Zum Hauptinhalt springen

"Wissenschaft als Teil der Lösung begreifen"

Von Eva Stanzl

Wissen
Veronica Kaup-Hasler, geboren 1968 in Dresden, will als Stadträtin für Kultur und Wissenschaft auch die Vermittlung von Wissen in den Bezirken in den Vordergrund stellen.
© Johannes Kernmayer

Wiens Kultur- und Wissenschaftsstadträtin Veronica Kaup-Hasler erklärt, wohin ihr Forschungsbudget fließt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 2 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Wiener Zeitung": Der Lockdown endet. Wie haben Sie den unfreiwilligen Stillstand im Kulturressort der Stadt eigentlich ausgehalten?Veronica Kaup-Hasler: Gerade im Lockdown haben wir auf Hochtouren gearbeitet, auch um Dinge zu reparieren, die nach Innovation verlangen. Dazu gehören Gebäude, Vermittlung von Kultur und Wissenschaft in den Bezirken und eine Erhöhung des Budgets für Wissenschaft und Forschung. Im Zentrum steht ein positiver Umgang mit Wissenschaft als Grundlage für politisches Handeln und als Auftrag, Forschung im Dienst der Gesellschaft und angesichts der globalen Herausforderungen zu vermitteln.

Von welcher Summe sprechen wir?

Das Wissenschaftsbudget der Kulturabteilung der Stadt Wien lag 2018, dem Jahr meines Amtsantritts, bei 12.188.293 Euro. Für 2022 ist eine deutliche Steigerung auf 25.894.000 Euro veranschlagt. Das hat sich somit mehr als verdoppelt. Das ressortübergreifende Budget der Stadt Wien für Wissenschaft und Forschung ist freilich noch höher - 2020 wurden rund 130 Millionen investiert.

Setzen Sie inhaltliche Schwerpunkte oder fördern Sie themenoffen?

Schwerpunkte ab 2022 sind Umweltforschung, Klimawandel, Präzisionsmedizin, digitaler Humanismus und künstliche Intelligenz. Wir investieren in Forschung, die für Wien Nützliches erbringen kann, und zu den wichtigen Säulen der Gesellschaft zählt, also jetzt für die Zukunft gebraucht wird. In den kommenden drei Jahren bekommt der Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds nicht vier, sondern zehn Millionen pro Jahr, um Forschungsprojekte zu fördern.

Auch der 2015 gegründete Complexity Science Hub (CSH) zur Erforschung komplexer Systeme, dessen Berechnungen zum Pandemieverlauf Beachtung finden, erhält in den kommenden drei Jahren insgesamt 1,5 Millionen Euro. Der CSH ist weniger ein Wiener denn ein internationales Forschungsinstitut, das sich der Analyse von Big Data verschrieben hat. Wie passt er ins Bild?

Es ist eine Basisfinanzierung für ein Forschungszentrum, das mit Corona stark an die Öffentlichkeit getreten ist und eine wichtige wissenschaftliche Institution für die Gesellschaft darstellt. Es ist schwer, gute Leute in Wien zu halten, wenn man keine Mittel und keine Ausstattung anbieten kann. Wir wollen, dass der CSH die Forscher, die er gewonnen hat, halten und neue gewinnen kann, und vorhandene Mittel erleichtern die Akquise zusätzlicher Gelder. Wir wollen, dass dieses Institut in Wien bleibt, und das ist langfristig gedacht.

Wen fördern Sie noch?

Die Mittel des Sigmund Freud Museums wurden für 2022 und 2023 auf je 350.000 Euro erhöht - 2021 erhielt die das Museum betreibende Privatstiftung noch 295.000 Euro von der Stadt. Weiters versuchen wir, durch Calls junge Forschende an die Stadt zu binden. Denken Sie etwa an Emmanuelle Charpentier (Mit-Erfinderin der Gen-Schere Crispr/Cas-9, die Gene, die für Erkrankungen kodieren, aus dem Erbgut entfernt, Anm.). Sie verließ die Stadt, weil sie keine Optionen hatte, eine Forschungsgruppe zu gründen. Wäre ihr das möglich gewesen, hätten wir heute eine Nobelpreisträgerin in Wien. Die Anbindung von jungen, exzellenten Forscherinnen und Forschern ist ganz wichtig. Wir boosten - so heißt das momentan, ich möchte sagen: verstärken - mit Vehemenz den Wissenschaftsstandort. Denn wir sind ein Land, das große Forscherinnen und Forscher hat, jedoch zu bescheiden darüber kommuniziert und schon gar nicht über das Bildungssystem die Lust vermittelt, Wissenschaft als Teil der Lösung und nicht als Teil des Problems zu begreifen.

