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"Wir haben momentan lauter Mini-Epidemien"

Von Eva Stanzl

Wissen

Angesichts steigender Neuinfektionen können nur strenge Maßnahmen und Impfungen einen neuen Lockdown verhindern.


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Corona-Tests bleiben bis auf Weiteres gratis, und ab 17. Oktober will Österreich mit Auffrischungsimpfungen gegen Covid-19 beginnen. Doch in seiner Delta-Variante steckt jeder Mensch, der Covid-19 hat, nicht wie ursprünglich weitere drei, sondern weitere sechs Personen mit Sars-CoV-2 an. Damit muss eine weltweite Durchimpfungsrate von 85 Prozent erreicht werden, damit die Ansteckungskette wirksam unterbrochen und die Pandemie gestoppt werden kann (die "Wiener Zeitung" berichtete). Derzeit ist allerdings nur die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher zwei Mal geimpft.

Bis 85 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sind, wird noch eine Zeit vergehen. Schon jetzt aber steigen die Infektionszahlen in schwindelerregende Höhen, sodass die Maßnahmen bereits wieder gestrafft werden mussten. Das Land Tirol etwa verbietet wegen eines "dynamischen Infektionsgeschehens" im Bezirk Lienz ab Mittwoch Veranstaltungen ab 100 Personen. In den "Hochinzidenzgemeinden" Innervillgraten und Oberlienz besteht zudem ab Mittwoch eine Ausreisetestpflicht.

Für ganz Österreich meldeten die Ministerien am Dienstag zum zweiten Mal binnen weniger Tage mehr als 600 neue Corona-Fälle. Damit stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf 43,3 Fälle pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: In der vergangenen Woche gab es täglich 553 Neuinfektionen.

Diskussion über Test-Kostenpflicht "zu früh"

Können wir einem neuerlichen Lockdown im Herbst entgehen, und wenn ja, wie? "Es gibt keine Alternative dazu, zumindest 75 bis 80 Prozent der Bevölkerung den Nutzen der Impfung zu kommunizieren. Alles andere ist reine Verzögerung", sagt der Simulationsexperte Niki Popper von der Technischen Universität Wien. "Wenn wir wollen, dass wir ziemlich sicher keine Dynamik bekommen, die aus dem Ruder läuft, hilft langfristig nur impfen, weil nur diese Menschen aus dem Kontaktnetzwerk der Ansteckungen heraustreten können", sagt Popper. Die Grundidee der Pandemiebekämpfung sei, dass jeder und jede einen Immunschutz haben muss - sprich sich impfen lassen oder von der Krankheit genesen sein. "Freilich werden nicht alle Ungeimpften, die sich infizieren, krank, aber sie sind wohl ansteckender als geimpfte Personen", sagt Popper, der durch seine Computermodelle zur Covid-19-Pandemie Bekanntheit erlangte.

Nicht zu testen hieße, die Kontrolle zu verlieren

Derzeit geführte Diskussionen, ob PCR-Tests kostenpflichtig sein sollten, um Ungeimpfte zum Impfen zu bewegen, würden zumindest zu früh geführt. "Wenn man die Menschen nicht testet, bis sie geimpft sind, werden sie krank, ohne dass jemand das registrieren kann. Dann steigen die Zahlen, während zugleich die Kontrolle sinkt", warnt er.

In Österreich steigen die gemeldeten Sars-CoV-2-Infektionen bis etwa Mitte Juli langsam, aber beständig an. Zwischenzeitlich bremsen sie sich aber wieder ab. "Wir haben momentan lauter Mini-Epidemien. Es bilden sich Mini-Cluster, die die Infektionszahlen steigen lassen, aber irgendwann auf Geimpfte treffen und dann sinkt die Zahl der Infektionen wieder. Das ist der Unterschied zum letzten Jahr", erklärt Popper. "Dass die Hospitalisierungsraten niedriger sind, liegt ja nicht an irgendwas, sondern an den Impfungen. Etwas anderes anzunehmen, ist Äpfel mit Birnen zu mischen."

