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Wo der Sand herkommt

Von Hannes Flatz

Sand

950 Sand- und Kiesgruben und 350 Steinbrüche sichern die Versorgung in Österreich.


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Wien. Steigt man in Bad Deutsch-Altenburg in Niederösterreich - eine kleine Gemeinde mit 1700 Einwohnern nahe Hainburg an der slowakischen Grenze - aus dem Zug, so sieht man auf den ersten Blick ein recht großes Werksgebäude. Wer Glück hat, kann beobachten wie riesige Mengen Steine, Kies und Sand in Güterwaggons verladen werden. Denn dahinter befindet sich ein gewaltiger Steinbruch.

"Als allererstes wird der Wald über dem abzubauenden Gestein gerodet", erklärt Betriebsleiter Florian Bauer. Er führt gemeinsam mit Projektentwickler Philipp Wiederhold durch den Steinbruch Hollitzer und legt den Produktionsablauf dar. Der Betrieb gehört dem deutschen Unternehmen Rohrdorfer. Seit 112 Jahren wird hier schon abgebaut.

Aber: Wie entsteht aus einem Berg Sand? Und: Woher stammt der österreichische Sand?

Erde wird am Endewieder aufgetragen

Im nächsten Schritt wird dann Erde abgetragen, bis man auf festen Felsen stößt. Die Erde wird Jahre später für den Rekultivierungsprozess wiederverwendet. Danach soll sich die Natur den Lebensraum zurückerobern können. Wobei ein Steinbruch auch während der Nutzungsdauer keine vegetationslose Wüste ist, so hat sich hier beispielsweise eine Herde Mufflons angesiedelt. Die Paarhufer finden hier einen optimalen Lebensraum vor.

Auf das Gelände geht es nur mit Stahlkappenschuhen, Helm, Brille und gelber Weste. Wir stehen ganz oben auf dem Berg - mehrere dutzend Meter über dem Talboden - und überblicken das enorme Ausmaß des Steinbruches. Einmal kommt Geröll ins Rutschen, der Helm hat schon seine Berechtigung.

"Gut 800.000 Tonnen an Baurohstoffen werden hier jährlich abgebaut," erklärt Franz Schalko, der Geschäftsführer des Steinbruchs. Der Steinbruch leistet damit einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Baurohstoffautonomie, was weltweit gesehen keine Selbstverständlichkeit ist.

Branche stellt 5000 Arbeitsplätze zur Verfügung

Die gut 950 Sand- und Kiesgruben sowie die rund 350 Steinbrüche in Österreich sichern jedoch hierzulande die Versorgung, legt das Forum mineralische Rohstoffe der Wirtschaftskammer dar. Dabei beträgt die durchschnittliche Distanz von der Gewinnungsstätte bis zum Endverbraucher nur 25 Kilometer. Denn aufgrund des niedrigen Marktpreises von Baurohstoffen übersteigen laut Forum Rohstoffe bereits ab 30 Kilometern die Transportkosten jene der Produktion.

Steinbrüche sind deshalb gerade in ländlichen Regionen auch ein wichtiger regionaler Arbeitgeber. Im Betrieb in Bad Deutsch-Altenburg sind 25 Menschen beschäftigt, in ganz Österreich stellt die Branche laut Forum Rohstoffe gut 5000 Arbeitsplätze zur Verfügung.

Stoße man auf festen Felsen, werde gesprengt, führen Bauer und Wiederhold weiter aus. Das so freigelegte Gesteinsmaterial wird in einer Vorbrechanlage zerkleinert. Im nächsten Schritt kommt dann eine Brechmaschine zum Einsatz, die man sich wie eine Waschmaschine vorstellen kann. Nur werden die Steine nicht gewaschen, sondern zerbrochen.

Wir fahren nun mit dem Jeep vorbei an den riesigen Hügeln aus kleinen Steinen, die durch den letzten Brechschritt entstanden sind. Es ist eine surreale Landschaft, die an Wüstengegenden erinnert. Daneben immer wieder eine große Maschine: Ein Radlader, ein Bagger oder ein Lkw. Irgendwie müssen die Massen transportiert werden.

