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"Wiener Zeitung": Was ist die Arche Noah?Beate Koller: Die Arche Noah war ursprünglich ein loses Netzwerk zur Erhaltung seltener Nutzpflanzen. Engagierte Bauern, Gärtner, Interessierte begannen sich im Laufe der 80er Jahre für den Erhalt der Sortenvielfalt einzusetzen. Damals wurde der Saatgutmarkt zunehmend mit Hybridsorten überschwemmt, also Samen, die nicht reproduzierbar sind. Dabei wurde die Sortenvielfalt massiv eingeschränkt. Viele Sorten waren nicht mehr erhältlich. Dazu kam das aufkeimende Umweltbewusstsein. Man wollte eine Nische bilden, die Samen bewahren und den Sortentausch als Netzwerkidee aufbauen.
Und heute?
Die Arche Noah ist eine öffentlich zugängliche Samensammlung, Wir sind eine Bildungseinrichtung, ein Erhaltungsnetzwerk und betrachten uns selbst als politische Organisation.
Wie sind Sie zur Arche Noah gekommen?
Während meines Biologiestudiums machte ich dort ein Praktikum. Als ich den Garten zum ersten Mal betrat, fühlte ich mich wie im Paradies. Das kommt nicht oft im Leben vor. Diese Gerüche, diese Pracht, diese Schönheit und leider auch das Wissen, dass all diese Nutzpflanzen extrem bedroht sind, motivierten mich, dazu beizutragen, diesen Garten Eden zu erhalten.
Warum ist es wichtig, 50 verschiedene Tomatensorten anstatt von drei zu haben?
Für jeden einzelnen österreichischen Konsumenten mag das tatsächlich nicht wichtig sein. Diese ungeheure Vielfalt ist aber nicht für den nächsten Supermarkt, sondern bedarfsmäßig entstanden. Es entwickelten sich so viele Sorten, weil Menschen in den unterschiedlichsten Gegenden und Klimata der Welt diese Pflanzen kultivierten. All diese Menschen formulierten unterschiedliche Bedürfnisse an Tomaten. Ich frage mich, wie wir daran anknüpfen können.
Warum ist das wichtig? Man könnte ja behaupten, es sei eh OK, eine Sorte andalusischer Tomaten in der EU zu vertreiben.
Wegen des ökologischen Footprints ist das aber nicht OK.
Und wenn die LKWs kein CO2 mehr ausstoßen?
Biodiversität sorgt für globale Ernährungssicherheit. In vielen Regionen der Welt gibt es einfach nur bestimmte Kulturpflanzen, die dort eine ausgewogene Ernährung sicherstellen können, und das sind sehr oft nicht die Weltmarktkulturpflanzen wie Weizen oder Mais. Ich bin der Meinung, dass überall auf diesem Planeten die Menschen selbst für ihre Ernährung sorgen können sollen. Das gelingt mit lokalen Kulturpflanzen oft besser als mit industrieller Landwirtschaft.
Begegnet Biodiversität der Gefahr, dass Menschen vom "Markt" zu Hunger gezwungen werden?
Ja, genau. Die lokale Versorgung muss ohne Weltmarkt sichergestellt sein. Bei uns in Europa sind die Bauern zu Konsumenten von industrialisierten Züchtungsstrukturen geworden. Das Wissen und die Fähigkeiten rund um das Saatgut dieses uralten Berufsstandes wurde für unwichtig erklärt und in die Labors von Konzernen ausgelagert. Man versucht natürlich, dieses Modell immer globaler einzusetzen.
Aber sind nicht diese industrialisierten Regionen der Welt auch die satten Gebiete?

Wir haben ein paar Jahrhunderte Kolonialisierung hinter uns. Der Reichtum des sogenannten Westens beruht ja auch auf der Ausbeutung jener Kulturen und Gebiete, die wir heute als Dritte Welt bezeichnen. Und im Zurückgeben sind wir ja auch keine Weltmeister.
Welche Relevanz hat Biodiversität für industrialisierte Länder?
Biodiversität hat unter anderem versorgungsökonomische Bedeutung. Kulturpflanzen sind ständig von neuen Krankheiten und Schädlingen bedroht. Der Klimawandel ist auch ein Thema. Eine großflächige Monokultur, also genetische Uniformität ist ziemlich anfällig. Viele Sorten werden kaum gleichzeitig angegriffen. Und ein großer Genpool ermöglicht mit klassischen Methoden eine schnelle und effiziente Züchtung von Resistenzen. Wir brauchen die Vielfalt.
