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"Wir produzieren Bildungsverlierer"

Von Brigitte Pechar

Politik

Die Neos fordern mehr Geld für Brennpunktschulen, um die Kinder besser fördern zu können.


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Wien. Es sei bekannt, dass bei 15 bis 20 Prozent der Schüler die "Kompetenzlage gering" sei. So reagierte man im Bildungsministerium auf die Kritik einer Wiener NMS-Direktorin, die für rund ein Drittel ihrer Schüler den weiteren Weg in AMS-Kursen und Sozialhilfe sieht. Neben "zahlreichen Präventivmaßnahmen" solle mit der "Ausbildungspflicht bis 18 Jahren" Jugendlichen eine längere Ausbildung ermöglicht werden - so die Lösung aus dem Ministerium.

Die jahrzehntelangen Debatten zwischen SPÖ und ÖVP im Bildungsbereich, die alles blockiert haben - weil die wichtigsten Entscheidungen in diesem Bereich eine Zweidrittelmehrheit erfordern -, waren ein wesentlicher Grund für Matthias Strolz, Gleichgesinnte zu suchen und eine Partei, die Neos, zu formen. Am Dienstag wandte er sich gemeinsam mit der Klubobfrau der Neos im Wiener Landtag, Beate Meinl-Reisinger, wieder seinem "Herzensthema" zu. "Es läuft nicht gut genug, wenn wir 20 Prozent der Jugendlichen haben, die nicht ausreichend lesen können", sagte Neos-Chef Strolz vor Journalisten. Im urbanen Bereich verliere die Gesellschaft fast 30 Prozent der Schüler als Dauerkunden an das AMS. Die Neos fordern sehr rasch neue Wege - vor allem in Wien, wo die Kinder noch heterogener sind, weil sie aus sehr vielen verschiedenen Ländern kommen. "Wir müssen jetzt handeln, sonst fliegt uns das Thema um die Ohren", sagte Strolz.

Indexbasierte Finanzierung

Es müsse sehr rasch eine finanzielle Ausstattung von sogenannten sozialen Brennpunkt-Schulen kommen. Die Neos fordern hier eine indexbasierte, bedarfsorientierte Finanzierung. Brennpunktschulen sollten dementsprechend mehr Mittel erhalten als andere. Ein Sozialindex soll den Schulen mehr Geld für jene Schüler bringen, die sozial benachteiligt sind (Eltern mit geringem Bildungsniveau, geringem Einkommen, nicht-deutscher Muttersprache, Migrationshintergrund). Das Geld sollen die Schulen dann autonom für die Förderung einsetzen können.

"Wir haben eine Situation, wo wir Bildungsverlierer am laufenden Band produzieren", sagte Meinl-Reisinger. In Wien seien etwa 51 Prozent der Pflichtschüler sozial benachteiligt. Für diese rund 50.000 Kinder mit Förderbedarf fordert sie sofort einen jährlichen "Chancentausender", also 50 Millionen Euro, finanziert durch eine Halbierung der Werbemaßnahmen der Stadt.

Mit den jährlich 2,3 Millionen Euro für die neu beschlossene Parteiakademieförderung könnte man zusätzlich die Zahl der Schulsozialarbeiter und -psychologen verdoppeln, rechnete sie vor. Als zweite Maßnahme müssten laut Strolz die derzeit 24 Millionen Euro aus dem Integrationstopf, die das Bildungsministerium erhalten hat, verdoppelt werden.

Und eine weitere Forderung der Neos: Die indexbasierte, bedarfsorientierte Finanzierung der Schulen müsse im Zuge der derzeit stattfindenden Verhandlungen über den neuen Finanzausgleich mitverhandelt werden. Denn da, so argumentierte Strolz, säßen alle beisammen: Bund, Länder und Gemeinden. Daher müsse das dort verhandelt werden. Eine Erprobung im Zuge der Modellregionen für die Neue Mittelschule kommt für die Neos nicht infrage, weil es einerseits viel zu viel Widerstände - Demonstrationen in Tirol gegen Modellregionen zeigten das - gebe. Andererseits aber rasch gehandelt werden müsse.

"Wir haben in Österreich schon immer eine indexbasierte Finanzierung", sagte dazu Bildungsforscherin Christa Koenne zur "Wiener Zeitung". "Nur leider eine von unten nach oben." So erhalte das Theresianum 1,3 Mal mehr Geld pro Schüler als eine Schule in Simmering. "Je betuchter und je begabter, desto mehr Geld gibt es", sagt Koenne.

Die langjährige AHS-Direktorin fordert auch, dass mit dem Schwindeln an den Schulen Schluss gemacht wird. Kinder könnten zwar nicht sinnerfassend lesen, hätten aber in Deutsch ein "Gut". Also: Neue Lehrinhalte und neues Lernen seien vordringlich.

Schule als Friedensstifterin

"Wir haben völlig überzogene Erwartungen, was heute 15-Jährige können müssen." Die Kinder und Jugendlichen von heute bräuchten völlig neue Lehrinhalte. "Da genügt es nicht, die Lehrpläne zu entrümpeln. Denn Entrümpeln bedeutet nur weniger vom selben", sagt Koenne. Sie fordert die Einführung von Mindeststandards anstatt der geltenden Regelstandards. Für die Bildungsexpertin hat Schule aber vor allem eine soziale Aufgabe: "Schule soll vor allem ein friedensstiftendes Unterfangen sein. Sie muss dafür sorgen, dass sich die Jugendlichen in ihrer Unterschiedlichkeit kennenlernen."