Der Wiener Komplexitätsforscher Stefan Thurner geht allerdings davon aus, dass die Lage sich weiter zuspitzen wird. Er rechnet damit, dass lokale Infektionsschwerpunkte aufgrund der immer noch hohen Anzahl an ungeimpften Personen anwachsen und sich ausweiten werden. "Diese Cluster können riesengroß werden, weil immer noch Millionen Menschen weder geimpft noch genesen sind."

Thurners Lösungsvorschlag entspricht den Maßnahmen, die am Montag für Osttirol beschlossen wurden. "Wie müssen die Soft-Maßnahmen konsequent wieder einführen oder sogar verschärfen", sagt der Leiter des Complexity Science Hub Vienna (CSH). Das bedeute Verbote für große Events und die Einführung von regionalen Ausreisetests ab höchstens 300 neuen Corona-Fällen pro Woche, wie Thurner und sein Kollege Peter Klimek am CSH berechnet haben.

Ausreise, Nachtlokale und große Events beschränken

Weiters müsse "die Nachtgastronomie rigoros wieder eingedämmt und kontrolliert" werden: "Sie einzuschränken senkt die Basis-Reproduktionszahl (Anzahl der Individuen, die durchschnittlich infiziert werden, Anm.) um 0,3 Prozent und das ist viel", erklärt Thurner. Ähnlich effektiv sei nur die Schließung von Schulen, "aber das will niemand mehr".

Würden die genannten "softesten Maßnahmen" wieder eingeführt, würden die Menschen sich daran halten und würden sie - anders, als bisher in Österreich zu erleben war - streng kontrolliert, "könnte man so fahren wie derzeit. Aber wenn nicht, kann uns das Virus mit einer ziemlich großen Wahrscheinlichkeit noch einmal um die Ohren fahren. Wenn dabei das Gesundheitssystem gefährdet ist, kann ein Lockdown verhängt werden", sagt der Wiener Komplexitätsforscher.

"Lockdown ab zehn Prozent Intensivbetten-Belegung"

Noch ist Österreich von einer Gefährdung des Gesundheitssystems weit entfernt. Derzeit liegt die Intensivbetten-Auslastung bei zwischen zwei und drei Prozent. "Erst ab zehn Prozent müsste wieder eine Triage eingeführt werden und müssten andere Operationen verschoben werden", so Thurner.

In Großbritannien ist das bereits so weit: Dort warten derzeit fünf Millionen Menschen auf Operationen. Wegen der steigenden Intensivbetten-Belegung durch schwere Corona-Fälle müssen unter anderem geplante Krebsoperationen auf die lange Bank geschoben werden und steigt der Ansturm auf Ambulanzen, was die Wartezeiten und somit die Ansteckungsgefahr erhöhte, wie unter anderem im britischen "Guardian" zu erfahren ist.

Niki Popper rechnet "für Herbst mit steigenden Zahlen. Der Anteil an Hospitalisierungen wird niedriger sein als vergangenen Herbst, aber es besteht das Risiko, dass die Entscheidungsträger irgendwann die Notbremse ziehen." Zu bedenken sei allerdings, dass es im Herbst des Vorjahres keine Impfung gab und das systematische Testen, das das Infektionsgeschehen besser überwachen lässt und somit verlangsamt, nicht eingeführt war.

"Derzeit sind die Menschen im Freien, es sind Schulferien und fast die Hälfte der Bevölkerung ist zwei Mal geimpft. Aber das Virus ist doppelt so stark wie die ursprüngliche Variante, daher ist man in der gleichen Situation wie in der ersten Welle", sagt Thurner: "Es hat sich verbessert, weil viele geimpft sind, aber es hat sich verschlechtert, weil das Virus ansteckender ist als früher." Epidemiologisch gesehen könnten sich die Entwicklungen leider die Waage halten, "es sei denn, man fängt endlich an, die Sache konsequent vorzubereiten, setzt strenge Kontrollen und holt das letzte Drittel der noch gar nicht Geimpften für Vakzine ab".