Könnte auch in Europa eine Hungersnot ausbrechen, wenn ein unbekannter Schädling unsere Monokulturen angreift?
Europaweit wäre das unwahrscheinlich. Europas Regionen sind immer noch sehr heterogen. Aber es gibt ein Beispiel aus den USA. Während der 70er Jahre raffte ein Pilz etwa 70 Prozent der gesamten Maisernte hinweg. Die industrielle Züchtung der Gegenwart ist riskant, die genetische Uniformität zu anfällig. Dieses Saatgut ist wie ein Mensch ohne Abwehrkräfte. Es verlangt permanent nach Medikamenten - und bringt seine Leistung nur mit Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln. Nicht nachhaltig also.
Momentan wird viel über die neue Saatgutverordnung der EU diskutiert. Auch die Arche Noah ist dagegen und hat dazu beigetragen, 400.000 Österreicher eine Petition gegen dieses Gesetz unterschreiben zu lassen. Was ist diese Saatgutverordnung?
Diese Verordnung gibt es noch nicht. Es gibt einen Entwurf der EU-Kommission.
Was wird die Verordnung?
Beginnen wir mit dem Status quo. Momentan gibt es ein gutes Dutzend EU-Richtlinien. Sie regeln, wer unter welchen Bedingungen Saatgut oder anderes Vermehrungsgut auf den Markt bringen darf. Eine Richtlinie ist eine Basisgesetzgebung, die jedes Mitgliedsland nach Ermessen in nationales Recht implementiert. Bislang wurde das in Österreich sehr liberal ausgelegt. Das ermöglichte die Entwicklung eines kleinen Vielfaltsmarktes. Man kann auf Bauernmärkte gehen und dort rares Saatgut kaufen. Das wird, sollte die Kommission mit ihrem Vorschlag durchkommen, bald nicht mehr der Fall sein. Es sollen im Zuge der "better regulation"-Initiative der Europäischen Kommission diese Richtlinien zusammengefasst, gebündelt und in Form einer Verordnung neu exekutiert werden. Eine EU-Verordnung ist unmittelbar wirkendes Gemeinschaftsrecht. Nationale Interpretationen sind nicht mehr möglich.
Was besagt der Entwurf dieser Verordnung?

Er ist ziemlich komplex und ich muss versuchen, mich auf ein paar exemplarische Punkte zu beschränken, die wir problematisch finden. Ein Beispiel: Jeder landwirtschaftliche Betrieb dieses Landes, der irgendein Vermehrungsmaterial weitergibt, muss sich im Sinne der neuen Verordnung als Saatgutunternehmer registrieren lassen.
Aber ein Bauer ist doch ohnehin Unternehmer?
Das stimmt schon, aber im Rahmen der Saatgutverordnung kommen Auflagen und Gebühren auf uns zu, die nichts mehr mit bäuerlicher Realität zu tun haben. Nehmen wir Erich Stekovics aus Frauenkirchen. Er ist für seine Paradeiser- und Chilivielfalt österreichweit bekannt, er verfügt über eine Sammlung von über 3000 Tomatensorten. Die Samen vermehrt er selbst und verkauft auch Jungpflanzen, unter anderem bei Spar. Das ist ein wichtiges wirtschaftliches Standbein von Stekovics.
Wenn die Saatgutverordnung in Kraft tritt, müsste er jede einzelne der 3000 Sorten behördlich zur Zulassung bringen, also 3000 Dokumente ausfüllen, 3000 Mal Gebühren zahlen und 3000 EU-Verfahren an einem noch nicht definierten Behördenstandort durchlaufen. Das ist ökonomisch absurd. Und nicht nur Stevkovics selbst müsste diese Spießrutenläufe unternehmen, sondern auch die Firma Spar als Verkäufer seiner Pflanzen. Die wären, so die EU, wegen Pflanzen von Stevkovics plötzlich Saatguthändler. Ich glaube kaum, dass Spar 3000 Behördenverfahren anstreben würde, um die Tomatenpflanzerl eines Burgenländers zu verkaufen.
Das heißt also, dass den "Vielfaltsbetrieben" das Leben so erschwert werden soll, dass diese allesamt aufgeben werden?
