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Wo bleibt eigentlich die tägliche Mathematikstunde?

Von Stefan Brocza

Gastkommentare
Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und Internationale Beziehungen; er lehrt an den Universitäten Wien und Salzburg. Seine beiden Kinder besuchen ein akademisches Gymnasium.

Während an Österreichs Schulen nun die "tägliche Bewegungseinheit" forciert wird, werden die wissenschaftlichen Fächer ausgehungert.


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Als Österreich bei den Olympischen Sommerspielen in London 2012 medaillenlos blieb, setzte ein großes Geschrei und Gejammer ein. Sonderbudgettöpfe wurden geschaffen, und allerorts wurde die tägliche Turnstunde an Österreichs Schulen zur Priorität erkoren. Vor kurzem hat ein Gesetzespaket zur "täglichen Bewegungseinheit" den zuständigen Parlamentsausschuss passiert.

Als im vergangenen Herbst - so wie in den Jahrzehnten davor - Österreich bei der Vergabe der wissenschaftlichen Nobelpreise wieder einmal leer ausging, blieben Politik und Massenmedien stumm. Die Tatsache, dass ein solcher "wissenschaftlicher Olympiasieg" zuletzt 1973 mit Konrad Lorenz an Österreich ging, holt in unserem Land offensichtlich niemanden hinter dem Ofen der Selbstzufriedenheit hervor. Solange der jährliche Skiauftakt in Sölden an österreichische Heroen geht, ist die Welt an der Donau in Ordnung.

Die leeren Lippenbekenntnisse zur Förderung der sogenannten Mint-
Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) an Österreichs Schulen sind da das passende Beispiel. Regelmäßig wird deren Bedeutung in großflächigen Inseraten in kleinformatigen Gratiszeitungen beschworen. Der einfache Blick auf die Stundentafel eines österreichischen Gymnasiums enthüllt jedoch die politische Verachtung gegenüber diesen Fächern und die wahre Schwerpunktsetzung:

Das Fach Chemie ist dabei mit zwei Wochenstunden erstmals in der 4. Klasse zu finden, um dann in der 5. und 6. Klasse umgehend zu pausieren und erst wieder in den beiden letzten Jahren mit je zwei Stunden auf dem Lehrplan zu stehen. Ein langfristiges, aufbauendes Lernen ist unter solchen Bedingungen jedenfalls nicht möglich. Warum zum Beispiel Physik in der 5. Klasse AHS für ein Jahr ausfällt oder Biologie in der 7. Klasse einjährig aussetzen muss, ist einem vernünftig denkenden Menschen jedenfalls nicht ersichtlich. Demgegenüber sind zwei Wochenstunden Religion durchgehend acht Jahre lang garantiert.

Auf den Punkt gebracht: 16 Jahreswochenstunden Religionsunterricht beziehungsweise 23 Stunden "Bewegung und Sport" stehen beschämenden 12 Stunden Physik oder gar lächerlichen 6 Stunden Chemie gegenüber. Informatik gibt es in dieser Welt dann sowieso nur in einem Jahr (zwei Stunden in der 5. Klasse), und selbst der Mathematikunterricht wird bereits nach zwei Jahren auf minimale drei Wochenstunden bis zur Matura heruntergefahren.

Dieses systematische Aushungern wichtiger Schulfächer scheint jedenfalls ein zentrales Konzept der aktuellen österreichischen Bildungspolitik zu sein. Die mit der Oberstufenreform eingeführten sechs Wochenstunden Wahlpflichtgegenstände können dieses Defizit keinesfalls auffangen. Umso mehr, als in der Realität Schüler an österreichischen Gymnasien konsequent dazu angehalten werden, diese "freiwillige Schwerpunktsetzung" doch unbedingt im Fremdsprachenbereich wahrzunehmen.

Wann wird angesichts dieses bildungspolitischen Offenbarungseides endlich die Forderung nach einer täglichen Mathematikstunde laut? Was für die Sporterziehung möglich ist, muss auch für klassische Schulfächer machbar sein.