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Mitteleuropa ist weit mehr als nur ein geographischer Begriff. | Dennoch muss er neu gefunden werden.
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Manche Dinge sind halt eine Sache des Herzens. Die Leidenschaft beispielsweise. Gewisse Vorlieben. Der Genuss, mit dem etwas getan wird. Oder Europa.
Europa, findet etwa Jean-Claude Juncker, sei eine Sache des Herzens, nicht nur des Verstandes. Und irgendwie wirkt der luxemburgische Premier, der diesen Satz bei einer Auszeichnung in Wien gesagt hat, dabei glaubwürdig. Nicht, weil er ein kleines Land vertritt, das so manches Mal im Streit der größeren EU-Staaten vermittelt hat. Nicht, weil er Vorsitzender der Euro-Gruppe ist. Sondern weil er im Reigen der Staats- und Regierungschefs, die vor allem nationale Interessen in den Mittelpunkt ihres Strebens gerückt sehen wollen, wie jemand agiert, der das Gesamte nicht aus dem Blick verlieren möchte. Und Europa ist nun einmal mehr als die Summe aller Teile.
Doch wo ist das europäische Herz? Die Litauer behaupten, es sei in ihrem Land. Im Dorf Purnuskes, nördlich der Hauptstadt Vilnius, soll der geographische Mittelpunkt Europas sein.
Diesen ortete ein polnischer Kartograph einst im Nordosten Polens, und Geographen in der Zeit der K.u.K.-Monarchie errechneten ihn in der Nähe der Stadt Eger in Böhmen. Der Mittelpunkt der Europäischen Union wiederum soll seit der Erweiterung vor drei Jahren in der deutschen Stadt Gelnhausen liegen, in Hessen.
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Die Grenzen der EU verschieben sich, und dabei tauchen auch wieder Begriffe aus der Vergangenheit auf. Mitteleuropa ist so ein Wort. Es schien für lange Jahre untergegangen, als der Kontinent durch die große unpassierbare Grenze in Ost und West geteilt war. Nach dem Scheitern des Kommunismus begannen in den 90er Jahren Debatten über ein auferstehendes Mitteleuropa. Später verebbte die Diskussion wieder.
Doch ist der Begriff nicht völlig vergessen. So machte sich der ungarische Außenminister Janos Martonyi bei einem Vortrag in Wien Gedanken über die neue Mitteleuropa-Politik seines Landes. Aber was ist das Neue daran, fragte er. Vielleicht sei es bloß eine neue alte Mitteleuropa-Politik, die bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht, als Österreich und Ungarn eine Monarchie waren. Dass etliche Ungarn bis heute den Verlust zahlreicher Gebiete nach dem Ersten Weltkrieg nicht verschmerzt haben, zeigen die Diskussionen um die doppelte Staatsbürgerschaft für Auslandsungarn, die die Slowakei etwa als Eingriff in ihre territoriale Souveränität ansieht.
Allerdings war Mitteleuropa noch vor 150 Jahren weit mehr als eine Ansammlung von Gebieten, wo unterschiedliche Völker vom Nationalstaats-Gedanken beseelt um eigene Länder rangen. Es war eine Region, die ein Kulturschaffen ermöglichte, das in alle Himmelsrichtungen auf dem Kontinent ausstrahlte. Die Akademiker in Riga konnten ebenso gut deutsch wie jene in Berlin, die Literaten aus Prag diskutierten mit ihren Kollegen in Wiener Kaffeehäusern, Krakau war von Wien mit dem Zug ebenso unkompliziert erreichbar wie Lemberg.
In seinem Essayband "Die Mitte liegt ostwärts: Europa im Übergang" weist der deutsche Historiker Karl Schlögel darauf hin, dass die Kultur Berlins oder Wiens ohne jene Warschaus oder Tallinns nicht denkbar wäre, auch wenn die westeuropäische Perspektive den osteuropäischen Beitrag oft ignorieren wollte. Geschichte spielt sich für ihn in einem spezifischen Raum ab, der Ländergrenzen nicht akzeptieren mag.
Mitteleuropa hatte so nicht nur einen Mittelpunkt, nicht nur ein Herz. Es hatte mehrere Herzen. Und mittlerweile hätten sie die Chance, wieder lebhafter zu pochen.

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