Zum Hauptinhalt springen

Wisch und weg

Von Sabine M. Fischer

Gastkommentare
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftsmediatorin, Unternehmensberaterin und Fachbuchautorin in Wien. Sie war viele Jahre Sprecherin des Arbeitskreises Industrie 4.0/IoT und ist Aufsichtsratsvorsitzende des Verbandes Österreichischer Wirtschaftsakademiker.
© Symfony / Klaus Prokop

Digitalisierung ist für Unternehmen überlebensnotwendig. Doch Unsinn zu digitalisieren, ergibt nur digitalisierten Unsinn.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Blättern Sie noch oder wischen Sie schon? Selbst wenn Sie schon 90 Jahre alt sein sollten, wundern Sie sich vermutlich über diese Frage. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass beides - das Blättern in einer Tageszeitung UND das Wischen auf Ihrem Smartphone - für Sie Alltag ist. Schließlich waren Sie 2007, als das massentaugliche iPhone den Mobiltelefonmarkt zu erobern begann, smarte 74. Und als IBM 1993 das erste Touchscreen-Telefon herausgab, zählten Sie gerade 60 Lenze. Die massiven Veränderungen in fast allen Lebenslagen, die technischer Fortschritt und laufende Kostenreduktion beim Erfassen, Speichern und Verarbeiten von Daten ergeben haben, haben Sie in Echtzeit erlebt.

Das Wachstum an Produktivität und Umsatz, das durch den Einsatz von Informationstechnologie in Unternehmen erzielt werden kann, ist die "digitale Dividende". Je höher der digitale Reifegrad eines Unternehmens, desto besser sind seine Überlebenschancen. Am meisten profitieren jene vom Forcieren der digitalen Transformation, die bereits in ihre Digitalisierung investiert haben. Denn deren Nutzen potenziert sich, wie insbesondere datenbasierte Geschäftsmodelle zeigen.

Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerb durch die (Landes-)Grenzenlosigkeit des Internets und den möglichen branchendisruptiven Einsatz von Informationstechnologie: Kodaks Untergang war nicht ein Mitbewerber aus derselben Branche, sondern das Smartphone mit Kamera. Deshalb ist jede erfolgsorientierte digitale Transformation ein mühsamer, zeitintensiver Knochenjob: Erst wenn die Unternehmensziele, die Ausrichtung und die Prioritäten klar herausgearbeitet sind, können alle Prozesse im Unternehmen auf ihre Zielorientierung und Sinnhaftigkeit überprüft werden.

Denn nichts ist in der Digitalisierung so groß wie die Gefahr, dass wesentliche Kernprozesse, die die Einzigartigkeit am Markt sicherstellen, "mit dem Bade ausgeschüttet" und unnötige, ineffiziente Prozesse beibehalten werden. Kurz: Unsinn zu digitalisieren, produziert digitalisierten Unsinn. Richtige Unternehmen können sich das nicht leisten. Eine digitale Transformation, die scheitert, bedeutet im 21. Jahrhundert den unternehmerischen Tod. Dagegen hilft nur, aus verschiedenen Perspektiven ausführlich nachzudenken und vorausschauend zu handeln. Ich kenne 30-jährige Software-Entwickler, die mit dieser Methode nachweislich viel Geld verdienen.

Man kann es natürlich auch ganz anders machen: Zwei Monate vor dem Start des endgültigen großen Digitalisierungsprojektes hat man noch keine Ahnung, wohin man will, wie das alles gehen soll und wie lange es dauern wird. Auch Fragen zum Nutzen, den man der künftigen Zielgruppe bieten will, kann man nicht beantworten. Sicher ist nur: Man macht das alles mit anderer Leute Geld. Auf Nachfragen der aktuellen Nutzer ruft man euphorisch abwechselnd: "Digitalisierung!" Und: "Digitale Transformation!"

Mancher Unternehmer assoziiert mit so viel digitaler Orientierung eine ganz banale analoge Erfahrung: Wisch und weg.