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Wissenschaft gerät in Bedrängnis

Von Katharina Schmidt

Wissen

In Österreich gibt es an den meisten Universitäten eine Plagiatssoftware. | Philosoph Hrachovec: Internet stürzt Wissenschaft in "Kulturkampf". | Wien. Der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg hätte in Österreich wahrscheinlich nicht passieren können. Zumindest nicht in dieser Form. Bis Freitag wurden auf der Internetseite GutenPlag Wiki auf 324 von 393 Seiten der Dissertation "Verfassung und Verfassungsvertrag" Stellen gefunden, die der entthronte deutsche Verteidigungsminister plagiiert haben soll. | Wissen - Plagiatsprüfung


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Hätte Guttenberg seine Arbeit im Jahr 2006 nicht an der Universität Bayreuth abgegeben, sondern an der Uni Wien, wäre ihm sein Titel nicht aberkannt worden. Er hätte ihn wohl eher nie erhalten. Denn seit 2006 werden alle an der Uni Wien abgegebenen Abschlussarbeiten durch eine Plagiatssoftware gejagt - und zwar vor der Begutachtung durch den Betreuer. "Hätten die in Bayreuth Guttenbergs Arbeit so geprüft, wäre ihnen einiges aufgefallen", meint Brigitte Kopp, Studienpräses an der Uni Wien. Die Verwendung einer Plagiatssoftware ist in Deutschland bisher aber die Ausnahme: Die Pädagogische Hochschule Freiburg hat im Wintersemester 2009/2010 eine Software eingeführt - als erste Uni bundesweit.

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In Österreich verwenden indes die meisten der 21 öffentlichen Universitäten eine solche Software. Eine flächendeckende Prüfung aller Arbeiten findet neben der Uni Wien auch an den Universitäten Linz, Graz und Salzburg statt. Die Technische Universität Graz und die Bodenkultur in Wien prüfen stichprobenartig, wenn ihnen eine Arbeit verdächtig vorkommt. In Innsbruck gibt es eine Software, die allen Lehrenden zur Verfügung steht, und an der Wiener TU werden nur Arbeiten einzelner Fächer kontrolliert. Denn in den forschungsintensiven Fächern sind die Betreuungsverhältnisse so gut, dass man ohnehin sofort merkt, wenn eine Arbeit nicht lupenrein sein sollte.

Betreuer nur teils für Prüfung verantwortlich

In den Betreuungsverhältnissen liegt auch das Problem: Denn der Betreuer ist zwar laut Kopp nicht für ein allfälliges Plagiat verantwortlich, sollte er aber den Verdacht haben, dass ein solches vorliegt, so muss er dem nachgehen.

Ob er das überhaupt merkt, ist allerdings eine Frage der Arbeitsbelastung: Wenn es eine "halbwegs sinnvolle Betreuung gibt", könne man nachvollziehen, wie die Texte zustande gekommen sind, sagt der Philosoph und ehemalige Leiter der Curricularkommission an der Uni Wien, Herbert Hrachovec. Bei 35 oder 50 Dissertanten pro Lehrendem sehe das schon anders aus. Außerdem gebe es "einige Lehrende, die sind einfach nicht aufmerksam und lassen sich reinlegen".

Prinzipiell achte aber jede Universität und auch jeder Lehrer darauf, dass die gute wissenschaftliche Praxis eingehalten werde. Plagiate oder auch nur schlampige Zitate "widersprechen dem Selbstverständnis der Wissenschaft", sagt Hrachovec. Er sieht allerdings sehr wohl eine abnehmende Bereitschaft der Studierenden, sich auf diese Praxis einzulassen. "Es war leichter, den Studierenden gutes Zitieren beizubringen, als es die Möglichkeit des Copy/Paste noch nicht gab", gibt er zu.

Kontrollmechanismen noch nicht angepasst

Hrachovec spricht in diesem Zusammenhang von einem "unvorhergesehenen Kulturkampf": Durch die Möglichkeiten des Internet gerate die Wissenschaft in ähnliche Bedrängnis wie die Musikindustrie, die mit der Inflation an Raubkopien zu kämpfen hat. Früher sei bei wissenschaftlichen Arbeiten ein gewisser Rahmen garantiert gewesen: Die verwendete Literatur musste abgetippt und zitiert werden, die Lehrpersonen kannten die verfügbare Literatur. Der Wissenschaft sei es bisher noch nicht gelungen, ihre Kontrollmechanismen an die große Zahl der im Internet verfügbaren Texte anzupassen. Denn auch die Plagiatssoftware könne umgangen werden.

Eine Änderung der Form wissenschaftlicher Arbeiten hält Hrachovec aber nicht für sinnvoll: In gewissen Studienrichtungen sei es in Ordnung, wenn als Abschlussarbeit etwa ein Film oder ein Projekt eingereicht werde. In den Geisteswissenschaften sei es aber seit Jahrhunderten Usus, dass am Ende des Studiums der Nachweis steht, dass kompetent und professionell mit Texten umgegangen werden kann - "ich sehe nichts, was sich da verändert haben sollte".

Dieser Ansicht ist auch der Philosoph Konrad Paul Liessmann: "Es ist völlig klar, dass Diplomarbeiten nur in den seltensten Fällen wirklich originell sind."

Wandel bei Qualitätder Dissertationen

Aber das sei auch nicht der Sinn der Sache - Diplomarbeiten seien nun einmal lediglich das "Gesellenstück" wissenschaftlichen Arbeitens. Das Meisterstück käme dann mit der Dissertation. Und hier habe sich in den vergangenen Jahren viel getan: War früher die Dissertation in einigen Fächern der einzige Abschluss, ist ein PhD nach dem Bologna-System heute das, was früher die Habilitation war. So wird eine Doktorarbeit an der Uni Wien gar nicht mehr vom Betreuer begutachtet, sondern es wird ein externer Gutachter damit beauftragt.

Der Plagiatsskandal in Deutschland hat jedenfalls auch in Österreich Kreise gezogen: Die Uni Klagenfurt nimmt die Magisterarbeit von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser unter die Lupe. Auch die bereits einmal geprüfte Dissertation des ehemaligen Wissenschaftsministers Johannes Hahn, mittlerweile EU-Kommissar, wird erneut untersucht - hier sieht Hrachovec übrigens ein "klares Plagiat".

Und Wissenschaftsministerin Beatrix Karl will in den kommenden zwei Wochen Gespräche mit Vertretern der Universitäten, Fachhochschulen und der Agentur für wissenschaftliche Integrität über das Thema führen. Sie überlegt strengere Sanktionsmöglichkeiten für den Fall eines Plagiats - etwa wurden Schummler bis Anfang der 1970er bis zu drei Jahre lang für einen neuen Versuch gesperrt. Ihr gehe es nicht um Anlassgesetzgebung, sagte Karl - wenn es aber Lücken gebe, "werden wir diese schließen".

Für Hrachovec ist das "politischer Aktionismus". Denn die Qualitätskriterien für wissenschaftliches Arbeiten und die Vermittlung dieser an die Studenten würden in den Studienplänen - und damit autonom von den Universitäten - festgelegt. Und die Universitäten seien ohnehin "hoch daran interessiert, das noch weiter zu verbessern".