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"Wir müssen jetzt enthysterisieren"

Von Stefan Beig

Politik

Neue Servicestelle hilft bei der Berichterstattung über Österreicher mit Migrationshintergrund. | Fachbeirat steht unter dem Vorsitz von Barbara Coudenhove-Kalergi. | Wien. Hauptarbeitsbereich vieler heimischer Chinesen sind die Restaurants. 1168 von Chinesen betriebene Restaurants gibt es in ganz Österreich, 508 davon sind in Wien. Chinesen gelten auch als fleißig. Zu Recht: 2010 waren nur 105 chinesische Staatsbürger arbeitslos gemeldet.


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Solche und viele weitere Informationen zu anderen Communities bietet die eben gegründete "Medien-Servicestelle Neue Österreicher", die am Mittwoch in Wien präsentiert wurde. Die Initiative soll die österreichischen Medien durch die Vermittlung von teils schwer verfügbaren Fakten über Menschen mit Migrationshintergrund unterstützen. Am polarisierenden Integrationsthema scheiden sich nämlich nicht nur die Geister, widersprüchlich und oft dürftig sind auch die verfügbaren Daten zu den neuen Österreichern.

Betreut wird die Stelle von einem siebenköpfigen Team. Sie habe "journalistischen Anspruch" und "Objektivität und Unabhängigkeit" als Prinzipien, sagte Peter Wesely, der Obmann des Trägervereins. Kern der Servicestelle ist eine gratis zugängliche Homepage (www.medienservicestelle.at), über die Informationen abrufbar sind und Rechercheanfragen gestellt werden können. Man wolle mit der Servicestelle "keinen Meinungsjournalismus" betreiben, unterstrich der Leiter der Servicestelle Zarko Radulovic, sondern eine Plattform für den Austausch von Informationen liefern.

Auch in aktuellen Fällen will die Medienservicestelle helfen, etwa mit Hintergrundinformationen oder der Vermittlung von Gesprächspartnern zur betroffenen Community. Die Publizistin Barbara Coudenhove-Kalergi, Vorsitzende des Fachbeirates, nannte als Beispiel die Verhaftung des als Kriegsverbrecher gesuchten bosnisch-serbischen Ex-Militärchefs Ratko Mladic oder den Angriff auf einen Wiener Sikh-Tempel.

Die neue Servicestelle trage dazu bei, das Thema "Integration" mit Hilfe von Daten und Fakten zu "normalisieren, zu objektivieren und zu enthysterisieren", betonte Coudenhove-Kalergi im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Eine solche Versachlichung sei auch dringend nötig.

"Ich selber habe einen Migrationshintergrund", erzählt Coudenhove-Kalergi. Für Österreich, und besonders für Wien seien Menschen mit Wurzeln in anderen Ländern charakteristisch. Die Vermittlung eines Österreich-Verständnis, das keinen ausgrenzt, fände sie "wunderbar" - und "notwendig", denn es entspreche auch der Wahrheit. Erreicht habe man dieses Ziel noch nicht: "Die Tatsache, dass wir ein Zuwanderungsland sind, ist nur zum Teil durchgedrungen." Die Perspektive sei noch immer: Wir und die Zuwanderer. Man müsste aber erkennen: "Das sind unsere Leute."

Widersprüchlich sei es auch, wenn man einerseits Migranten vorwirft, dass sie bei Fußballspielen nicht zu Österreich sondern zu ihrem Herkunftsland halten, dafür aber andererseits sich selber weigert, die Zuwanderer als Österreicher zu sehen. Coudenhove-Kalergi macht aber darauf aufmerksam, dass sich gerade bei der nächsten Generation schon manches geändert habe: "Ich weiß von den Jungen, dass sie das Wort Integration nicht mehr hören können." Viele sagten: "Unsere Eltern haben zwar ein anderes Herkunftsland, aber wir sind nicht hauptberuflich Migranten. Wir haben Interessen und Vorlieben, die Tatsache, dass wir einen Migrationshintergrund haben, ist nur ein Element von vielen." Das müssten auch die Medien sehen.

Im Gegensatz zu Deutschland würden Migranten in Österreich noch immer fast nur zu Integrationsthemen interviewt. Gerade hier könnten die Medien viel beitragen, indem sie selbstverständlich einen Mediziner mit iranischem Hintergrund zu fachspezifischen Dingen interviewen.

Die Akzeptanz der neuen Österreicher hatte in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrere Schwankungen erlebt. Die ungarischen Flüchtlinge im Jahr 1956 seien noch sehr gut aufgenommen werden, erinnert sich Coudenhove-Kalergi. Noch relativ gut habe auch die Aufnahme von ex-jugoslawischen Arbeitskräften - sogenannten "Gastarbeitern" - geklappt. Man sei aber damals davon ausgegangen, dass sie nicht lange hier bleiben. Maßgeblich verschlechtert habe sich die Lage erst nach 1989. Ebenso hätte die Zuwanderung vieler Türken den Menschen Angst gemacht.

Integration wird als wichtiges Zukunftsthema akzeptiert

"In allerletzter Zeit hat sich die Akzeptanz etwas verbessert, vielleicht auch durch eine leicht veränderte Medienberichterstattung", betont Coudenhove-Kalergi. "Ich glaube, wir sind langsam auf einem Weg der Besserung." Die Medien hätten erkannt: "Nicht alle Zuwanderer sind kriminell." Der Umgang der Berichterstattung mit ihnen habe sich verändert. "Selbst nicht besonders ausländerfreundliche Medien haben jetzt erkannt, dass man an dem Integrationsthema nicht vorbei kann", meint sie. "Es wird mittlerweile allgemein akzeptiert, dass Integration ein Zukunftsthema ist."

Dass Menschen mit Migrationshintergrund eine immer größer werdende Zielgruppe sind, hätten viele Medien aber noch nicht erkannt: "Als Zielgruppe wurden die Migranten nach meiner Beobachtung primär von der Wirtschaft, etwa der Werbung erkannt", sagt Coudenhove-Kalergi.

Initiiert wurde die Servicestelle von der Arbeiterkammer, der Industriellenvereinigung, dem Verein Wirtschaft für Integration und der Wiener PR-Agentur The Skills Group. Unterstützung kommt auch vom Bundeskanzleramt, der Innenministerium und den Österreichischen Lotterien.