Wenn jedes Saatkorn, jede Sorte, jede Pflanze an einer EU-Behörde registriert werden muss, dann wird der lokale Markt für regionaltypische oder seltene Sorten zusammenbrechen. Kaum ein Bauer ist in der Lage, alles Saatgut, das der Markt nicht anbietet, für den Eigengebrauch selbst herzustellen. Zusammenarbeit und Austausch zwischen den Betrieben, die bäuerliche Arbeit mit dem Saatgut sind hier sehr wichtig. Aus unserer Sicht sollten diese Initiativen als Innovationen für eine nachhaltige Landwirtschaft unterstützt werden. Statt dessen würden solche bäuerlichen Netzwerke von der Saatgutverordnung per Gesetz unterbunden.
Das heißt, die Biobauern, die auf Sortenvielfalt setzen, werden verschwinden?
Mittelfristig ist das zu befürchten. Die Akteure der Biodiversität werden in die Knie gezwungen. Besonders traurig finde ich, dass das diejenigen sind, die seltene Sorten während der letzten 20 Jahre auf Eigeninitiative so weit entwickelt haben, dass sie produktionsfähig geworden sind. Das sind ja diejenigen, die auf Märkten standen und Österreichs Konsumenten auf die Bedeutung und auch auf den Geschmack der Sortenvielfalt aufmerksam gemacht haben. Diese Initiativen werden mit der Verordnung aus der Nahrungsmittelversorgung entfernt.
Aber wie kommt die Kommission auf so einen Entwurf?
95 Prozent aller in Europa erhältliche Gemüsesorten sind in der Hand von nur fünf Unternehmen. Dazu gehören Monsanto, Syngenta und Bayer. Das ist nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Macht. Die Saatgutkonzerne versuchen, mit ihren vielen Lobbyisten auf Gesetze Einfluss zu nehmen. Man kommt an ihnen in Brüssel nicht vorbei. Mein Kollege saß neben Vertretern von Monsanto in den Arbeitsgruppen zur Saatgutverordnung. Ein anderes Beispiel: Eine Dame, die für die französische Saatgutindustrie arbeitet, wurde als nationale Expertin für die Saatgutverordnung in die Europäische Kommission bestellt. Sie schrieb am Entwurf für die Saatgutverordnung mit.
Was bringt den globalen Unternehmen dieser Gesetzesentwurf?
Für sie ist diese Verordnung ein sehr attraktives Paket. Für einen Konzern mit seinen juristischen Abteilungen ist die behördliche Zulassung einer Sorte Routine. Für ein kleines Unternehmen oder gar einen österreichischen Kleinbauern ist das ein Problem. Die Verordnung wird die Marktanteile der Großen erhöhen, weil die Kleinen einfach aufhören müssen. Abgesehen davon soll die Saatgutverordnung den Konzernen die Zulassungsprüfung im eigenen Haus ermöglichen, und Zulassung und Sortenschutz in einem Aufwaschen ermöglichen.
Sind EU-Politiker Industriehandlanger?
Saatgut betrachtet man in Brüssel wohl ausschließlich als Wirtschaftsgut, als Handelsware. Die EU ist der weltgrößte Saatgutexporteur und der drittgrößte Markt für Saatgut. Der Kommissar selbst erwähnte bei der Vorstellung des Verordnungsentwurfes die Stärkung der Exportwirtschaft an erster Stelle. Man will als EU internationale Normen mitbestimmen und die eigenen Saatgutgesetze zur Grundlage bilateraler Handelsabkommen machen. Nur jene Länder, die ihre gesetzlichen Standards an die EU anpassen, dürfen ihre Waren zukünftig in die EU liefern. Die Auswirkungen für ärmere Länder, wo die Landwirtschaft auch heute auf bäuerlichem Saatgut basiert, will ich gar nicht ausführen. Aber hier liegen aus Sicht der Industrie die großen Potentiale für Marktexpansion.
Aber es heißt, die Saatgutverordnung diene dem Schutz der europäischen Konsumenten.

Die zentralen politischen Ziele, wie eine europäische Vormachtstellung auf dem Weltmarkt für Saatgut, werden leider nicht offen kommuniziert, sondern zugedeckt von Begriffen wie Transparenz, Konsumentenschutz, Qualitätssicherung. Das sind Verkaufsargumente an die EU-Bevölkerung.
Rufen Sie die österreichischen EU-Parlamentarier dazu auf, die Verordnung zu verhindern?
