"Wir schrecken, um wachzurütteln"

Von Martina Madner und Jan Michael Marchart

Politik

Das Schulsystem bereite nicht genug auf die Digitalisierung vor, sagt AMS-Vorstand Kopf im Interview.


Wien. In Zeiten der Digitalisierung werden zunehmend Unkenrufe laut, dass zahllose Arbeitsplätze verschwinden. Für Un- und Angelernte sind die beruflichen Perspektiven besonders trist. In der betrieblichen Praxis zeigt sich darüber hinaus aber auch, dass ehemals gefragte Qualifikationen heute rasch wieder überholt sind. Weiterbildung findet zum Teil nur während der Arbeitslosigkeit statt oder kommt nur den ohnehin gut ausgebildeten jungen Beschäftigten zu Gute. Die "Wiener Zeitung" hat deshalb AMS-Vorstand Johannes Kopf gefragt, wie ein Aus- und Weiterbildungssystem heute aussehen müsste.

"Wiener Zeitung": Mit der Digitalisierung findet die Jobvermittlung im Internet statt. Müssen Sie und Ihre AMS-Mitarbeiter sich bald nach einem neuen Job umsehen?

Johannes Kopf: Das glaube ich nicht. Zum einen sind wir selbst der Anbieter der größten Online-Jobbörse in Österreich, und unsere Dienstleistung ist eine ganz wesentliche. Nicht jeder Arbeitssuchende sucht regelmäßig und kann das in jener Güte, die nötig ist, um einen Job zu finden. Gleichzeitig hat Österreich eine kleinteilige Unternehmensstruktur, was dazu führt, dass Firmen bei ihrer Suche nicht so geübt sind. Auch da helfen wir.

Aber der Job-Futuromat der deutschen Bundesagentur für Arbeit sagt, dass mehr als die Hälfte der Tätigkeiten von Arbeitsvermittlern durch Roboter ersetzbar sind.

Auch das nicht, weil wir nicht nur Arbeitsvermittlung machen. Wir haben auch sehr viel zu tun in der Arbeitslosenversicherung und der Arbeitsmarktförderung, zum Beispiel in der Auswahl der richtigen Qualifizierung. Aber ganz sicher kann man auch Teile unserer Arbeit digitalisieren. Ich sehe die Digitalisierung in unserem Bereich aber nicht als Gefahr, sondern als Problemlöser. Zum Beispiel kommunizieren wir bereits mit mehr als einem Drittel unserer Kunden über ihr Online-AMS-Konto.

Braucht Arbeitsvermittlung nicht den persönlichen Kontakt?

Ohne digitale Möglichkeiten hätten wir zu wenig Zeit für Kunden. Denn einen Punkt dürfen wir nicht vergessen: Menschen sind öfter arbeitslos. Der Arbeitsmarkt dynamisiert sich, wir haben heute viel kürzere Dienstverhältnisse als früher. Unsere Eltern haben bei einem Unternehmen gelernt und sind dort in Pension gegangen. Jetzt wechseln Menschen mehrmals in ihrem Leben ihren Job. Wir haben also, selbst wenn die Arbeitslosigkeit sinkt, in der Tendenz mehr Kunden oder öfter Kontakte mit ihnen.

Zurück zu den plakativen Prognosen, dass ihr Job bedroht ist. Lässt man hiermit die Leute nicht mit ihren Ängsten alleine?

© WZ/Moritz Ziegler

Sie alarmieren die Politik und Institutionen wie uns, aber sie alarmieren und leiten auch Einzelne, etwas gegen die Gefahr zu tun. Das AMS-Qualifikationsbarometer ist der Versuch, Wissenschaftliches zur Frage, ob und wo uns die Digitalisierung die Jobs wegnimmt, zu liefern - und nicht nur Horrorszenarien. Wir sagen den Menschen ja auch, wo es steigenden Bedarf gibt. Wir informieren und raten auch anderen ab, gewissen Beruf zu wählen. Wir schrecken, um wachzurütteln.

Veränderungen gab es früher auch schon, warum fürchten sich nun alle vor der Digitalisierung?

Von den großen disruptiven Erfindungen, die alles verändert haben, gab es bisher nicht so viele: Da war die Dampfmaschine, die Eisenbahn, die Elektrizität, die Massenmobilität, dann der PC und letztlich das Internet. Die Zyklen dazwischen aber werden kürzer. Vor allem für die Erstausbildung wird es schwierig, weil hier die Anpassung sehr lange braucht. Wir sind nicht so schlecht in der Frage, was es in den nächsten drei bis fünf Jahren braucht. Was es aber in zehn bis 20 Jahren braucht, darüber wissen wir wenig. Es ist ein großes Problem. Wenn niemand weiß, was wir brauchen, wer soll Bildung planen oder junge Menschen bei ihrer Berufswahl anleiten?

Welche Qualifikationen wurden nun wichtiger, welche weniger?

