Wir, die Nerds

Von Bernhard Baumgartner

Joyce H, "Day Dream": Mutantenwesen besetzen die Städte und entlassen die Menschheit in die Überflüssigkeit (Installation).
© Ars Electronica

Wir werden nicht gefragt, wenn es zu gesellschaftlichen Veränderungen kommt - wie gehen wir mit dem Unvermeidlichen um?


Es mangelt nicht an Texten über Veränderungen in unserem Leben. Und wenn man versucht, diese Veränderungen an ihrer Basis zu erfassen, läuft man Gefahr, banal zu klingen. Dennoch ist es nötig, auch weil es so augenscheinlich ist: Stellen Sie sich die Welt im Jahr 1990 vor. Ohne vernetzte Computer. Ohne Web. Ohne Handy. Ohne digitales Fernsehen. Die Musik kam eiernd von der Kassette und nicht aus dem Player. Ja nicht einmal Farbbilder waren in der Zeitung üblich. Wenn man jemanden anrief, rief man zu Hause an. Und es konnte tatsächlich sein, dass jemand daher nicht unmittelbar erreichbar war - weil er physisch gerade nicht in Reichweite seines Telefonkabels war.

Auch wenn es manchen jetzt so vorkommen muss: Wir sprechen hier nicht vom Mittelalter - und Hexenprozesse gab es damals maximal in manchen Boulevardmedien. 1990 ist nur 24 Jahre her - und doch ist es eigentlich eine völlig andere Welt, nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich. Die Welt von damals gibt es heute nicht mehr. Ob das ein Anlass für Nostalgie ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Tatsache ist, dass die Veränderungen der Welt mit stetiger Geschwindigkeit über uns hereinbrechen. Der Wandel passiert und wir wandeln uns mit - ob uns das gefällt oder nicht. Manche Veränderungen werden begrüßt, manche gar ersehnt, bei manchen bemerkt man erst, wenn es zu spät ist, was der Preis dafür war. "Guten Tag, ich will mein Leben zurück", sangen "Wir sind Helden" schon 2002. Man kann den Song durchaus als Parabel auf die Veränderungen der Zeit und des Konsums lesen: "Guten Tag, ich gebe zu, ich war am Anfang entzückt / aber euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht, wenn man sich bückt."

Mit Veränderungen beschäftigt sich auch das Ars Electronica Festival, das von Donnerstag bis Montag in Linz stattfindet. "C... what it takes to change" ist heuer das Motto. "Alle sind für Kreativität, alle wollen besser ausgebildete MitarbeiterInnen und alle wollen von neuen Ideen profitieren. Super! Aber wer will dazu etwas beitragen?", fragt man sich dort. "Wer versteht, dass diese Rohstoffe nicht abgebaut, sondern aufgebaut werden müssen, dass man sie nicht gewinnen, sondern nur investieren kann? Nur wenn wir das Ökosystem von Kreativität und Innovation verstehen, respektieren und ausreichend mit Nährstoffen versorgen, können wir uns auch erhoffen davon zu profitieren", heißt es auf der Website.

Kunst als Katalysator für gesellschaftliche Veränderungen, Kunst als Raum für Diskussion und Reflexion. "Offene Räume, Orte der Begegnung und des Austausches, Überraschungen und Inspirationen, die Erfahrung, Dinge selbst zu machen, zu gestalten, zu entwickeln, den Mut zu scheitern, den Spaß, die eigenen Ideen mit anderen zu teilen, hat sich die Ars Electronica auf die Fahnen geschrieben."

Freiraum kostet Freiraum

Keine Frage, die rasante Entwicklung der Informationstechnologie hat unsere Lebensumstände drastischer verändert, als uns bewusst ist. Man kann es von zwei Warten aus betrachten: Sie hat uns flexibler gemacht, hat unsere Mobilität erhöht. Heute ist es völlig egal, wo man ist, solange man für die Außenwelt präsent ist. Auf der anderen Seite hat die ständige Erreichbarkeit unsere Freiräume derart eingeschränkt, dass sogar eine digitale Abwesenheit von wenigen Minuten auffallen kann. Telefonanrufe, die ins Leere gehen, Tweets, die unbeantwortet bleiben: War es früher normal, einen Tag später zurückzurufen, ist heute diese Abwesenheitsspanne eigentlich nicht akzeptabel. Ist man auf Briefe angewiesen, sind mehrere Tage Wartezeit OK. Per E-Mail entfällt dieses Zeitfenster: Wer nicht gleich antwortet, transportiert damit etwas.