Sie setzen den Schwerpunkt digitaler Humanismus. Das Schlagwort steht dafür, dass die Regeln des Rechtsstaats auch im Internet gelten sollen. Wie realistisch ist eine Digitalisierung mit menschlichem Antlitz, wenn Konzernmultis über jede Website Bescheid wissen, die jeder Internetnutzer besucht?

Wir leben in einer Zeit, in der das Digitale uns unglaublich prägt. Darauf kann man mit Rückzug reagieren und sagen: Ich will damit nichts zu tun haben, das schafft nur Übel. Oder aber man kann sagen: Nein, wir haben zu lange auch als EU und als Gesellschaft zugeschaut, wie große Konzerne unsere Daten verwalteten und über uns bestimmten, jetzt braucht es eine Forschung mit zivilgesellschaftlichem und demokratiepolitschem Engagement: Die Verwendung von Daten muss klare juristische Implikationen haben. Deswegen fördern wir die Zusammenarbeit der Informationstechnologien mit Geistes- und Sozialwissenschaften, um das Digitale zum Wohle der Menschen weiterzuentwickeln, und dem Gefühl, dass der Zug abgefahren ist, etwas entgegenhalten.

Was wollen Sie entgegenhalten, wenn wir gerade die Technologien, die uns transparent machen, freiwillig benutzen, weil der Bedarf kreiert wurde?

Wir müssen erforschen, wie wir Werte, die wir in der analogen Welt erarbeitet haben - Arbeitsrecht, Personenschutz, Schutz der Privatsphäre, Menschenrechte -, in der Digitalisierung umsetzen können. Es gab ja am Anfang das Glückversprechen, es ginge um Information. Wer wusste schon, dass es sich um Information auch über uns handeln würde? Jetzt geht es darum, Instrumentarien für rechtliche Parameter zu entwickeln, die eine Handhabe geben, um die missbräuchliche Verwendung von Daten zu verhindern, und sie zu implementieren.

In der Eurobarometer-Umfrage reiht Österreichs Bevölkerung punkto Skepsis gegenüber Wissenschaft an zweiter Stelle nach Rumänien. Welche Hebel wollen Sie ansetzen, damit man hierzulande aufhört, zu glauben, dass Forschende lügen, unwichtig sind und keine Auswirkung auf das Weltgeschehen haben?

Der größte Hebel liegt seit Jahrzehnten beim Bund in Fragen der Bildung und des Lust-Machens auf Wissenschaft durch geeignete Maßnahmen schon im Kindesalter. Wobei die Volksschulen besser dran sind als die oft überholten Lehrpläne der Gymnasien, die sich in einem relativ veralteten Bildungssystem sehen. Wir als Stadt Wien stecken Geld in niederschwellige Wissenschaftsvermittlung in den Bezirken, indem wir kleine Science Center fördern, etwa in Straßenlokalen, wo Neugierige mehr erfahren können. Wir werden diese Art von Wissensvermittlung in den Vordergrund stellen, denn es geht um eine Übersetzung dessen, was in der Forschung gedacht wird, das muss man in Veranstaltungsformaten denken.

Das Bildungssystem ist schuld?

Bildung spielt eine starke Rolle, ebenso wie die mediale Landschaft, die oft zu wenig und zu wenig positiv über Wissenschaft berichtet. In Österreich wird Wissenschaft als Thema zu wenig wahrgenommen. Gerade die letzten Monate haben gezeigt, mit welcher unfassbaren Ignoranz Politik ihre eigene Willkür im Umgang mit Wissenschaft an den Tag legt. Nicht auf Experten zu hören ist problematisch, da Expertise grundlegend für richtige Handlung ist.

Haben Sie Wünsche an den neuen Bildungsminister Martin Polaschek?

Man sollte sich für ein verändertes Bildungssystem starkmachen. Zahlreiche Studien belegen den Erfolg von skandinavischen Modellen und Gesamtschulen. Verloren gegangen ist auch der Blick auf die soziale Lage der Studierenden. Corona hat bewirkt, dass viele aufgehört haben, zu studieren, weil ihre Eltern sie nicht finanziell durchtragen konnten. Sie haben als Kartenabreißer oder Servierende ihre Jobs verloren, sind still und leise wieder zu den Eltern gezogen und studieren nicht mehr. Man sollte ihnen ökonomisch unter die Arme greifen, auf keinen Fall Studiengebühren andenken und sie mit sozialem Blick auffangen.