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Wir entscheiden, wie es weitergeht

Von Senad Pintol und Daniel Nowotny (Fotos)

Politik

Mein Beruf, meine Partei? Wie acht vermeintliche "Stammwähler" abstimmen.


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Wien. Am Abend des 29. September sind es Prozente, die in Balkenform die Sieger und Verlierer der Nationalratswahl ausweisen. Doch hinter diesen Zahlen stehen einzelne Menschen mit ganz eigenen Interessen. Die "Wiener Zeitung" stellt acht dieser Entscheidungsträger vor.

Der Einzelhandelskaufmann
Der 21-jährige Sezer Köse ist Einzelhandelskaufmann bei Billa, hat vorher die HAK gemacht und frühzeitig abgebrochen. Über die Wahl hat er schon viel mit seinen Freunden diskutiert. Die große Koalition findet er ganz ok. Er wäre auch wieder für diese, wenn man demonstrativ miteinander und nicht gegeneinander arbeite.

Sezer findet es ärgerlich, dass sich viele seiner gleichaltrigen Kollegen über die Politik beschweren, jedoch nicht wählen gehen. "Man hat kein Recht sich aufzuregen, wenn man selber nicht wählen war", so Sezer. Dieses Jahr, meint Sezer, hätte ihn der Wahlkampf nicht angesprochen. Bei den letzten Wahlkämpfen bekam man wenigstens Prospekte und verschiedenstes brauchbares Zeug. Bei den Grünen wird Sezer sein Kreuzerl am 29. September auf keinen Fall machen. Sie verbindet er mit dem "Chaos" rund um die Mariahilfer Straße.

Der Kreative
Yudi Warsosumarto ist der 43-jährige Kreativdirektor seiner eigenen Kommunikationsagentur namens Peach. Er besuchte ein Gymnasium und die Vienna International School und ging danach für zwei Jahre nach London an ein Kolleg.

Im Moment findet er keine der antretenden Parteien wählbar. Die SPÖ spricht aus seiner Sicht nur Arbeiter und Pensionisten an, die ÖVP nur Großindustrielle und nicht Klein- und Mittelbetriebe. "Aber die machen doch 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus." Zu den Grünen hält er nach dem "Debakel" um die Fußgängerzone auf der Mariahilfer Straße Abstand. Die Art, wie Maria Vassilakou das Projekt "durchgeboxt" habe, findet er "arrogant und beschämend". Trotzdem kann er sich eine schwarz-grüne Koalition schon gut vorstellen. Für ihn als Unternehmer wäre eine Partei interessant, die sich für Klein- und Mittelbetriebe einsetzt. Er will bei Steuern und Sozialabgaben entlastet werden. Zur Partei von Frank Stronach und zur FPÖ möchte er kein Statement abgeben - was man auch als Statement werten kann.

Die Pensionistin
Mit 64 Jahren zählt die ehemalige Kellnerin und OP-Helferin Sabina Saldic zu einer der größten Wählerschichten: die der Pensionisten. Sie wurde in der Gastronomie ausgebildet und war bisher treue Wählerin der Sozialdemokratie. Rot wählte sie, weil die Partei das Land von Anfang an mitaufgebaut und zu dem gemacht habe, was es heute ist: ein Land "hoher Lebensqualität". Sie selbst zählt sich zur mittleren Arbeiterschicht und genießt derzeit ihre Freizeit in der Pension. Kurz hatte sie überlegt, ihr Kreuz bei der Partei von Frank Stronach zu machen, jedoch hat sie nach dem Wahlduell gegen Josef Bucher ihre Meinung geändert. Stronach ist ihrer Meinung nach ein sehr schlechter Rhetoriker und außerdem ein Befürworter der Todesstrafe, dies macht ihn für sie unwählbar.

Der Hackler
Der 29-jährige Christopher Effertz ist zurzeit Denkmal-Gebäude- und Fassadenreiniger. Der gelernte Installateur arbeitete schon in vielen Berufen - vom Security bis zur Kassakraft. Effertz war bisher noch nie wählen. Politik interessiert ihn nicht, da ohnehin alle Politiker lügen würden, meint er. Wenn er sich heuer doch noch entscheidet ein Kreuz bei einer Partei zu machen, dann bei Frank Stronach. Der sei ein Kämpfer- und Gewinnertyp und es imponiere ihm, dass Stronach einen Teil seines Privatvermögens in seine politischen Projekte investiere. Im Großen und Ganzen allerdings ist Politik für ihn sehr undurchsichtig und oft auch zu kompliziert.

Der Jungunternehmer
Mit seinen 29 Jahren ist Alexander Fath ein junger Unternehmer, der eigentlich von vielen Parteien umworben werden sollte. Seit 1984 ist der Jungunternehmer privatversichert - er legt Wert darauf, das festzuhalten. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Handelsakademie studierte er an der Wirtschaftsuniversität Wien. Für ihn aus unternehmerischer Sicht ist nur die ÖVP interessant. Aus seinem politischen "Schwarz-Sein" macht er kein großes Hehl. Er sieht sich als Opportunist, der jeweils das wählt, was für ihn am besten sei. Wenn andere Parteien ihn als Unternehmer ansprechen und seinen Bedürfnissen entsprechen würden, könnte er durchaus auch die wählen. Hätte er keine eigene Firma, würde er weiß wählen, da ihn privat keine Partei so richtig anspricht. Politisch gesehen ist er prinzipiell gegen Koalitionen und eher für Alleinregierungen. Bei Koalitionen wie der großen Koalition herrsche meistens Stillstand, man bewege sich nur nach rechts oder links und nicht nach vorne, "ähnlich wie bei einer Krabbe", meint Fath. Ein Dorn im Auge ist ihm der Wahlkampf der FPÖ, da diese Partei seiner Meinung nach nur mit Negativwerbung Wähler mobilisieren möchte. Im Allgemeinen fände er mehr direkte Demokratie sinnvoll und würde sich eine andere politische Kultur wünschen, bei der die Gemeinsamkeiten betont werden und nicht ständig die Unterschiede.

