das Land habe im ersten Halbjahr "eine beeindruckende Haushaltskonsolidierung geschafft und ist bei den wichtigsten Strukturreformen zügig vorangekommen", lobt EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn am Donnerstag.

Einen anderen Eindruck macht das Straßenbild in Athen: alle paar Meter geschlossene Türen und das Schild "Zu vermieten". Fast 17 Prozent der Athener Geschäfte müssen Insolvenz anmelden, hat der griechische Einzelhandelsverband ESEE errechnet. Denn die Sparmaßnahmen der Regierung machen sich vor allem im Nicht-Konsum bemerkbar. Um ebenfalls fast 17 Prozent sind die staatlichen Ausgaben gegenüber der ersten Jahreshälfte 2009 verringert worden.

"Die Geschäfte machen zu, weil die Leute kein Geld haben", erklärt die Athener Politologin Vassiliki Georgiadou im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Zahl der Menschen ohne Beschäftigung ist inzwischen auf über eine halbe Million gestiegen. Schätzungen zufolge wird die Arbeitslosenrate 2011 zwischen 14 und 20 Prozent liegen. Das würde der Erwerbslosenquote von 1960 entsprechen, als Hunderttausende Griechen auswandern mussten. Heute sind die Tavernen leergefegt, auf der Straße sieht man laut Georgiadou deutlich weniger Autos - weil diese verkauft oder gepfändet worden sind. Dafür findet man in den öffentlichen Verkehrsmitteln kaum noch einen Platz.

Pensionisten und Beamte müssen mit empfindlich weniger Geld im Monat auskommen - und im privaten Sektor regiert die (nicht subventionierte) Kurzarbeit: Arbeit nur an drei statt fünf Tagen die Woche. Damit wurden auch hier Gehälter stark gekürzt.

Wut gegen Unbekannt

"Wir haben hier alle Angst und sind wütend", berichtet Georgiadou. Vordergründig wird noch auf die Politik geschimpft, schuld sei die eigene Regierung, die sich die Sparmaßnahmen von dem Internationalen Währungsfonds und den mächtigen Regierungen des Westens - vor allem Deutschland - diktieren ließ. Aber man habe das Gefühl, dass die Bevölkerung langsam verstehe, dass das Problem tiefere Wurzeln hat, meint Georgiadou. "Deswegen gibt es inzwischen keine Demonstrationen oder größere Aktionen mehr. Abgesehen von den Protesten der Lkw-Fahrer verhalten sich die Menschen ruhig. Ganz anders als zu Beginn der Sparmaßnahmen. Langsam sickert es in unser Bewusstsein, dass nicht nur die Reichen von dem Nepotismus profitiert haben, der in den letzten 35 Jahren regiert hat. Auch normale Bürger, wir alle, haben ein bisschen mitgemacht."

Den Griechen fehle derzeit eine Perspektive. Die gestrige Meldung, dass die Halbinsel dank des Sparprogramms die Bedingungen für die zweite Kredittranche der Euro-Staaten erfüllt, liefert diese wohl auch nicht. Anfang September bekommt die Regierung unter Giorgos Papandreou 6,5 Milliarden Euro seitens der Euro-Länder. Dazu kommen 2,5 Milliarden vom Internationalen Währungsfonds. Die erste Geldspritze kam im Mai. Damit kann Athen seine ausländischen Schuldner bedienen und den Staatsbetrieb einigermaßen aufrechterhalten. "Wir sparen, aber wir entwickeln uns nicht", meint Georgiadou. Niemand weiß, wo es in der Zukunft hingeht.

Das Wirtschaftswachstum Griechenlands ist im zweiten Quartal um 1,5 Prozent im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres geschrumpft.

Die größte unmittelbare Herausforderung liegt darin, im Bankensektor weiterhin für angemessene Liquidität und Finanzstabilität zu sorgen, heißt es seitens der EU-Kommission.