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Wird der Große Satan zum Freund?

Von Arian Faal

Politik

Zum ersten Mal seit 35 Jahren wird bei den iranischen Revolutionsfeiern nicht der Hass auf die USA zelebriert.


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Teheran. "Wir haben die Amerikaner nie gehasst. Das ist ein Irrglaube des Westens. Der Iran und die USA sind auch heute auf vielen Ebenen sehr eng miteinander verbunden. Unter der Hand wird auch wirtschaftlich über zwei Ecken zusammengearbeitet. Die politischen Verfeindungen haben nichts mit der Bevölkerung zu tun. Denken Sie nur an die über eine Million Exil-Perser, die in Kalifornien leben und dort ein neues Zuhause gefunden haben", erklärt der 24-jährige Politik-Student Arvin D. Er sitzt an der Ecke der Straßen Shahid Mofateh und Shahid Taleghani, beides hochumjubelte Märtyrer der Islamischen Republik. Hier befand sich einst die Botschaft der USA.

Seit mittlerweile 35 Jahren, also seit der 444 Tage dauernden Geiselnahme von 52 US-Bürgern in der US-Vertretung in Teheran 1979-1980, herrscht diplomatischer Stillstand zwischen den beiden Ländern. Nachdem der letzte Schah Mohammad Reza Pahlavi in die USA geflohen war, wollte der Iran mit der Geiselnahme den Schah "zurückfordern". Man hatte Angst, dass dieser mit US-Hilfe die von Ruhollah Khomeini eben erst ins Rollen gebrachte Islamische Revolution torpedieren könnte. Die Nachricht von der Botschaftsbesetzung verbreitete sich im Iran wie ein Lauffeuer. US-Flaggen wurden in Teheran und andere Städten angezündet. Der Iran wurde ein islamischer Gottesstaat und aus Amerika der "Große Satan".

Doch die Wahl des moderaten Pragmatikers Hassan Rohani hat die Anti-US-Politik der Iraner auf den Kopf gestellt. Wenn am Samstag die Feierlichkeiten anlässlich des 35. Jahrestages der Islamischen Revolution (siehe Kasten) beginnen, steht erstmals nicht der Hass auf die USA im Vordergrund. Rohani hinterfragte den Spruch "Tod Amerika!" und ließ die Hasstiraden und abfällige Karikaturen gegen Washington auf vielen Wänden im schiitischen Gottesstaat übermalen. Der neue Präsident bricht dabei mit einer jahrzehntelangen Tradition, gehörte doch der Amerika-Hass - genauso wie der auf Israel und auf Großbritannien - zu den Grundpfeilern der iranischen Außenpolitik.

Hardliner sind skeptisch

Der moderate 65-jährige "Scheich der Hoffnung", wie Rohani von seinen Fans genannt wird, geht sogar noch einen Schritt weiter. Als Teil seiner Charme-Offensive gegenüber dem Westen will er auch eine Wiederbelebung der Beziehungen zum Weißen Haus forcieren. Der "Große Satan" soll zum Freund werden. An sich sensationell war schon das versöhnliche Aufeinandertreffen der beiden Außenminister John Kerry und Mohammad Javad Zarif im Herbst in New York. "Ich bin John", meinte Kerry zu seinem Amtskollegen und lud ihn zu einem Vieraugengespräch ein. Als "positiv und konstruktiv" wurde das Treffen damals gewürdigt. Und der Genfer Zwischen-Deal vom 24. November im Atomstreit konnte erst durch diese neu entstandene Annäherung zustande kommen. Für 18. Februar sind weitere Verhandlungen mit dem Iran in Wien angesetzt.

Das Eis ist also gebrochen. Plötzlich wollen alle den Atomkonflikt lieber heute als morgen endgültig lösen. Kein Wort von einem Militärschlag oder neuen Drohungen aus dem Westen, keine wie noch unter Rohanis Vorgänger Mahmoud Ahmadinejad propagierte wöchentliche Hetze gegen Israel oder die USA aus dem Iran. Der Ton, der Zugang an die Materie und die Perspektiven haben sich schlagartig geändert.

Doch bis zu einer Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen ist es noch ein weiter Weg mit vielen Stolpersteinen. Skeptiker und Hardliner im Iran und den USA sehen die einschneidenden Ereignisse der Vergangenheit noch als Hindernis für eine rasche Rückkehr zur Normalität. Das Geiseldrama ist noch immer ein Symbol dafür, dass Persern und Amerikanern die gegenseitige Achtung schwerfällt. Historisch ebenso belastend ist die Causa Mohammad Mossadegh: 1953 starteten die USA gegen den vom Parlament gewählten Premier eine Intervention. Mossadegh wurde durch einen CIA-Putsch gestürzt, um die Macht des Schahs zu erweitern und den Iran näher an Washington zu rücken.

Wissen

Am 1. Februar 1979 kehrte der Schah-Kritiker Ruhollah Khomeini mit einer Air-France-Maschine aus seinem Exil in Paris nach Teheran zurück und wurde am Flughafen frenetisch bejubelt. Elf Tage später feierten die Perser den Sieg der Islamischen Revolution. Der damals 77-jährige Khomeini wurde zum "Imam" und zur Galionsfigur für eine neue Ära. Er hatte zuvor 15 Jahre in der Türkei, im Irak und in Frankreich gelebt. Zuvor war der letzte Schah, Mohammad Reza Pahlavi, am 18. Jänner 1979 aus dem Iran geflohen. Nach dem Referendum vom 30. März 1979 über die neue Staatsform einer Islamischen Republik wurde diese am 1. April 1979 offiziell gegründet.

Was die Bevölkerung allerdings damals nicht vorhersah: Khomeini installierte einen restriktiven Islamischen Staat. Am Beginn wurde der greise Ayatollah als Held gefeiert, weil die Menschen ihn als Hoffnungsträger für einen Neuanfang nach der Schah-Ära sahen, doch schon bald wurde das Land ein schiitischer Gottesstaat und international zusehends isoliert.