Die Lehrerin
Verena Schmitz (Name von Redaktion geändert) ist eine 32-jährige Volksschullehrerin aus Wien, die ihre Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule gemacht hat. Sie unterrichtet derzeit an einer öffentlichen Wiener Volksschule und wird Ende September auf jeden Fall die Grünen wählen. Sie findet das Wahlprogramm der Öko-Partei ideal, weil ihrer Meinung nach die Bildungs- und Familienpolitik der grünen Partei am fortschrittlichsten und zukunftsorientiertesten von allen sei. Besonders die Erweiterung der Kindergartenplätze, wie es von den Grünen gefordert wird, hat es ihr angetan. Gerade sie als Lehrerin an einer Volksschule bemerke oft, wie schwierig es Kinder haben, die vorher nicht den Kindergarten besucht haben. Die Kinder, die vor der Volksschule einen Kindergarten besucht haben, hätten oft auch weniger sprachliche, motorische und soziale Schwierigkeiten in der Volksschule. Widerlich finde sie den Wahlkampf der FPÖ, wo ständig rassistische Ressentiments bedient würden.

Die Bäuerin
Die 48-jährige Monika W. ist eine Bäuerin aus Klosterneuburg, die ihren eigenen Bauernhof zusammen mit ihrem Mann betreibt. Ihre Ausbildung hat sie an einer landwirtschaftlichen Fachschule gemacht, wo sie ihre Lehrabschlussprüfung absolvierte. Sie ist seit dem 15. Lebensjahr Mitglied beim Bauernbund, einer Teilorganisation der ÖVP. Aus landwirtschaftlicher Sicht sei die ÖVP die einzige Partei, die Interessen der Bauern vertrete. Am wenigsten kann sich die Landwirtin für die Grünen oder die FPÖ begeistern lassen. Anfangs hatte sie überlegt, das BZÖ zu wählen, doch dann entschied sie sich doch wieder für die ÖVP. Das BZÖ sei zu klein, um etwas zu erreichen. Sie ist zwar ein wenig enttäuscht über die Arbeit der ÖVP in der großen Koalition, ist jedoch zuversichtlich, dass die Volkspartei sich weiter um die Anliegen der Bauern kümmert. In der Politik werde sich aber generell nicht viel ändern. "Jede Partei versucht, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen."

Der Student
Lukas Jahn ist ein 27-jähriger Publizistikstudent, der neben dem Studium als Fotograf und Selbstverteidigungstrainer arbeitet. Selbst zählt er sich zur Mittelschicht. Bei früheren Wahlen wählte er mal Schwarz, mal Grün, bei der nächsten Wahl wird er sich höchstwahrscheinlich für die Neos entscheiden. Bei der ÖVP gefällt ihm die wirtschaftliche Ausrichtung.

Seit der schwarz-blauen Koalition und deren "unerklärlich aggressiver Ausländerpolitik" ist die Volkspartei für ihn nicht mehr wählbar. Die Grünen attestiert Jahn am ehesten, zukunftsorientiert zu sein, während die anderen von der Vergangenheit lebten. Was er von den Grünen in der Zeitung liest, findet er aber oft konzept- und ahnungslos. "Die sind glaube ich nicht ministrabel". Die Neos sind zumindest diesmal die Partei, deren Inhalte ihn am ehesten überzeugen. "Ich finde es wichtig, dass die Neos ordentliche politische Bildung in der Schule fordern, das ist die Grundlage für die kommende politische Generation", sagt er über seine persönliche Motivation, den Neuen eine Chance zu geben.

Stammwähler

Laut Imas machen nur 36 Prozent ihr Kreuzerl immer bei der selben Partei. Besonders ausgeprägt ist das Gefälle zwischen den Altersgruppen: 52 Prozent der Über-50-Jährigen sind treues Stimmvolk, bei den Unter-30-Jährigen beträgt dieser Anteil nur mehr 16 Prozent.

22 Prozent der Befragten haben grundsätzlich keine Bindung zu einer Partei und entscheiden jedes Mal neu, wem sie ihre Stimme geben. 19 Prozent stufen sich selbst als gelegentliche Wechsler ein. 23 Prozent machten zu ihrem Wahlverhalten keine Angaben. Der klassische Wechselwähler ist laut der Umfrage jung und urban, der Stammwähler ist älter und eher im ländlichen Raum zu Hause.

Was den Wahlausgang betrifft, ist eine rot-schwarze Mehrheit nach den Wahlen ziemlich fix. Knapp wird es nur, wenn entweder Neos oder BZÖ den Einzug ins Parlament schaffen.