Die Fähigkeit zu lernen, sich neues Wissen anzueignen und selbständig zu arbeiten, steigt mit höherer Bildung, ebenso wie die Fähigkeit, sich auf veränderte Bedürfnisse einzustellen. Das trainierte Hirn lernt auch schneller als das untrainierte. Selbst die falsche Ausbildung ist also besser als keine. Menschen mit einem Studium, das am Arbeitsmarkt nicht nachgefragt wird, haben bessere Arbeitsmarktchancen als jene, die keines haben. Das ist der Trost und der Grund, warum unser Schulsystem, das sich Veränderung gegenüber als sehr widerstandsfähig erwiesen hat, mit Fächern, die seit hundert Jahren die gleichen sind, noch immer eine halbwegs ordentliche Vorbereitung für das spätere Berufsleben ist.

Ist es aber nicht ziemlich ernüchternd, dass unser Schulsystem das Falsche liefert?

Das ist ernüchternd. Es ist aber auch einfach zu sagen, dass wir das Falsche ausbilden, wenn man nicht weiß, was das Richtige wäre. Man kann aber durchaus etwas tun: das zu unterrichten, was wir in Zukunft in jedem Fall brauchen, wie etwa Lernfähigkeit, Lernbereitschaft, kreative Neugierde, aber auch die Such- und Prüfkompetenz sowie ganz allgemeine digitale Kompetenzen. Denn der bloße Konsum von digitalen Inhalten ist nicht die Kompetenz, die Unternehmen suchen.

In der Schule spielt all das aber kaum eine Rolle.

Unser Schulsystem bereitet die Leute sicherlich noch nicht gut genug auf die Veränderungen vor, die da kommen. Darum brauchen wir Reformen im Bildungssystem. Ein eigenes Fach Digitalisierung und Coding alleine ist sicherlich zu wenig. Was es braucht, ist die Durchdringung des Unterrichts mit digitalen Kompetenzen. Das Fach kann trotzdem Mathematik heißen, aber man muss Dinge bearbeiten, die mit Technik zusammenhängen oder noch stärker Informatik reinbringen.

Was ist mit der Weiterbildung nach der Lehre, Schule oder Studium? Die wird oft nur angeboten, wenn man arbeitslos ist.

Wir haben noch zu wenig leistbare Systeme dafür, die es einem Erwachsenen ermöglichen, während seines Lebens einen völlig anderen Beruf zu lernen. Jetzt gibt es das Fachkräftestipendium, die Bildungskarenz und die Bildungsteilzeit. Die Bildungskarenz wird zwar für Weiterbildung verwendet, und nicht nur dafür, um blauzumachen. Aber wer nützt sie? Junge, gut ausgebildete Leute. Das ist schön, war aber nicht die ursprüngliche Idee. Deswegen haben wir die Bildungsteilzeit für die geringer Qualifizierten erfunden, damit die Einkommenseinbuße zum Gehalt während der Ausbildung niedriger ist. Aber wer nimmt sie in Anspruch? Wieder nur die gut ausgebildeten Jungen. Die Bildungsneigung hängt mit dem Bildungsgrad stärker zusammen als mit dem finanziellen Anreiz.

Was ist also die Alternative?

Wir fördern Unternehmen, indem wir die Hälfte der Qualifizierungskosten oder bei längerfristigen Qualifikationen die Hälfte der Lohnkosten bezahlen. Und zwar für die, die laut Statistik wenig qualifiziert werden. Das sind die Älteren und niedrigqualifizierte Frauen. Das wird gut angenommen und funktioniert besser als die Bildungsteilzeit.

Was aber, wenn manche schon mit 15 zu lernen aufhören wollen? Dann produziert das System neue Unqualifizierte?

Dann ist der Hebel dafür in unserem Bildungssystem zu suchen. Das ist ja auch das Tolle an der Idee der Bildungspflicht bis zum Alter von 18 Jahren. Sie ist aber nur halbherzig umgesetzt, weil sie erst zwischen 15 und 18 Jahren ansetzt. Die Frage, ob jemand eine höhere Ausbildung macht oder nicht, wird schon weit früher im Kindergarten oder in der Volksschule entschieden. Wenn die Bildungspflicht wirklich funktionieren soll, muss ich den Fokus auf den Beginn der Bildungskarriere legen.

Zurück zum AMS. Wird mit der Reform, die die Regierung von ihnen fordert, auch besser für die Digitalisierung qualifiziert?

Ja, aber nicht nur wegen der Digitalisierung, sondern auch, weil sich der Arbeitsmarkt verändert. Heute drängen auch viele junge, teils sehr gut Ausgebildete aus dem benachbarten EU-Ausland auf unseren Arbeitsmarkt. Aufgabe des AMS und auch der Politik ist aber, die vielen Stellen, die es jetzt wieder gibt, an Langzeitarbeitslose zu vermitteln. Wir haben in den letzten drei Monaten 90.000 neue Stellen, aber die Arbeitslosigkeit ging nur um 30.000 zurück. Die Idee im Regierungsprogramm ist es, arbeitsplatznah zu qualifizieren. Die Firma sucht sich jemanden aus, der wird qualifiziert und dann auch fix genommen.