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Wo, bitte, bleibt das Wachstum?

Von Christian Ortner

Gastkommentare
Christian Ortner.

Jene ökonomische Therapie, die nach dem Finanzcrash Schlimmeres verhinderte, erzeugt heute eine chronische Stagnation.


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Daran, dass es auch in Österreich Jahre gab, in denen die Wirtschaft um satte drei Prozent oder gar noch mehr wuchs, werden sich bald nur noch die Betagteren unter uns erinnern können; denn derart robust war das Wachstum zuletzt vor fast schon einem Jahrzehnt. Dass sich daran so bald etwas substanziell ändern wird, ist derzeit nicht zu erwarten. Mickrige Wachstumsraten zwischen ein und zwei Prozent scheinen das neue Normal zu sein. Das dämpft nicht nur den Wohlstand der Österreicher. Das führt vor allem auch dazu, dass die Arbeitslosigkeit hoch bleibt und chronisch wird. Denn um etwa die von der Regierung angepeilte Vollbeschäftigung bis 2020 tatsächlich entstehen zu lassen, müsste die Volkswirtschaft doppelt so schnell wachsen wie derzeit. Rasend realistisch erscheint das aus heutiger Sicht nicht.

Dass die Wirtschaft derart lahmt, ist umso erschreckender, als derzeit eigentlich tolle Voraussetzungen für einen veritablen Boom herrschen: Die Zinsen niedrig wie nie, Energie zum Spottpreis und ein schwacher Euro - besser geht’s eigentlich kaum. Im Lehrbuch der Volkswirtschaft führt so eine Konstellation fast zwingend zu einem knackigen Aufschwung. Man will sich deshalb lieber nicht vorstellen, was mit dem ohnehin nur kümmerlichen Wachstum passiert, sobald die Zinsen wieder steigen, das Öl teurer und der Euro härter wird.

Dass nennenswertes Wachstum in weiten Teilen Westeuropas zu einem aussterbenden Phänomen geworden ist, dürfte nicht zuletzt der Art und Weise geschuldet sein, wie der Finanzcrash vor einem Jahrzehnt politisch beantwortet wurde: mit abenteuerlichen Mengen Geld, die nun als Schuldengebirge die Budgets über Gebühr belasten. Damit wurde zwar unmittelbar nach Ausbruch der globalen Finanzkrise ein unkontrollierter Kollaps vermieden - aber gleichzeitig auch jene chronische ökonomische Schwäche begründet, unter der wir bis heute leiden und wohl auch noch länger leiden werden. Denn jeder ökonomisch auch nur halbwegs Kundige sieht, wie einsturzgefährdet Europas wirtschaftliches Gebäude seit dem Crash ist: Griechenland ist nach wie vor pleite, italienische Banken sind am Rande des Zusammenbruchs, und selbst einst prestigeträchtigen deutsche Banken sind plötzlich als Mega-Zeitbomben gefürchtet - und all das von scheinbar unbegrenzter Liquidität der Europäischen Zentralbank über Wasser gehalten.

Statt nach 2007 alle krisenbedingt uneinbringlich gewordenen Forderungen an Staaten, Banken und andere ökonomische Akteure abzuschreiben, eine schwere Rezession zu riskieren und bald wieder kräftiges Wachstum zu haben, zog Europa, ähnlich wie schon früher Japan, einen Schrecken ohne Ende dem Ende mit Schrecken vor. Weil aber alle wissen, dass die Staatsschulden von heute die Steuern von morgen sind, und gleichzeitig niemand weiß, ob der historisch einmalige und noch nie da gewesene Plan der EZB, die Zinsen so lange so niedrig zu halten und Monat für Monat gewaltige Geldbeträge zu schaffen, nicht am Ende fürchterlich scheitern wird, herrscht enorme Verunsicherung unter jenen, die Geld investieren könnten; zum Beispiel in Fabriken, die Leuten Arbeit geben - was genau jene Stagnation erzeugt, unter der wir wohl noch länger leiden werden, als uns lieb sein kann.