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Wir sind alle Spekulanten

Von Erhard Fürst

Gastkommentare

Seit bekannt wurde, dass die Veranlagungspolitik der Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) möglicherweise zu Verlusten von einigen hundert Millionen Euro führen könnte, ist "Spekulation" zum Unwort der Republik geworden.


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Was ist eigentlich Spekulation? Lassen wir den philosophischen Begriff beiseite, so ist Spekulation jede wirtschaftliche Entscheidung auf Basis bestimmter, allerdings unsicherer Erwartungen über künftige Preisentwicklungen.

Häuslbauer oder Unternehmer, die zinsgünstige Kredite in ausländischer Währung aufnehmen, spekulieren darauf, dass diese Währung nicht aufwertet und dadurch der Schuldendienst in Euro teurer wird. Die Käufer von Aktien, Anleihen, Fondsanteilen spekulieren darauf, dass deren Preis (inklusive laufender Erträge) zum Verkaufszeitpunkt höher als zum Kaufzeitpunkt sein wird. Auch die Käufer von Erlebensversicherungen rechnen mit einer erfolgreichen (spekulativen) Veranlagungspolitik der Versicherung und möglichst hohem Gewinnanteil.

Das Hauptgeschäft von Banken ist es, Risiko zu nehmen - sozusagen Wetten über zukünftige Entwicklungen abzuschließen. Andere Spekulanten schließen auch Wetten ab: dass sich Erdöl oder Schweinebäuche verteuern oder verbilligen, dass eine Währung auf- oder abwertet, dass eine Regierung stürzt oder nicht. Und alle erwähnten Personen rechnen nicht mit einer extremen Finanz- und Wirtschaftskrise.

Also alles Spekulation? Grundsätzlich ja. Dennoch gibt es Unterschiede. Es kann zwischen Spekulationen unterschieden werden, die einen Bezug zu einem Basisgeschäftszweck haben, wie Vermögens- und Liquiditätsveranlagung, Hausbau, Investition oder Produktion, und solchen, die reine Wetten darstellen. Weiters unterscheiden sich Spekulationen im Risikogehalt. Das Risiko lässt sich halbwegs objektiv, wenn überhaupt, nur von Profis auf Basis vergangener Erfahrungen abschätzen.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die Beurteilung der ÖBFA-Veranlagungspolitik? Der Bezug zu einem Basisgeschäft, nämlich die Veranlagung von Liquidität, ist offensichtlich. Die Profiqualität der handelnden Personen scheint gegeben. Der Risikogehalt der nun wertzuberichtigenden Anlagen war zum Zeitpunkt der Veranlagung sicherlich nicht als übermäßig hoch einzuschätzen. Im Nachhinein ist man immer klüger. Und die sinnvollerweise nur über einen längeren Zeitraum zu beurteilende Performance ist jedenfalls positiv.

Eines muss allerdings festgehalten werden: Wie in jeder Finanzinstitution muss es klare Veranlagungsrichtlinien, ein professionelles Risikomanagement und laufende Kontrolle geben. Das Gebot: "Mit Steuergeldern darf nicht spekuliert werden" hilft nicht weiter.

Erhard Fürst war viele Jahre Leiter der Abteilung Industriepolitik und Wirtschaft in der Industriellenvereinigung