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Wissen allein reicht nicht

Von Hans Holzinger

Gastkommentare

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"Wir befinden uns auf dem einzigen bekannten Planeten, auf dem es Leben gibt, und sind in eine höchst gastfreundliche Epoche hineingeboren mit - in erdgeschichtlicher Perspektive - ziemlich ausgewogenen und wirtlichen Temperaturen. Wir müssten verrückt sein, wenn wir uns selbst aus diesem ‚Sweet Spot‘ des Holozäns hinauskatapultieren würden", schreibt die britische Umweltökonomin Kate Raworth in ihrem Buch "Donut-Ökonomie".

Doch genau das tun wir. Der Klimaforscher Paul Crutzen hat hierfür den Begriff "Anthropozän" geprägt. Dieser bezeichnet eine Zivilisationsstufe, die zu irreversiblen menschengemachten Veränderungen der Lebensbedingungen auf unserem Planeten führt. Das Wissen über den Klimawandel ist vorhanden. Dass er von unserer Art zu wirtschaften und zu leben verursacht wird, wird kaum mehr bestritten. Die Befunde sprechen eine klare Sprache. Und dennoch tut sich die internationale Klimapolitik immer noch schwer. Warum ist das so? Erklärungen bieten sozialwissenschaftliche und psychologische Befunde, die auf systemische Fallen verweisen.

Noch sind wir Verdrängungskünstler

Die Transformationsforschung erkundet die Gelingensfaktoren und Barrieren für gesellschaftlichen Wandel. Oder anders formuliert: Sie fragt danach, ob und wann Gesellschaften lernen, sich neuen Herausforderungen zu stellen und Zeichen für notwendige Veränderungen zu erkennen. Dabei zeigt sich: Wir Menschen sind Verdrängungskünstler, nehmen Bedrohungen erst wahr, wenn wir diese am eigenen Leib verspüren, und blenden Widersprüche aus, wenn diese nicht in unser Komfortschema passen. In der Psychologie spricht man von "kognitiven Dissonanzen". Zudem gewöhnen wir uns an Horrormeldungen, nehmen diese zur Kenntnis und gehen zum gewohnten Alltag über. Da spricht man von "psychischer Reaktanz". Kassandra-Rufe werden tunlichst überhört, die Warner als Störenfriede hingestellt. Das Hineinschlittern in die beiden Weltkriege sind beredte Beispiele dafür.

Wichtige Aufschlüsse für die Schwierigkeiten von Klimaschutz geben Erkenntnisse der Spieltheorie, etwa das "Gefangenendilemma" oder das "Tit for tat"-Prinzip. Solange sich andere nicht ebenfalls ökologisch verhalten, sehen wir nicht ein, warum wir selbst es tun sollen. Und aus systemischer Sicht macht es in der Tat wenig Sinn, wenn sich nur wenige verändern. Gemeingüter wie das Klima können eben nur geschützt werden, wenn sich die Regeln für alle ändern. Das gilt für uns Bürger ebenso wie für Unternehmen und Staaten.

Das "Glaubwürdigkeitsdilemma" verweist auf Motivationsprobleme, wenn Wirtschaft und Politik ambivalente Botschaften senden. Solange tolle Urlaubserlebnisse mit Billigflugangeboten und neue Autos mit der "Freude am Fahren" in großformatigen Hochglanzwerbeinseraten angepriesen werden, fällt es schwer, sich klimaschonend zu verhalten. Wenig glaubwürdig ist auch eine Politik, die zwar von Klimaschutz redet, aber vor konsequenter Umsteuerung zurückschreckt.

Die Komplexitäts- und die Nahbereichsfalle tragen das ihre dazu bei, dass es Klimapolitik schwer hat. Wir übernehmen nur Verantwortung für Handlungen, deren Folgen wir unmittelbar spüren. Der Großteil der Autofahrer hält sich an die Geschwindigkeitsbeschränkungen oder das Alkoholverbot, um das Risiko von Unfällen zu minimieren. Aber nur wenige lassen das Auto stehen oder richten ihr Leben überhaupt autofrei ein, um den Klimawandel zu bremsen. Dass in Österreich die Hagelversicherungen zu den vehementesten Warnern vor dem Klimawandel gehören, liegt daran, dass sie die Schäden durch zunehmende Wetterextreme in ihrer Bilanzen spüren. Dass sie das in Form erhöhter Versicherungsbeiträge an die Bauern weitergeben (müssen) und diese sie in erhöhten Lebensmittelpreisen an die Konsumenten, sehen wir freilich nicht.

Der Klimageograf Mathis Hampel kritisiert in diesem Zusammenhang den abstrakten CO2-Diskurs und spricht von der "globalen CO2-Falle". Weil das Klima der Verortung entzogen und nur noch als abstraktes, in Computermodellen berechnetes System behandelt und diskutiert werde, falle es schwer, politisch mit Klimaschutz zu punkten. Für die Menschen sei "Klima" immer noch "das Wetter in unserer Erinnerung", das abstrakte Zwei-Grad-Ziel schaffe es daher nicht, Mehrheiten für eine Klimaschutzpolitik zu mobilisieren, so Hampel im neuen Jahrbuch des "Forum Umweltbildung". Anders formuliert: Menschen fürchten sich nicht vor zu viel CO2 in der Atmosphäre, sondern vor zu vielen Flüchtlingen im eigenen Land. Dass es aufgrund von Klimaflüchtlingen Zusammenhänge zwischen beidem gibt, erforderte wiederum ein höheres Komplexitätsverständnis.

