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Wissenschaft zum "Flicken und Stopfen"

Von Eva Stanzl

Wissen

Für den Wissenschaftsfonds ist nur die Vergangenheit in Ordnung. Künftig könnte er mangels Geld Bewilligungen stoppen müssen.


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Wien. Als sie im September des Vorjahres das Präsidium des Wissenschaftsfonds FWF antrat, hatte Pascale Ehrenfreund sich etwas anderes erhofft. "Wir waren auf Roadshow an Universitäten, um zu prüfen, welche Verbesserungen diese in unseren Förderprogrammen benötigen würden", sagte Ehrenfreund am Rande der FWF-Bilanz-Pressekonferenz am Mittwoch zur "Wiener Zeitung". In den vergangenen 15 Jahren sei in der heimischen Wissenschaft viel aufgebaut worden, daran hätte sie anknüpfen wollen. Nun aber kämpft die FWF-Chefin um die bare Finanzierung des größten - und einzigen - österreichweiten Fonds für Grundlagenforschung.

Seit die neue Regierung Wissenschaft und Wirtschaft in einem Ministerium zusammengelegt hat, wird befürchtet, der Forschungsstandort sei gefährdet. Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat zwar vehement dagegen angeredet und Unis und Forschungsträgern zusätzliche 1,6 Milliarden Euro für 2016 bis 2018 in Aussicht gestellt. Vor der Budgetrede am 29. April schlagen aber die Zahlen zu. (Offiziell) als Konsequenz der Hypo-Affaire wird auch bei Förderungen und Subventionen für die Wissenschaft gespart.

Anträge versus Bewilligungen

Konkret soll der Start der Studienplatzfinanzierung verschoben werden und mit einer "Universitätsmilliarde" nur das "Pflichtprogramm" für 2016 bis 2018 erhalten bleiben, so Mitterlehner. Doch auch die Chancen, dass die Unis ihre Budgets über Projektförderungen des FWF aufpeppen können, stehen schlecht. Denn für den FWF, durch den "Projekte möglich werden, die wir mit eigenen Mitteln nicht finanzieren könnten", wie Uni-Wien-Rektor Heinz Engl im "Standard" hervorhob, ist nur die Vergangenheit in Ordnung. Rekorde stammen aus dem Vorjahr.

2013 konnte der Wissenschaftsfonds erstmals 632 Förderanträge im Wert von 202,6 Millionen Euro neu bewilligen. Vier Fünftel der Summe flossen in Personalkosten und 85,6 Prozent in Forschungsprojekte an Universitäten. Wien, und die Steiermark profitierten am stärksten. Etwas mehr als 40 Prozent gingen an die Naturwissenschaften, weitere fast 40 Prozent in Life Sciences und 20 Prozent in Geistes- und Sozialwissenschaften.

Einem dynamisch ansteigenden Antragsvolumen steht jedoch ein seit 2002 sinkendes Bewilligungswachstum gegenüber. 2013 ist da keine Ausnahme: Das Antragsvolumen wuchs gegenüber 2012 um 100,8 Millionen auf 777,5 Millionen Euro an. "Man rennt uns die Bude ein", so FWF-Geschäftsführerin Dorothea Sturn. Allerdings ist das Bewilligungsvolumen im Jahresvergleich nur um 6,2 Millionen Euro gestiegen und lag 2013 bei 23,6 Prozent. Je höher der Budgetdruck auf das FWF-Angebot, desto steiler der Sinkflug. "Die Schmerzgrenze ist nahezu erreicht", sagte Christine Mannhalter, Vizepräsidentin des FWF. Schon jetzt müsse der FWF exzellente Projekte ablehnen. Entscheidungen über Qualität drohen zur Willkür zu verkommen.

Am Mittwoch wusste man im FWF noch nicht, wie die Budgetverhandlungen zwischen Wissenschafts- und Finanzministerium ausgegangen sind. Ursprünglich hatte Mitterlehner aus den (auch ursprünglich angedachten, aber nun vermutlich geschrumpften) 1,6 Milliarden für den FWF 243 Millionen Euro anvisiert. Doch selbst wenn diese Summe doch noch flüssiggemacht werden sollte, gibt es ein grundsätzliches Strukturproblem in der Finanzierung. Denn bereits 2013 waren nur 101 der 202,6 Millionen Euro Budget im Bundesvoranschlag festgeschrieben. Die Differenz kam aus Rücklagen des Ministeriums.

Ehrenfreunds größte Sorge liegt in diesem strukturellen Budgetproblem. Da die Reserven nun nämlich zur Neige gehen würden, bestünde die Gefahr, dass das FWF-Budget ab 2016 halbiert wird. "Das wäre fatal", sagte die FWF-Chefin. Sie wolle bis zum Budgetbeschluss am 20. Mai "weiterkämpfen". In Anbetracht der 18,1 Milliarden Euro an Rücklagen, die die Ministerien 2013 angespart haben (siehe unten), finden sich vielleicht noch die einen oder anderen Mittel. Doch selbst wenn das gelingt, "wäre es wieder ein Picken, Flicken, Stopfen", sagte Geschäftsführerin Sturn: "Was an sich schon ein Problem ist, wird bei jeder Krise zu einer Katastrophe."

Sollte das FWF-Budget tatsächlich halbiert werden, "müssten wir sofort aufhören, zu bewilligen". Dann stelle sich die Frage, welche Programme man weiterführen könne, und welche nicht: "Den wohldurchdachten Förderstrauß können wir dann nicht weiterfahren, so Sturn. "Vielleicht müssen wir für ein Jahr schließen."

4000 Arbeitsplätze in Forschung

Ein Radikalstopp der Anstellungen junger Forscher könnte Österreichs Abschied von der internationalen Wissenschaftscommunity sein. "Wenn Spitzenforscher in Fachblättern lesen, dass Österreich die Grundlagenforschung kürzt, kommen sie nicht", gibt Heidemarie Hurtl, Sprecherin des renommierten Wiener Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie, zu bedenken. Und ÖAW-Präsident Anton Zeilinger warnte im Ö1-"Mittagsjournal": "Sollten die inoffiziellen Zahlenstimmen, sprechen wir von über 4000 wissenschaftlichen Arbeitsplätzen an Unis, FWF und ÖAW, die verloren gehen könnten. Europäische Länder stehen im Wettbewerb um die besten Köpfe."

Während pro österreichischen Einwohner 24 Euro für den FWF aufgewendet werden, sind es in Deutschland pro Einwohner 34 Euro für die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG und in der Schweiz 89 Euro für den Schweizer Nationalfonds.