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Wir brauchen mutige Kooperationen

Von Christian Abl

Gastkommentare
Christian Abl ist Mitglied der Geschäftsführung der RAAN Group, eines international tätigen Circular-Economy-Spezialisten.
© RAAN GmbH

Österreich hat endlich die Chance, ein modernes und digital gestütztes Pfandsystem auf die Beine zu stellen.


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Ab 2025 bekommt Österreich ein Einwegpfandsystem auf Getränkeverpackungen aus Kunststoff und Aludosen. Nach zweieinhalb Jahren Pionier- und Überzeugungsarbeit wird eine mutige Vision, die anfangs auf viel Ablehnung gestoßen ist, bald zur Realität. Wenn man weiß, dass Österreich derzeit nur jede vierte Kunststoffverpackung hochwertigem Recycling zuführt und die von der EU vorgeschriebene Quote bis 2025 sogar verdoppeln muss, war diese Entscheidung eigentlich längst fällig. Bereits jetzt kommt uns die 2021 eingeführte EU-Plastiksteuer viel zu teuer: pro Jahr rund 160 Millionen Euro! Nun hat Österreich endlich die Chance, ein modernes und digital gestütztes Pfandsystem auf die Beine zu stellen, das sich vor allem auf Innovationen und Flexibilität stützt und alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen zur Sammlung von PET-Flaschen und Aludosen motiviert.

Für die Umsetzung des Pfandsystems wird Österreich 4.000 bis 4.500 Pfandautomaten benötigen, für die Kleinhändler gilt eine Ausnahmeregelung - dort werden Getränkeflaschen und Aludosen per Hand zurückgenommen. Leergut wird man zudem auch in vielen Altstoffsammelstellen zurückgeben können. In der Praxis heißt das: PET-Flaschen und Aludosen landen künftig statt im Gelben Sack oder in der Gelben Tonne im Pfandautomaten. 25 Cent Pfand sind durchaus eine Motivation, leere Verpackungen konsequent zurückzugeben - die Erfahrungen aus Deutschland zeigen, dass das Pfandsystem die effizienteste Art der Verpackungssammlung ist, mit Rücknahmequoten von weit mehr als 90 Prozent. Flexible Rücknahmemöglichkeiten steigern diese Quote zusätzlich.

Die Situation auf dem Rohstoffmarkt spitzt sich zu

Ein Einwegpfandsystem ist aber nur eine Maßnahme für eine zukunftsfitte Kreislaufwirtschaft. Alle wichtigen Akteure in der Branche haben bereits erkannt, dass die verfügbaren Rohstoffe endlich sind. Die andauernde Rohstoffkrise ist ein Anlass, tragfähige systemische Lösungen für die heimische Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Es geht in erster Linie um den Umgang mit sogenannten Sekundärrohstoffen, also recycelten Wertstoffen, mit denen wieder Verpackungen eingesetzt werden. Hier begünstigt die aktuelle Krise eine Zuspitzung auf dem Markt. Vor wenigen Jahren dienten Sekundärrohstoffe vorwiegend zur Kostenreduktion in diversen Anwendungen. Dazu bestand wenig Interesse an hochwertig recyceltem Material, das aus der Sammlung bereits verwendeter Verpackungen gewonnen wurde. Derzeit treiben aber Lieferengpässe und Rohstoffmangel die Nachfrage in diesem Bereich stark an. Eine wichtige Aufgabe für die nächsten Jahre wird darin bestehen, den Verpackungsherstellern genug Sekundärrohstoffe zur Verfügung zu stellen.

Dies wird nur durch zukunftsweisende Kooperationen und Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette in der Kreislaufwirtschaft möglich sein. Im diesem Rahmen können Produkthersteller die Verantwortung für Sammlung und Recycling von Verpackungen an Sammel- und Verwertungssysteme abgeben. Diese schließen dann weitere Kooperationen mit Kunststoffherstellern, die wiederum hochwertige Sekundärrohstoffe für die Verpackungsproduktion liefern. Nur so bleiben Wertstoffe möglichst lange im Kreislauf. Das schont natürliche Ressourcen, und Österreich kann endlich seine dringlichen Hausaufgaben im Bereich Sammlung und Recycling von Kunststoffabfällen erfüllen.

Nach zweieinhalb Jahren Diskussionen um das Thema Pfand ziehen endlich alle relevanten Akteure der heimischen Kreislaufwirtschaft - von der Politik und den Verpackungs- und Getränkeherstellern über Sammel- und Verwertungssysteme bis hin zu Handel und Endverbrauchern - an einem Strang. Der aktuelle Impuls muss genutzt werden, um Österreichs Kreislaufwirtschaft auch in anderen Bereichen nicht nur zu modernisieren, sondern auch zu revolutionieren.

Die Einführung des Einwegpfandsystems und die aktuelle Rohstoffkrise sollen als wichtige Motivation dienen, alle Akteure an einen Tisch zu bringen und die Kooperation in den Vordergrund zu stellen. Auch eine hohe Akzeptanz der Bevölkerung zu mehr Nachhaltigkeit - 86 Prozent unterstützen laut einer Umfrage von Global 2000 aus dem Jahr 2020 das künftige Pfandsystem - soll ein Signal an Politik und Wirtschaft sein, weitere mutige Schritte in Richtung moderne und digital gestützte Kreislaufwirtschaft zu unternehmen. Davon profitieren schlussendlich alle: die Steuerzahler, die gesamte Wirtschaft, aber vor allem die Umwelt.