Evolutionsbedingte Nahbereichsprägung

Manche argumentieren mit einer evolutionsbedingten Nahbereichsprägung, die mit der globalisierten Lebenswelt und ihren Folgen kollidiere. Auch wenn uns eine "langfristig kalkulierende Klugheitsethik" nahelegen würde, unseren Wirtschafts- und Lebensstil zu ändern, treffen wir unsere Entscheidungen nach Kriterien des unmittelbaren Vorteils, so der Philosoph Thomas Mohrs. Wir wissen zwar um den Klimawandel - wenn der Urlaub naht, siegt jedoch die Lust auf die nächste Fernreise. Auf politischer Ebene: Im Zweifelsfall doch lieber eine dritte Flughafenpiste, um Umsätze und Arbeitsplätze zu sichern.

Mit dem Psychologen Kohlberg gesprochen: Kognitiv sind wir auf der höchsten (sechsten) Moralstufe angelangt, praktisch handeln wir aber nach unseren Emotionen, Wünschen und Begierden (Stufe drei). Dazu kommt laut Mohrs das "Yolo"-Argument ("You only live once"): Wenn sowieso alles zu spät ist und die "Titanic" unweigerlich auf den Eisberg krachen wird, wieso dann nicht an der Bar und beim üppigen Buffet bleiben, solange es nur irgendwie möglich ist? Dass Rechtspopulisten den Klimawandel leugnen, mag mit dem Kalkül einer doppelten Entlastung zusammenhängen: "Wir haben das Recht, unseren gewohnten Lebensstil fortzuführen; und die wirklichen Probleme liegen woanders, nämlich in der Zuwanderung."

Wandel in Wohlstandsdemokratien

Es stellt sich daher die Frage, ob in Wohlstandsdemokratien überhaupt Mehrheiten für Eingriffe in den persönlichen Lebensstil zu finden sind und die Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels vermittelt werden kann. Optimisten setzen auf (Um-)Lernen durch Nachahmung. Änderung wird demnach möglich, wenn Pioniere damit beginnen, an vielen Stellen Neues erprobt wird, gleichsam Zukunftslabore entstehen, deren Häufigkeitsverdichtung eine kritische Masse erzeugt. Neue gesellschaftliche Normen würden dann zu neuen Routinen, etwa beim Ernährungs- oder Mobilitätsverhalten, führen. Als Beleg dafür werden die erfolgreichen Kampagnen gegen das Rauchen genannt.

Gefordert ist freilich hier auch die Politik. "Damit wir tun, was wir für richtig halten", wie der Ökologe Michael Kopatz in seinem Buch "Ökoroutine" meint, brauchen wir kongruente politische Vorgaben, die eine Veränderung nahelegen. Ökologisches Verhalten muss finanziell belohnt, nicht-ökologisches durch Ressourcen- und CO2-Steuern "bestraft" werden. Energie- und Umweltstandards für Produkte sind permanent zu verbessern, Subventionen für fossile Energieträger umgehend und umfassend zu streichen.

Insbesondere ginge es darum, Widersprüche zu benennen und Inkonsistenzen zu überwinden. Wenn die gegenwärtige Massentierhaltung und die industrielle Landwirtschaft nachweislich klimaschädlich sind, sind Alternativen gefordert. Mobilität und Transportsysteme sind nicht nur technologisch auf neue Beine zu stellen, sondern auch zu redimensionieren. Da Freihandel nicht vereinbar ist mit wirksamem Klimaschutz, wäre er zu begrenzen und nicht weiter zu forcieren. Denn globalisierte Güterketten stehen der geforderten postfossilen Ökonomie der kurzen Wege diametral entgegen.

Wohl noch offen ist, ob kulturelle Veränderungen, etwa Lebensstile bewusst gewählter Einfachheit, an Attraktivität gewinnen und damit politikwirksam könnten. Etwa ein Zehntel der Österreicher zählt sich derzeit zu den "Postmaterialisten" - es gibt also Luft nach oben. Denn Erkenntnisse der Zufriedenheitsforschung zeigen, dass materieller Wohlstand nur begrenzt glücklich macht.

Neue Technologien alleine werden nicht reichen

Probleme können nicht mit den Mitteln gelöst werden, die sie verursacht haben. Auf Konsum und permanentem Wirtschaftswachstum fixierte Gesellschaften mit ihren hohen Ressourcen-, Energie- und Mobilitätsaufwänden sind schwer auf "ökologisch" zu trimmen. Die Quadratur des Kreises, nämlich so weiter zu wirtschaften und zu leben wie bisher und dennoch innerhalb die ökologisch vertretbaren Grenzen der Naturnutzung zurückzukehren, ist nicht möglich.

Neue Technologien können helfen, den Wandel zu gestalten. Sie werden aber nicht reichen. Wir brauchen andere Erzählungen darüber, was Wohlstand ausmacht, und den Mut der Politik, uns Grenzen zu setzen. Das Tröstliche dabei ist, dass wir dann zwar anders, aber keineswegs schlechter leben würden: in Städten, die wieder den Menschen gehören, in einer Arbeitswelt, die Beruf und andere Formen des Tätigseins (wieder) vereinen lässt, schließlich in einer Wirtschaft, die produziert, was wir tatsächlich brauchen.

Wie systemische Fallen ein wirksames ökologisches Umsteuern verhindern.

Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und pädagogischer Leiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg (www.jungk-bibliothek.org). Buchtipps: "Von nichts zu viel - für alle genug", "Wie wirtschaften? Ein kritisches Glossar".