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Wird Österreich ein Rotweinland?

Von Rainald Edel

Wirtschaft

Anbautechnik verändert sich. | Bründlmayer: "Der Veltliner klettert den Berg hinauf".


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Wien. "Den Klimawandel merkt man im Weinbau sehr deutlich", erklärt Willi Bründlmayer, Winzer des gleichnamigen Weinguts in Langenlois im südlichen Waldviertel. Die Trauben werden jetzt durchschnittlich 12 Tage früher reif als noch vor 40 Jahren. Dies läßt sich an Hand der seit den 50er Jahren kontinuierlich geführten Aufzeichnungen über Blüh- und Verfärbungsdaten nachvollziehen. "Fairerweise muss man aber dazusagen, dass man in den letzten Jahren weinbautechnisch sehr viel getan hat, um den Reifezeitpunkt vorzuverlegen", erklärt Harald Scheiblhofer, Lehrer an der Weinbauschule Klosterneuburg.

Neue Bedingungen

"Wir haben Weinstöcke, die bis zu 80 Jahre alt sind. Daher müssen wir in Generationen denken und versuchen, einen guten Kompromiss zwischen Lage und zu erwartenden Klimabedingungen zu finden".

Kämpften früher beispielsweise die Wachau-Winzer mit dem Problem, dass es in ihrer Region eigentlich zu kühl für Veltliner und Riesling war und die Beeren manchmal nicht reif genug wurden, sind diese Sorgen mittlerweile Geschichte. Ganz im Gegenteil: "Heute macht uns die zu starke Reife der Trauben Sorgen", so Bründlmayer. Lagen die Rieden bisher zwischen 250 und 300 Meter über dem Meeresspiegel, beginnt man heute 100 Meter höher mit dem Anbau. "Der Veltliner kriecht den Berg hinauf", beschreibt Bründlmayer das Phänomen.

Säure statt Zucker

Im Vorjahr hatten nach Ansicht der Weinbauschule viele Winzer in ihrer Euphorie über den hohen Zuckergehalt der Trauben den optimalen Lesezeitpunkt verschlafen. In Folge lag der Alkoholgehalt bei fast 90 Prozent des Veltliners über 14 Volumsprozent um fast zwei Prozentpunkte mehr als üblich. "Sollte der Trend so weitergehen, wird man, wie international üblich, kellertechnisch gegensteuern müssen", erklärt Scheiblhofer. Musste früher der Wein aufgezuckert werden, wird es in Zukunft darum gehen, Säure zuzusetzen und Alkohol herauszunehmen.

Auf den durch die zunehmende Höhenlage des Veltliners frei werdenden Flächen können Wärme liebendere Sorten, vor allem Rotweine, angepflanzt werden. "Österreich hat sich mittlerweile zu einem anerkannten Rotweingebiet entwickelt", sagt Bründlmayer.

Nicht nur die schleichende Erwärmung, auch der internationale Trend zu leichteren Roten, kommt aus der Sicht des Langenloiser Winzers den heimischen Weinbauern entgegen. International bekannte schwere Rotweinsorten wie Merlot wird man aber in Österreich dennoch nicht in einem großen Ausmaß anbauen. Dazu ist das Klima noch immer zu rau. "Hierzulande erzielt man mit einheimischen Sorten wie Blaufränkischer, St. Laurent oder Zweigelt die besten Ergebnisse", meint Scheiblhofer.

Mengenmäßig wird in Österreich ungefähr jene Menge produziert, die auch getrunken wird. Scheiblhofer sieht aber bei Rotwein durchaus noch Potential: "Während von den Trinkgewohnheiten Österreich 50:50 zwischen rot und weiß aufgeteilt ist, stellt der Anbau noch immer ein Verhältnis 80:20 zugunsten von Weißweinsorten dar".

Kühlendes Grün

Geändert haben sich durch den Klimawandel aber auch die Weinanbautechnologien. So wird neben Tröpfchenbewässerungen auch stärker auf die Begrünung der Anbauflächen gesetzt. "Früher sah man in diesen Pflanzen eher einen Gegner für den Wein. Das zusätzliche Grün ist nun aber als leichte Kühlung sehr willkommen", schildert Bründlmayer. Zusätzlich wird über den Blüten mehr Blattwerk belassen, damit in den heißen Sommermonaten die Trauben von einem natürlichen Sonnendach beschützt werden.

Trotz Klimawandel und neuer Techniken glaubt Scheiblhofer mittelfristig nicht an eine eklatante Ausweitung der Weingebiete in Österreich. "Mittlerweile haben wir neben den klassischen Anbaugebieten in Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Wien in allen Bundesländern Anbaugebiete, doch diese sind mengenmäßig zu vernachlässigen", betont Scheiblhofer.

Das wärmere Klima begünstigt zudem die Produktion von Biowein, da gewissen Schädlingen die Lebensgrundlage entzogen ist.

Deutsche Winzer

Während die heimischen Weinbauern eher behutsam auf den Klimawandel reagieren, sind die Deutschen wesentlich offensiver. Traditionell verdienen die deutschen Winzer mit Weißweinsorten wie Müller-Thurgau und Riesling ihr Geld. Einer Studie der Landesbank Baden-Württemberg zufolge ist aber im Vorjahr bei gleicher Anbaufläche der Anteil wärmebedürftiger Sorten um knapp zehn Prozent gestiegen. 60 Prozent der Deutschen Weinbauern seien bereit, neue Sorten auf Grund des Klimawandels anzubauen. In Italien ist es nur jeder Fünfte und in Frankreich sogar nur jeder Zehnte.