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Wo Bestrafungen nicht helfen

Von Joachim Mangler

Wissen

Die Uni Rostock untersucht Gehirne von Straftätern. | "Diagnostik muss verfeinert werden." | Rostock. (dpa) Unter hohem Sicherheitsaufwand sind in der psychiatrischen Uni Rostock in den letzten Monaten die Gehirne von Straftätern untersucht worden. Häftlinge, die zu langjährigen Freiheitsstrafen wegen Mordes, Totschlags oder Raubes verurteilt sind, sowie Patienten aus forensischen Kliniken sind die Probanden. Die Männer hatten entweder Straftaten mit hoher Impulsivität verübt oder sie gelten als Psychopathen, haben also ein unterkühltes Gefühlsleben. Sie sind, wie es Klinikchefin Sabine Herpertz ausdrückt, krankhaft angstfrei.


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Durchblutung als Maß

Im Versuch mussten die 28 Straftäter Aufgaben wie ein Börsenspiel bewältigen, während ihre Hirnaktivität in einem Kernspintomographen gemessen wurde. Als Maß für die Aktivität galt die Durchblutung bestimmter Hirnareale. Beim Börsenspiel müssen Entscheidungen schnell getroffen werden, es gibt risikoreiche und -arme Varianten; das Ergebnis, Sieg oder Niederlage, Belohnung oder Bestrafung, liegt schnell vor. Schon vor den Versuchen war bekannt, dass Entscheidungsprozesse sehr viel emotionaler und weniger rational bestimmt sind als bisher angenommen.

Die noch nicht vollständig ausgewerteten Ergebnisse lassen bereits einige Schlussfolgerungen zu. So sind bei Psychopathen Areale, die an Bestrafung beteiligt sind, schlechter durchblutet als in der Kontrollgruppe. "Wenn aus Bestrafung nicht gelernt wird, besteht eine hohe Wiederholungsgefahr." Für die Therapie heißt das, wenn jemand aus Bestrafung nichts lernt, sollte auch nicht mit Bestrafung gearbeitet werden.

Herpertz betont: "Unser Ziel ist es zu erkunden, welche Hirnstrukturen verantwortlich für Taten sein können und welche Therapien für welchen Täterkreis sinnvoll sind." Klar scheint, dass Straftäter aus der hochaffektiven Gruppe anders behandelt werden müssen als Psychopathen. Zudem müsse die Diagnostik von Straftätern verfeinert werden, sagt die Psychiaterin. Doch werden die Ergebnisse genügend Raum für Interpretationen geben. Sind Verbrecher angesichts ihrer Hirnphysiologie überhaupt für ihre Taten verantwortlich? Schon melden sich Neurowissenschafter, die die Schuldfähigkeit eines Verbrechers wegen der möglicherweise fehlenden Willensfreiheit prinzipiell infrage stellen.

Dies sind Gedanken, die Axel Boetticher, Richter am Karlsruher Bundesgerichtshof, ablehnt. Noch sei zu wenig bekannt, um solche Schlüsse ziehen zu können. "Ich weigere mich, mir ohne nachhaltige neue Erkenntnisse konkrete Gedanken über nötige Maßnahmen weg vom Schuldstrafrecht zu machen." Zudem beantworteten die Neurowissenschafter, die an der Schuldfähigkeit zweifeln, nicht die viel weitergehende Frage, welche Auswirkungen der fehlende freie Wille für das gesamte soziale Zusammenleben hat.

Auch Herpertz meint, dass die Wissenschaft weit entfernt ist, aufgrund dieser Ergebnisse Rückschlüsse auf einen einzelnen Menschen ziehen zu können. Es fehle die Sicherheit, um Fragen nach der Schuldfähigkeit zu beantworten oder eine Prognose stellen zu können. Denn von der Beantwortung solcher Fragen hängt für diesen Menschen der Verlauf des Lebens ab. "Da darf es kein Ausprobieren geben", sagt Herpertz. Sie weist darauf hin, dass es auch im Leben von Psychopathen eine Entwicklung hin zur Gefühlskälte und Aggressivität gegeben hat, sie kennen ihre Schwächen also. "Die Gesellschaft kann die Erwartung stellen, dass ihre Bürger Strategien zum Umgang mit diesen Schwächen entwickeln."