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"Wir wollen Euch kämpfen sehen"

Von Walter Hämmerle

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Irgendwie passt die aktuelle Empörung nicht zu der erwartbaren Entwicklung. Es sei denn, Politik ist wie Fußball.


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Politische Menschen - und ich spreche von wirklich politischen Menschen - haben viele wunderbare Eigenschaften und zumindest ein großes Problem: Es fällt ihnen auch mit fortschreitender Lebenserfahrung nicht leicht zu akzeptieren, dass andere politische Menschen ein und dieselbe Angelegenheit ganz anders sehen können. Und, das vor allem, ihren Irrtum nicht und nicht eingestehen wollen.

Ein Hauch von penetranter Intoleranz gehört wahrscheinlich zur menschlichen Natur, bei den Homines politici ist sie nur noch ein klein wenig ausgeprägter.

Bemerkenswerterweise trifft dies auf die sogenannten Berufungspolitiker davon weitaus stärker zu als auf die Berufspolitiker, was Erstere den Letzteren auch persönlich übel nehmen. Wer Politik als Beruf ausübt, also im wahrsten Sinn des englischen Wortes ein Professional ist, gewöhnt sich mit der Zeit eine nüchterne Berufsauffassung an, bei der Emotionen höchstens dann gezeigt werden, wenn sie nützlich sind. Klingt natürlich furchtbar unsympathisch und berechnend und ist es auch; diese abgeklärte Geisteshaltung trug historisch betrachtet allerdings entscheidend dazu bei, dass wir uns nicht länger über politische Fragen die Schädel einschlagen.

Dass das den leidenschaftlichen Amateuren nicht gefallen kann, liegt auf der Hand. Dem Kicker mit Herz missfällt mitunter auch die Attitude des Berufsfußballers als Millionär. Und wie die Fans auf der Tribüne skandieren auch die teilnehmenden Zuschauer des politischen Basars: "Wir wollen Euch kämpfen sehen" und, wenn die Stimmung ganz übel ist, kann es durchaus auch einmal "Scheiß Millionäre" von den Rängen schallen. Von solchen Emotionen, den echten und den gespielten, lebt das Milliardengeschäft mit dem runden Leder genauso wie die Politik.

Seltsam wird es nur dann, wenn semi- und vollprofessionelle Zaungäste in der politischen Arena sich vor lauter Empörung über das Antrittsprogramm der neuen Koalition gar nicht mehr einkriegen. Dabei waren sie schon zuvor felsenfest davon überzeugt, dass "die Partie nix G’scheits z’ambringt".

Für eine solche Überzeugung gibt es etliche gute Gründe - und sie sollte eigentlich zu abgeklärter Gelassenheit führen, wenn denn die eigene Vorhersage tatsächlich Realität
wird.

Und noch eine Ungleichbehandlung eigentlich gleicher Ereignisse ist auffallend: Dass SPD-Chef Sigmar Gabriel der konservativen Kanzlerin als Juniorpartner einige rote Herzensanliegen ins deutsche Regierungsübereinkommen hineinverhandeln konnte, wird in Österreich publizistisch anerkennend vermerkt.

Wenn hierzulande der Juniorpartner ÖVP der Kanzlerpartei einige konservative Herzensangelegenheiten in den Koalitionspakt hineinreklamiert, dann ist das - je nach Gusto - entweder eine perfide Strategie der Schwarzen oder eine erbärmliche Selbstaufgabe der Roten.

Dass es eher etwas mit dem strukturellen Verhandlungsvorteil des Kleineren bei gleichzeitiger Abwesenheit machbarer Alternativen für den Größeren zu tun hat, wird geflissentlich ignoriert.