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Wo bleiben die Männer?

Von Ina Weber

Politik

Nach wie vor sind Wiens Kindergärten "mütterliche Heime" - eine Änderung ist vorerst nicht in Sicht.


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Wien. Die Kindergartenjahre sind prägende Jahre. Nicht nur auf der emotionalen Ebene lernt ein Kind dort das Loslassen von Mama, Papa oder Bezugsperson und das Vertrauen, dass es wieder abgeholt wird. Auch belegen zahlreiche Studien, dass die grundsätzlichen Interessen der Kinder in diesem Alter geweckt werden: Sie könnten locker eine zweite Sprache lernen, heißt es, und vom Zerlegen eines DVD-Players bis zum Gestalten einer Puppenküche ist noch alles drin.

Zehn Jahre später müsste sich jenes Kindergarten-Kind rein theoretisch schon entscheiden, ob es Kindergärtner werden will, denn mit 14 Jahren beginnt die Ausbildung an der Bakip (Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik). Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und genau darin sehen aber auch viele das Problem für den Mangel an männlichen Role-Models in Kindergärten. "Für 14-jährige Burschen ist das eher uninteressant", sagt Wilhelm Raber zur "Wiener Zeitung". Der 30-Jährige hat selbst die Kindergarten-Ausbildung gemacht. Er hat sich damals dafür entschieden, weil es für ihn am Gymnasium nicht mehr gepasst hat, und weil er gerne mit Kindern gearbeitet hat. In dem Beruf gelandet ist er aber nie. "Für mich war bald klar, dass ich studieren will", sagte er. Die Idee, in einem reinen Männer- oder Frauenberuf zu arbeiten, widerstrebt ihm. "Zu süß, zu nett, zu oberflächlich harmonisch, unausgetragene Konflikte", beschreibt Raber das Klima in einem Kindergarten, das er während seiner Berufspraktika erlebt hat.

Die Ausbildung hält der Pädagoge, der heute in der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge arbeitet, für reformbedürftig. Die allgemeinen Oberstufenfächer seien zu kurz gekommen, auch sei es eine Ausbildung für einen einzigen Beruf. "Wenn ich eine HAK absolviere, kann ich ja auch nicht nur Buchhalter werden", so Raber.

Stadt weitet Ausbildung aus

Eines sei ihm im Zuge der Ausbildung auch aufgefallen: Die Form sei immer wichtiger gewesen als der Inhalt. "Das war für uns Burschen immer sehr unfair." Auch stehe man mit der Ausbildung an, da sei kein Platz für Aufstiegsgedanken. In seinem Jahrgang gab es damals 90 Schülerinnen und sechs Schüler. Von seinen Kollegen sei genau einer in dem Beruf geblieben und der habe selbst einen Alternativkindergarten gegründet. Alle anderen seien heute Psychologen, Lehrer oder Sozialarbeiter.

Dass die Entscheidungsfähigkeit bei Erwachsenen größer ist als bei 14-Jährigen, hat auch die Stadt erkannt. Und so weitet Wien im nächsten Schuljahr die Ausbildungskapazitäten an der bakip21 in Floridsdorf aus. Für die Ausbildungsschiene "Change" für Erwachsene haben sich 642 Interessierte für die Eignungsprüfung angemeldet. 60 davon sind Männer. Insgesamt werden rund 180 Personen aufgenommen. Abhängig vom Ergebnis der Prüfungen können im Herbst bis zu sechs statt bisher drei Klassen starten. "Wir haben diese Lehrgänge aufgestockt, weil die Erfahrungen gezeigt haben, dass Erwachsene bewusstere Ausbildungsentscheidungen treffen und die Absolventen des Erwachsenen-Kollegs nahezu zu 100 Prozent in den Job im Kindergarten einsteigen", sagt Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Das Kolleg dauert zweieinhalb Jahre, Matura oder Studienberechtigungsprüfung werden vorausgesetzt.

Ob damit in Zukunft auch mehr Männer in den Beruf einsteigen, ist fraglich. Diese brauche es aber dringend, sagte Heidemarie Lex-Nalis von der Plattform EduCare. "Wo bleiben die Buben, wenn keine männlichen Vorbilder vorhanden sind. Was macht das mit den Kindern?", fragte sie. Die Tatsache, dass Männer diesen Beruf nicht ergreifen, hat für sie mit dem Image des Berufes, der tradierten Rollenauffassung und nicht zuletzt mit der Bezahlung zu tun. Sie fordert eine adäquate Ausbildung für Kindergärtner. Die Bakip sei zwar eine gute Vorbildung, dürfe aber nicht die letzte Ausbildungsstufe sein. Danach müsste die Pädagogenausbildung ansetzen. Ursprünglich sei das auch der Plan der Regierung gewesen, so Lex-Nalis, doch diese habe ihr Versprechen nicht gehalten und so sprießen nun vereinzelt akademische Ausbildungen von Vereinen und Institutionen aus dem Boden. Die Umsetzung scheitere daran, dass jeder sein Süppchen koche. So hat etwa der Verein Kiwi (Kinder in Wien) seine erste akademische Fachausbildung für Kindergärtner vor kurzem gestartet. Gemäß den Barcelona-Zielen müssten neue Plätze geschaffen werden, andererseits gebe es immer weniger Bakip-Absolventen, die in den Beruf einsteigen würden.

Warum man an der Berufsauswahl mit 14 Jahren festhält, erklärt Lex-Nalis von EduCare anhand der konservativen Kräfte im Land. Nach wie vor sei es für viele schon eine großartige Leistung, dass man mit Matura abschließt. "Braucht man einen Bachelor zum Windelwechseln", hört sie oft. Der Kindergarten sei aber eben viel mehr: "Gezielte Sprachförderung, interkulturelle Kompetenz, Umsetzung des Bildungsplanes." Darüber hinaus sollte er die Gesellschaft abbilden und dazu gehören eben auch Männer. Für Bernhard Koch von der Universität Innsbruck wurde "das Männliche aus dem Kiga extrahiert". Männer haben aber andere Zugangsweisen als Frauen, zitiert er eine Studie. Videoanalysen zeigen, dass Buben sich eher Männern zuwenden, wenn es sie gibt. Männer trauen Kindern mehr zu, in Skandinavien, wo der Männeranteil viel höher ist, hat sich dadurch schon viel geändert: Das mütterliche Heim wurde längst vom Outdoor-Kindergarten abgelöst.