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"Wir haben denselben Feind"

Von Thomas Seifert

Politik

Israelische Knesset-Abgeordnete Berko über den IS und "fehlgeleitete politische Correctness".


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"Wiener Zeitung": Der Islamische Staat - IS oder Daesh genannt - ist derzeit im Irak und Syrien in der Defensive. Wie schätzen Sie die derzeitige Bedrohung durch Isis ein?Anat Berko: IS ist der Feind der ganzen Welt. Und tatsächlich sind die Terroristen derzeit militärisch unter Druck. Eine Dimension, die in Europa gerne vergessen wird ist, dass IS nicht aus dem Nirgendwo kam. Isis war unter anderem die Antwort auf den Vormarsch radikaler Schiitenmilizen im Irak. Danach haben die Terroristen ihren Einflussbereich auf Syrien ausgedehnt. Der Westen hat einen großen Fehler gemacht, seine Hoffnungen auf den Iran zu setzen. In Europa und auch in Washington waren gewisse Kreise der Meinung, dass Teheran in der Region eine konstruktive Rolle spielen kann. Wir Israelis haben Barack Obama und den Europäern immer gesagt: Iran ist Teil des Problems, nicht Teil der Lösung. Denn der IS war immer auch eine Antwort auf den Aufstieg der Schiiten in der Region. Wir haben auch immer davon gesprochen, dass sich der epochale Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten in der Region eines Tages zu einem dritten Weltkrieg auswachsen könnte. Unsere Warnungen wurden leider viel zu lange in den Wind geschlagen.

Die Bedrohung für Europa sind radikale Gruppen wie IS, die vom wahhabitischen Islam beeinflusst sind. Der Iran wird in Europa nicht als Bedrohung wahrgenommen.

Ich denke, dass Europa und Israel derselben Bedrohung ausgesetzt sind. Wir haben denselben Feind. Man kann sich das so vorstellen: Die Kumpel haben früher einen Kanarienvogel in die Kohlegruben mitgenommen, der sie vor gefährlichen Grubengas gewarnt hat. Was den islamistischen Terror betrifft, dann ist Israel dieser Kanarienvogel in der Kohlegrube. Radikaler islamistischer Terror ist also nicht nur Israels Problem, sondern auch das Problem Europas. Lassen Sie mich aber eines klarstellen: Ich spreche nicht davon, dass alle Muslime eine Bedrohung darstellen. Muslime, das sollten wir nie vergessen, sind vor allem Opfer dieses terroristischen Wahns. Denn sie sind es, die den größten Blutzoll zahlen: im Irak, in Syrien und in anderen Ländern der Region.

Wie lautet Ihre Syrien-Analyse?

Warum fragen Sie mich? Das ist ja nicht unser Krieg.

Ich frage Sie deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Israel die Lage im Nachbarland genau beobachtet.

Natürlich schauen wir da ganz genau hin. Aber noch einmal: Das ist nicht unser Krieg. Ich kann Ihnen aber eines sagen: Wenn wir davon Kenntnis bekommen, dass jemand versucht, Waffen von Syrien in den Libanon zu schmuggeln, dann werden wir die entsprechenden Schritte setzen, um das zu verhindern.

Sie sprechen in Wien im Rahmen der OSZE mit europäischen Experten. Was sagen Sie denen?

Meine Botschaft lautet: Man muss den Feind benennen. Fehlgeleitete politische Correctness hilft da nicht weiter. Ich verstehe zum Beispiel auch nicht, warum man europäischen Bürgern, die sich IS in Syrien oder im Irak anschließen, nicht die Staatsbürgerschaft entzieht, natürlich nur dann, wenn sie auch noch Staatsbürger eines anderen Landes sind.

Ein weiterer Punkt, den ich anspreche: Wir sind der Meinung, dass die UN-Organisation UNWRA (United Nations Works and Relief Agency, Anm.), die sich der palästinensischen Flüchtlinge annehmen soll, das Problem, das diese Organisation lösen soll, perpetuiert. Wir verstehen auch nicht, warum der Flüchtlingsstatus von palästinensischen Flüchtlingen an die Söhne und Töchter weitergeben wird. Nach dieser Definition wäre ich ein Flüchtling aus dem Irak. Denn meine Familie ist einst von Bagdad, wo sie über Jahrhunderte gelebt hat, nach Israel geflüchtet.

Ein weiteres Ihrer Themen ist Cybersecurity.

Das ist eine weitere Dimension von Konflikten. Da gibt es ein breites Spektrum von Bedrohungen.

Ist Europa gerüstet?

Ich weiß es nicht. Was ich Ihnen aber sagen kann, ist, dass Israel gut vorbereitet ist. Wir sind auch bereit, unser Know-how mit unseren europäischen Partnern - darunter Österreich zu - zu teilen.

Zur Person

Anat Berko

ist als Kind irakischer Flüchtlinge in Jerusalem geboren. Sie war 25 Jahre lang in der Armee. Danach unterrichtete sie an der Lauder School of Government in Herzliya. Seit 2015 ist sie Knesset-Abgeordnete.