Geht auch Österreichder Sand aus?

Im letzten Produktionsschritt kommt das Material in verschiedene Siebmaschinen. Dadurch entstehen unterschiedlichste Größen - von größeren Steinen bis zum hauchdünnen Sand benötigt die Bauwirtschaft die verschiedensten Produkte. Diese werden in mehreren Boxen gelagert, je nach Wunsch automatisch zusammengemischt und direkt in die Lkw verladen. Aus dem Steinbruch in Bad Deutsch-Altenburg geht gut die Hälfte der Produktion in die Asphaltindustrie. Ein Teil wird als Untergrund im Straßenbau verwendet. Etwas minderwertigeres Material wird für den Bau von Windparks oder OMV-Bohrplätzen genutzt.

"Wir sind immer auch bei neuen und innovativen Produkten dabei", sagt Florian Bauer. Grundsätzlich mutet die Arbeit auf dem Steinbruch archaisch an, dabei ist sie durchaus innovativ. Beispielsweise werden Sondermischungen für Rasenflächen entwickelt, damit das Wasser besser abfließen kann. Diese Mischungen für nicht versiegelte Oberflächen kamen unter anderem im Wiener Krankenhaus Nord oder beim Bau der Wirtschaftsuniversität Wien zum Einsatz. Außerdem bestehen Entwässerungsanlagen für Autobahnen aus solchen speziellen Innovationen. Und die wenigsten wissen, dass aus Sand auch Naturdünger hergestellt werden kann.

Jeder Österreicher konsumiert laut aktuellen Statistiken jährlich 10 bis 12 Tonnen Baurohstoffe (an denen Sand einen großen Anteil hat). "Die Auftragslage, die stark von der Konjunktur abhängt, ist dementsprechend recht gut", erklärt Franz Schalko. Seit 1960 hat sich laut dem österreichischen Ressourcennutzungsbericht von 2015 der Verbrauch von nicht-metallischen Baurohstoffen mehr als verdoppelt - auf gut 100 Millionen Tonnen jährlich.

Doch der Abbau von Rohstoffen wie Kies und Sand steht oftmals in Konkurrenz zu anderen Nutzungsmöglichkeiten. Geht auch Österreich der Sand aus? Die Antwort darauf lautet aus geologischer Sicht: Nein. Es gebe mehr als genug Vorkommen, sagt das Forum Rohstoffe. Der Zugang dazu wird aber immer schwieriger.

Auf der anderen Seite Österreichs, in Schnepfau im Bregenzerwald (Vorarlberg), zeigte sich im Vorjahr sehr konkret, wie diese unterschiedlichen Interessen aufeinanderprallen und zu einer Verknappung der Ressource Sand führen können. Die Firma Rüf wollte zur Sicherung des regionalen Bedarfes eine Kiesgrube am Fuße des Hausberges der Region, der Kanisfluh, errichten. Dies führte sofort zu einem Aufschrei in der Bevölkerung. Eine breite Basis machte mit einer Petition und sogar einem eigens komponierten Lied mobil gegen die "Landschaftswunde, die unserem Hausberg zugefügt werden soll". Das Projekt wurde auf Eis gelegt.

Der Konflikt mit der Bevölkerung "liegt darin begründet, dass die Bevölkerung zum einen die Vorteile nicht sieht und zum anderen allgemein sensibler wird", sagt Franz Schalko. Letztlich ist für Florian Bauer "Bergbau immer ein Einschnitt in die Natur und Lärm, Staub sowie Erschütterungen nie ganz vermeidbar." Der Steinbruch Hollitzer hat jedenfalls noch für die nächsten Jahrzehnte genügend Rohstoffe zur Verfügung. Der Steinbruch in Bad Deutsch-Altenburg wird also nicht so bald versanden.