Ja! Am 11. März hat bereits das EU-Parlament den Entwurf mit großer Mehrheit zurück an den Start geschickt. Die österreichischen EU-Abgeordneten Karin Kadenbach und Elisabeth Köstinger haben sich übrigens besonders dafür eingesetzt, dass dies gelungen ist. Dass der EU-Rat nun weiterarbeitet, ist höchst unwahrscheinlich. Wir rufen jetzt die Kommission auf, die Verordnung im Sinne der Biodiversität grundlegend zu verbessern. Und damit auch endlich die Forderung vieler BürgerInnen nach mehr Vielfalt zu respektieren.
Stimmt das Gerücht, dass wir Österreicher mit unseren berühmten 400.000 Unterschriften einen deutlich größeren Beitrag gegen die Saatgutverordnung leisten als die Deutschen, Franzosen oder Italiener?
Ja, die Österreicher waren sehr aktiv! Es haben aber auch in Deutschland hunderttausende Menschen eine ähnliche Petition unterschrieben. In vielen Ländern Osteuropas gingen die Menschen auf die Barrikaden. In Italien gab es zwar keinen großangelegten Aufruf, aber Carlo Petrini, der Gründer von Slow Food, hat sich persönlich sehr engagiert. Der Vorsitzende des Agrarausschusses im EU-Parlament ist zufällig Italiener. Petrini hat ihn stundenlang am Telefon bearbeitet. Das war ganz wichtig.
In Österreichs Medien hatte man den Eindruck, dass die Kampagne gegen die Saatgutverordnung von der Arche Noah, von Global 2000, von Spitzenköchen dominiert war. Warum waren das Parlament und darin die Grünen so still?
Für die Grünen ist Biodiversität sowieso ein Leitthema. Man kommt in Europa, und insbesondere bei diesem Thema, halt nur durch, wenn man auch die großen Fraktionen überzeugt, die Sozialdemokraten und natürlich Teile der Konservativen.
Man muss also die Konservativen mit dem Argument überzeugen, dass sie eigentlich die Bauernvertreter sind?
Die Bauern werden unserer Ansicht nach mit dieser Verordnung nicht vertreten. Die Industrie profitiert davon. Die Positionen des europäischen Bauernverbandes zur Saatgutverordnung sind nicht unbedingt eine Vertretung bäuerlicher Interessen. Der Verband scheint diesbezüglich eher auf der Seite der Industrie zu stehen.
Wissen das die Bauern?
Nein, viele Bauern sind sich dieser Tatsache nicht bewusst.
Wie stehen nun Österreichs Spitzenpolitiker zur Saatgutverordnung?
Letzten Juni gab es bereits im EU- Ausschuss des österreichischen Parlaments einen Allparteienbeschluss (!) zur Saatgutverordnung. Das ist großartig. Dieser bindet auch den derzeitigen Landwirtschaftsminister an eine Pro-Biodiversitätsposition. Der Minister hat bereits öffentlich gesagt, dass er eine Zurückweisung der Verordnung begrüßt und unterstützt. Das ist gut, denn er hat eine Stimme im EU-Ministerrat. Wir sind kein stimmenstarkes Land, aber zu dem Thema können wir sehr gut Meinungsbildner sein. Österreich kann und sollte Allianzen mit anderen kritischen Ländern bilden.
Sonja Stummerer, geb. 1973, und Martin Hablesreiter, geb. 1974, leben als Architekten, Designer und Autoren in Wien.
Zur PersonBeate Koller wurde 1972 in Wien geboren. Sie ist Diplom-Biologin mit Schwerpunkt Biodiversität von Kulturpflanzen. Schon während ihres Studiums an der Universität Wien absolvierte sie ein Praktikum bei der Arche Noah im niederösterreichischen Schiltern, einem gemeinnützigen Verein zur Erhaltung, Verbreitung und Entwicklung der Kulturpflanzenvielfalt. 2000 übernahm Beate Koller die Geschäftsführung der Arche Noah, eine Position, die sie bis heute innehat. Sie war an zahlreichen internationalen Publikationen und Projekten zur Biodiversität beteiligt.
Zuletzt engagierten sich die Arche Noah und Beate Koller gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation Global 2000 sehr erfolgreich, um Menschen gegen die geplante Saatgutverordnung der EU zu mobilisieren.
Website Arche Noah
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