Die Freiheit, die wir gewonnen haben, hatte also als Preis, die Freiheit, die wir dadurch eingebüßt haben. Es verschwimmen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Hobby und Familie. Zeit, die man außerhalb der Erreichbarkeit digitaler Hilfsmittel verbringt, ist zum Luxusgut geworden, das man sich erst einmal herauszunehmen wagen muss. Das Gefühl, wie das ist, wenn man das Mobiltelefon zuhause vergessen hat, sagt alles. Man fühlt sich abgeschnitten, wird nervös und unrund.

Diese Veränderungen kamen schleichend genug, um keine Angst davor zu haben und mit einer schönen Masche an Annehmlichkeiten verpackt. Seitdem haben sich Konventionen genauso gewandelt wie die Arbeitswelt. Kostendruck, Globalisierung und Rationalisierungen haben dazu geführt, dass Arbeit von vielen auf wenige Mitarbeiter umverteilt wurde. Aufgaben, die früher ganze Abteilungen beschäftigt haben, werden heute von Einzelnen erledigt. Die Überforderung ist daher immanent. Dass das viele nicht schaffen, zeigen sprunghafte Anstiege bei erschöpfungsbedingten Erkrankungen.

Dass das an den Familien nicht vorbeigehen kann, ist klar. Viele reagieren darauf mit erstaunlichen Gegenbewegungen: Auch an sich fortschrittlich gesinnte Menschen leben gerne in durchaus konservativen, gesicherten Familienverhältnissen. Kindern erhalten wieder vermehrt klassische Vornamen: Maximillian, Alexander, Jakob und Lukas dominieren die Vornamensrankings 2013 bei den Buben. Mädchen heißen gerne Anna, Sophia oder Marie. Soziologen interpretieren das als Symptom einer abstiegsgefährdeten Mittelschicht, die mit bewusst "herrschaftlichen" Namen ihre Position manifestieren will.

Oder der Trend zum Selbermachen: Es wieder "in", Dinge selbst zu produzieren. Liebevolle, im regen Austausch mit Gleichgesinnten fabrizierte Handarbeit lässt sich durchaus als Kritik an der Massenfertigung lesen. Dinge in hoher Qualität selbst herzustellen, wie es schon die Großeltern taten - mehr Symbolkraft ist schwer denkbar. Zwar mag das Motiv auch ein bewusst alternativer Lifestyle sein, doch dass solche Trends gerade jetzt auftauchen, da die ersten "digital Natives", also mit diesen Technologien aufgewachsene Menschen, das Erwachsenenalter erreichen, wird kein wohl Zufall sein.

Der nächste Zyklus kommt

Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube haben eine unerhörte Demokratisierung des Zuganges zur Publizität gebracht. Man braucht heute keinen Verlag mehr, wenn man seine Meinung sagen will. Die Plattformen stehen bereit, jeder kann sagen, was er möchte (ob sich praktisch eine Zuhörerschaft findet, zeigt sich dann schon). Und dennoch zerfällt die Öffentlichkeit immer stärker in kleine Teilöffentlichkeiten, die es sich in ihren digitalen Schrebergärten häuslich einrichten. Zu so gut wie jedem Thema gibt es Gruppen. Das unterstützt die Vernerdung. Die geschlossene Facebook-Gruppe wird zur modernen Variante des Modelleisenbahner-Stammtisches. Und hört die rasante Veränderung wieder auf? Kommt nach dem schnellen Steigen der Kurve auch einmal ein Sinkflug? Ja - und sogar ziemlich bald, ist die erstaunliche Antwort einer Theorie aus dem Jahr 1926, die sogenannten "Kondratjew-Zyklen". Die Theorie des sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers Nikolai Kondratjew geht von langen Wellen an technologischen Konjunkturzyklen aus. Ihr Kern: Es wird massenhaft in eine neue Technik investiert und damit ein Aufschwung hervorgerufen. Hat sich die Innovation allgemein durchgesetzt, verringern sich die damit verbundenen Investitionen und es kommt zu einem Abschwung. In der Zeit des Abschwungs wird aber schon an einem neuen Paradigma gearbeitet.

Demgemäß ist die Informationstechnologie nun schon die fünfte Welle nach Dampftechnologie (1800), Stahl (1850), Elektrotechnik (1900) und Petrochemie (1950). Glaubt man dieser Theorie, haben wir den Höhepunkt schon überschritten. Aber das Nächste kommt bereits: Biotechnologie, Nanotechnologie, regenerative Energien - was auch immer es sein wird, eines ist klar: Es wird unserer Leben verändern. So banal das jetzt auch klingen mag.

Ars Electronica (4. bis 8. September in Linz) unter dem Motto "C... what it takes to change": Das Medienkunstfestival bespielt mit Installationen den öffentlichen Raum.

Link: www.aec.at/festival/de